Süddeutsche Zeitung

Projekt #MeineMiete:"Die Abstellkammer zum Bad umbauen"

Lesezeit: 4 min

Glückliche Zufälle und frustrierende Erlebnisse: 21 000 Menschen haben den Fragebogen zum SZ-Projekt #MeineMiete bislang ausgefüllt - machen auch Sie mit.

Von Sabrina Ebitsch, Christian Endt und Moritz Zajonz

"Ich suche eine Wohnung, keine Leibeigenschaft", schreibt eine Leserin, die aus ihrer alten Wohnung ausziehen muss. Sie klagt über "unverschämt hohe Mieten" und darüber, dass die Wohnungssuche "ein Akt der Demütigung" geworden sei. Offenbar bekomme den Vermietern die Macht nicht, die sie hätten.

Eine Wohnung, das ist mehr als nur ZimmerKücheBad, mehr als nur vier Wände. Ein Mietverhältnis ist mehr als eine vertragliche Übereinkunft mit Rechten und Pflichten. Das Thema ist hochpolitisch, hochemotional und für viele auch existentiell - und das längst nicht mehr nur in München oder Hamburg. Das zeigt sich an Rückmeldungen wie dieser, die wir seit dem Start des Projekts #MeineMiete am Montag dieser Woche erhalten haben. Und auch an der enormen Resonanz, auf die die Umfrage stößt.

Mit dem Crowdsourcing-Projekt will die Süddeutsche Zeitung herausfinden, wie groß die Belastung für die Menschen in Deutschland durch ihre Miete ist und wo die Probleme liegen. Den Fragebogen haben mittlerweile mehr als 21 000 Menschen bis zum Ende ausgefüllt. Und mehr als 1000 von ihnen haben außerdem ihre Erfahrungen bei der Wohnungssuche oder als Mieter aufgeschrieben. Eine weit höhere Beteiligung als erwartet - selbst wenn das Projekt schon abgeschlossen wäre.

Der Fragebogen ist aber noch mehrere Wochen online erreichbar unter sz.de/meinemiete - und wir freuen uns über jeden weiteren Eintrag, weil die Ergebnisse umso belastbarer und aussagekräftiger werden, je größer die Datenbasis wird. Bis zur Veröffentlichung der Gesamtauswertung werden wir alle Interessierten aber auf SZ.de und in der Süddeutschen Zeitung regelmäßig mit Zwischenständen auf dem Laufenden halten. Schon jetzt zeichnen sich erste Tendenzen ab:

1. Es ist alles dabei

Von Menschen in existentieller Not, die sich vor Obdachlosigkeit fürchten, über sagenhaft glückliche Zufälle ("Anzeige im Einwickelpapier des Salates, den ich auf dem Wochenmarkt eingekauft habe, gefunden, angerufen, besichtigt, bekommen") bis hin zu zufriedenen Menschen, deren Vermieter seit 20 Jahren die Miete nicht erhöht hat. Von Sehrgutverdienern mit einem Nettohaushaltseinkommen im sechsstelligen Bereich bis hin zu Studenten oder Rentnern mit Minijobs. Von Mietkosten in Höhe von 6000, 7000, 8000 Euro in 200-Quadratmeter-Wohnungen bis hin zu symbolischen Beträgen von ein paar Euro für das Zimmer bei Bekannten.

2. Ein Drittel ist unzufrieden mit der Miete

Von Wohnungsgröße, Wohnort oder Einkommen abgesehen ist ein zentraler Punkt im Fragebogen die eigene Zufriedenheit mit den Mietkosten. Die Mehrheit von gut zwei Dritteln gibt an, sehr bis eher zufrieden zu sein; ein knappes Drittel bewertet die eigene Miethöhe dagegen eher negativ, scheint also eine Belastung zu spüren.

Das ist grundsätzlich betrachtet ein relativ hoher Wert - in diesem Kontext aber insofern überraschend, weil zu erwarten wäre, dass bei den Unzufriedenen, Verärgerten die Bereitschaft zur Teilnahme höher ist. Darauf deutet auch die Zustimmung von mehr als der Hälfte der Befragten zu der Aussage hin, "Die Debatte um Mietpreise, um Wohnungsnot wird in meinem Umfeld oft und auch emotional geführt."

Womöglich ist das Problem vielschichtiger, und die Menschen spüren neben einer rein finanziellen auch eine Belastung durch Wohnungsmangel oder Verdrängungsdruck, durch die Schwierigkeit, etwas Passendes zu finden. Eine Leserin schreibt in drastischen Worten: "Ich habe wahnsinniges Glück mit meinem Vermieter und meiner Wohnung. Aber ich werde nie meine Wohnung aufgeben können, da ich nichts Vergleichbares mehr finden werde. Daher ist ein Zusammenziehen mit meinem Freund nicht möglich. Ich werde für immer hier bleiben müssen. Auf der einen Seite ist es pures Glück. Aber hat auch etwas von Eingesperrtsein."

3. Viele sind auf Wohnungssuche

Zur Problematik eines angespannten Wohnungsmarktes und seinen Auswirkungen auf die Menschen passt, dass mehr als ein Drittel der Befragten angibt, in absehbarer Zeit umziehen zu wollen oder zu müssen.

Die Gründe dafür sind vielfältig, häufig steht dahinter der Wunsch nach einem Ortswechsel - oder nach einer größeren Wohnung. Etwa ein Viertel ist eher bis sehr unzufrieden mit der Größe der eigenen Wohnung.

Wie schwierig die Wohnungssuche nicht nur in den Metropolen ist, zeigen auch Leserzuschriften:

"Nach einem halben Jahr habe ich frustriert die Suche aufgegeben und bin mit 29 zurück zu meinen Eltern gezogen."

Insbesondere dann, wenn man sich als Familie vergrößern möchte:

"Wir leben zu viert auf 69 Quadratmetern. Acht Jahre haben wir versucht, eine Wohnung zu finden... Wir haben uns mit der Situation abgefunden. Das Wohnzimmer wurde zum Schlafzimmer und jedes Kind hat ein eigenes Zimmer... Wir überlegen gerade, die Abstellkammer zum Bad umzubauen, noch ist die Wohnung nicht voll ausgeschöpft."

Oder weil eben jeder Umzug auf einem angespannten Wohnungsmarkt mit einer potentiellen Mieterhöhung verbunden ist:

"Ich wohne in einer Drei-Zimmer-Wohnung und habe ein Zimmer untervermietet, weil ich mir sonst nicht die Unterhaltszahlung für meine Tochter leisten könnte. Ich müsste in eine kleinere Wohnung ziehen, die jedoch aufgrund der Mietpreise nicht deutlich günstiger wäre als meine aktuelle Wohnung."

4. Regionale Auswertung

Bisher liegt der Teilnehmer-Schwerpunkt erwartungsgemäß im Süden der Republik und in den großen Städten. Das hat zwei Gründe: zum einen, dass viele SZ-Leser aus München und Bayern kommen. Zum anderen ist gerade im oberbayerischen Raum und darüber hinaus in Großstädten wie München, Berlin und Hamburg (in der bisherigen Städtewertung auf Platz 1, 2 und 3) der Druck auf dem Wohnungsmarkt und damit mutmaßlich auch der Leidensdruck und damit die Motivation zur Teilnahme höher.

In den kommenden Wochen, solange die Umfrage läuft, wollen wir das so weit wie möglich ausgleichen und auch mehr Menschen aus kleineren Städten und Dörfern sowie aus anderen Regionen Deutschlands erreichen. Helfen Sie uns dabei - machen Sie mit und teilen Sie diesen Link im Freundes- und Bekanntenkreis und in den sozialen Netzwerken: sz.de/meinemiete.

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URL:
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Quelle:
SZ.de/chen/mane
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