Süddeutsche Zeitung

Weibliche Führung:Lust auf Macht

Warum gemischte Teams besser funktionieren und Unternehmen erfolgreicher sind, wenn sie die weibliche Perspektive einbeziehen - das erklären Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Topmanagerinnen.

Von Helena Ott

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz kann aus der Politik keine großen Fortschritte vermelden. Der Frauenanteil im Bundestag ist nach der Wahl 2017 von 36 auf auf 31 Prozent gesunken, und von ehemals vier Ministerpräsidentinnen ist Malu Dreyer inzwischen gemeinsam mit Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern die einzige weibliche Länderchefin. Doch in ihrem eigenen Kabinett in Mainz hat sie eine 50:50-Verteilung zwischen Frauen und Männern sogar übererfüllt: An Kabinettstisch der ehemaligen Staatsanwältin sitzen sieben Ministerinnen fünf Ministern gegenüber, erzählt Malu Dreyer am Mittwoch beim Kongress des Frauenwirtschaftsmagazins PlanW der Süddeutschen Zeitung.

Der Unterschied zu zahlenmäßig stark männlich dominierten Runden liege in der Diskussionskultur. "Es ist freundlicher, konstruktiver und frei von diskriminierenden Witzen", sagt die Ministerpräsidentin. Es herrsche eine "sehr kooperative Atmosphäre". Das würden ihr auch die Minister in Unterzahl immer wieder bestätigen. Und darauf legt die 59-Jährige wert: Es gehe nicht um ein Gegeneinander, sondern darum, eine Verbesserung für alle Frauen, Männer, die Verwaltung sowie Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, sagt Dreyer. Nur bei einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei es möglich, die ganze Gesellschaft abzubilden und die unterschiedlichen Bedürfnisse fair einfließen zu lassen.

Die SPD-Politikerin ist seit vielen Jahren eine bekennende Verfechterin verbindlicher Frauenquoten in Wirtschaft und Politik. Auch auf dem Plan-W-Podium sagt sie: "Ich bin eine Quotenanhängerin", ohne formale Rahmenbedingungen hätten es Frauen im Beruf immer noch schwerer, weiterzukommen. Selbst in technischen Berufen gebe es inzwischen genug kompetente und qualifizierte Frauen. Aber in männlich dominierten Führungsebenen stießen die Frauen einige Jahre nach dem Berufseinstieg immer noch gegen "gläserne Decken" und erreichten keine relevanten Führungspositionen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion bewerteten drei Frauen aus den Führungsetagen von Otto, Daimler und dem Deutschen Aktieninstitut gesetzlich vorgeschriebene Quoten dagegen kritisch. "Meiner Meinung nach brauchen wir sie nicht", sagt Christine Bortenlänger, Vorständin im Deutschen Aktieninstitut in Frankfurt. Die 54-Jährige appellierte aber an Unternehmer, sich darum zu kümmern, dass Frauen in einer "nennenswerten Anzahl" in Führungspositionen in ihren Betrieben gelangten. Diverse Teams und Führung wirkten wie eine Versicherung, sagt Bortenlänger. "Man ist besser gegen Risiken gewappnet und innovativer."

Auch die Schweizer Juristin Renata Jungo Brüngger, seit 2016 Vorstandsmitglied bei Daimler in Stuttgart, spricht sich eher für Selbstverpflichtungen der Unternehmen aus. Es brauche dazu aber konkrete Konzepte für Veränderungen im Unternehmen, um selbstgesetzte Quoten auch erreichen zu können. Daimler habe sich bis Ende dieses Jahres das Ziel gesetzt, 20 Prozent der Führungspositionen im oberen Management mit Frauen zu besetzen, sagt Jungo Brüngger. In der "sehr traditionellen" Automobilbranche sei das verglichen mit 2016, als sie bei dem schwäbischen Automobilbauer anfing, ein echter Fortschritt.

Die dritte Frau in der Runde, Petra Scharner-Wolff, ist nun schon 18 Jahre im Vorstand des Onlinehändlers Otto und dort für Finanzen und Personal zuständig. Sie glaubt, dass vor der gerechteren Verteilung von Spitzenpositionen die Förderung von weiblichen Talenten stehen müsse und es eine bessere Sichtbarkeit der einzelnen Frauen brauche. "Wir müssen schauen, dass sie Projekte bekommen, in denen sie ihre Talente auch zeigen können und damit bei Führungskräften eher auf dem Zettel stehen", sagt Scharner-Wolff.

Der Daimler-Vorständin gaben die männlichen Headhunter nur sechs Monate. Es kam anders

In Sachen Sichtbarkeit hätten Frauen einen strukturellen Nachteil, sind sich die Podiumsgäste einig. Alle drei haben die Erfahrung gemacht, dass Frauen oft zögerlich reagieren, wenn man ihnen eine Position mit mehr Verantwortung anbietet. "Frauen fragen viel eher: Kann ich das überhaupt, traue ich mir das zu?", sagt Christine Bortenlänger, während Männer auch dann zugriffen, wenn sie nicht alle Anforderungen der Ausschreibung für einen Job zu 100 Prozent erfüllen. Sich zu hinterfragen, sei eigentlich eine positive Eigenschaft, findet Jungo Brüngger. Aber es werde für Frauen zum Nachteil, wenn sie keine Vorgesetzten, Kollegen oder Mentoren haben, die sie bestärken. Sie habe das selbst erlebt: Als sie sich um den Job im Vorstand von Daimler bewerben wollte, hatte sie erfahrene Headhunter befragt. Die Männer rieten ihr ab: "Sie haben kein Benzin im Blut und Sie sind eine Schweizerin." Das waren für die Headhunter K.o.-Kriterien. Als Renata Jungo Brüngger sich trotzdem auf die Stelle bewarb, schätzten die Personaler, sie halte es dort genau sechs Monate aus.

Die drei Frauen wollen es anders machen und bewusst andere Frauen bestärken. Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut sagt, sie könne nur alle ermutigen: "Wir müssen Lust auf Macht bekommen, es kann wirklich Spaß machen, wenn man selbst etwas bewegen kann." Aus der Sozialforschung ist bekannt, dass Frauen, die machtbewusst auftreten, schnell als unsympathisch wahrgenommen werden, während zielstrebige Männer eher als engagiert gelten. Ein Dilemma, von dem sich Frauen im Beruf nicht verunsichern lassen dürfen. Petra Scharner-Wolff, Mitglied des Vorstands der Otto Group, erlebt es als großen Vorteil, eine Position zu haben, in der sie auch wichtige Entscheidungen treffen und Veränderungen anstoßen kann. "Es gibt gerade so viele gesellschaftliche Herausforderungen, und für alle brauchen wir die weibliche Perspektive", sagt Wolff, "sonst können wir einpacken." Ihr Tipp an Führungspersonal, egal ob weiblich oder männlich: eng und vertrauensvoll in Teams zusammenzuarbeiten.

"Die einsamen Wölfe gibt es nicht mehr und kann es nicht mehr geben", sagt auch Daimler-Vorständin Jungo Brüngger. Dazu seien die Aufgaben zu komplex und vielschichtig geworden. Zuversichtlich sind die Frauen mit Blick auf die junge Generation. Dort rückten gerade Männer in Unternehmen nach, die ganz selbstverständlich ihre Elternzeit einfordern und in gemischten Teams arbeiten wollen. Unternehmen auch im Mittelstand würde, wenn sie "Top-Leute" haben wollen, nichts anders übrig bleiben, als die neuen Rollenverständnisse beider Seiten zu akzeptieren und die geänderten Bedürfnisse zu respektieren.

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Quelle:
SZ vom 03.09.2020/swen
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