Süddeutsche Zeitung

Wintershall Dea:Raus mit Schaden

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Die Kasseler BASF-Tochter zieht sich mit 5,3 Milliarden Euro Verlust aus ihrem Gasgeschäft in Russland zurück. Nach 30 Jahren ist das eine echte Zäsur - und ein Befreiungsschlag.

Von Michael Bauchmüller

Mario Mehren klingt frustriert, auch noch am Tag danach. "Wir haben das nicht leichtfertig gemacht", sagt der Chef des Gaskonzerns Wintershall Dea. Aber die Lage habe dem Unternehmen keine andere Wahl mehr gelassen. "Gazprom hat sämtliche Konten abgeräumt", sagt Mehren der Süddeutschen Zeitung. "Und unsere Aktien sind inzwischen wertlose Hüllen" - ohne wirtschaftlichen Wert, ohne Stimmrecht. So enden 30 Jahre Geschichte - die Geschichte von Wintershall Dea in Russland.

Schon am Dienstagabend hatte der Kasseler Konzern die Zäsur bekannt gegeben. Alle Russland-Geschäfte, in erster Linie sibirische Gasfelder, die Wintershall in Joint Ventures mit Gazprom ausbeutete, werden "entkonsolidiert". Dazu das gescheiterte Engagement in der Ostseepipeline Nord Stream 2 nebst Investitionen in Pipelines, die das Nord-Stream-Gas an Land weitertransportieren sollten. Die Folge: ein "einmaliger, nicht zahlungswirksamen Aufwand in Höhe von 5,3 Milliarden Euro". So viel muss Wintershall Dea nun abschreiben - mit Folgen auch für den Mutterkonzern BASF: Dessen Verlust im Geschäftsjahr 2022 von 1,4 Milliarden Euro geht vor allem auf Wintershall Dea zurück. Und damit auf den Krieg in der Ukraine.

Erste Konsequenzen hatte Wintershall schon Anfang März gezogen. Damals stoppte das Unternehmen alle Planungen für neue Öl- und Gasprojekte in Russland. Die bestehenden Joint Ventures wollte man dagegen weiterführen, zumal sie angesichts hoher Gas- und Ölpreise mehr als florierten. Dann, kurz vor Weihnachten, kam das Präsidiale Dekret Nummer 943: Damit reduzierte der Kreml die Preise, zu denen die Joint Ventures ihren Rohstoff an Gazprom weiterverkaufen - und zwar rückwirkend ab März. "Die Joint Ventures wurden de facto wirtschaftlich enteignet", sagt Mehren.

Den Konzern trifft das ins Mark. Rund die Hälfte der Wintershall-Dea-Produktion stammte zuletzt aus Russland. Vermehrt werde man sich nun in Ländern wie Norwegen und Algerien engagieren, deren Bedeutung als Gaslieferanten durch die Krise gewachsen ist. "Die Entwicklung ist hart", sagt er. "Aber wir sind auf diesen Moment vorbereitet." Von einem Personalabbau will er nicht sprechen. Aber die Strukturen des Unternehmens müssten nun angepasst werden.

Am Mittwochnachmittag wendet sich der Vorstand mit einer Erklärung an die Beschäftigten. "Wintershall Dea hat an diese Zusammenarbeit geglaubt", schreibt er darin. Aber Russland sei "unberechenbar geworden - in jeder Hinsicht". Eine Ära sei zu Ende gegangen. Für Wintershall Dea dagegen könnte eine neue Ära näherrücken: an der Börse. BASF halte an den Plänen fest, seinen 72,7-prozentigen Anteil zu verkaufen, erklärt ein Sprecher des Chemiekonzerns am Mittwoch. Und ohne den Ballast des Russland-Geschäfts könnte so ein Börsengang sogar leichter werden.

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