Süddeutsche Zeitung

Pipers Welt:Japanische Falle

Die Konjunktur wird schwächer, aber die EZB kann nicht angemessen darauf reagieren, weil die Zinsen bereits bei null liegen. So etwas hat es schon einmal gegeben - vor 20 Jahren in Fernost. Das Vertrauen in die Stabilität sollte nicht verspielt werden.

Von Nikolaus Piper

Wer kann sich noch an die Zeiten erinnern, als alle Angst vor Japan hatten? Das war in den 1980er- Jahren, als nach der Uhren- und der optischen Industrie auch die Unterhaltungselektronik der Konkurrenz aus Fernost weichen musste und die Autoindustrie der nächste Kandidat für eine verlorene Sache zu sein schien. Damals schrieb der deutsche Diplomat Konrad Seitz sein viel diskutiertes Buch "Die japanische Herausforderung", in dem er die Europäer dazu aufforderte, sich mittels staatlicher Subventionen für eigene Spitzentechnik der Bedrohung aus dem aufstrebenden Industrieland zu erwehren. Japan selbst erlebte einen beispiellosen Börsen- und Immobilienboom. Das Grundstück, auf dem der Kaiserpalast in Tokio steht, war mehr wert, als der gesamte US-Bundesstaat Kalifornien. Das viel zitierte Beispiel war zwar abstrus, denn der japanische Kaiser wollte ja gar nicht verkaufen, daher gab es für das Grundstück auch keinen Marktpreis. Aber es zeigte die Stimmung im Land.

Seither ist es um die japanische Herausforderung still geworden. Erstens war die Bedrohung bei genauem Hinsehen doch nicht so schlimm, vor allem weil die Deutschen aus dem Wettbewerb mit den Japanern gelernt haben. Zweitens ist es heute die Volksrepublik China, vor der man sich fürchtet und dies mit guten Gründen. Und drittens ist Japans Boom 1990 mit einem großen Knall implodiert. Es folgte eine lange Phase der Stagnation, fast ohne Wirtschaftswachstum und wenig Dynamik. Im Grunde hält diese Phase bis heute an. Die Wirtschaft wächst zwar wieder, aber eben nur schwach, die Inflation liegt bei null. Vor allem aber schafft es die Bank von Japan nicht, dem Land zu mehr Wachstum zu verhelfen, denn ihr Leitzins liegt längst bei null, sie kann ihn also nicht weiter senken, um die Konjunktur anzukurbeln. Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman bezeichnete das Phänomen vor 20 Jahren schon einmal als "japanische Liquiditätsfalle".

Heute sollte man sich wieder einmal mit dem Begriff vertraut machen. Nicht nur, weil Japan immer noch in dieser Liquiditätsfalle steckt, sondern auch, weil etliche Experten behaupten, Europa, genauer die Europäische Zentralbank (EZB), laufe genau so in die Falle hinein, wie es einst Japan tat.

Es war der große Ökonom John Maynard Keynes, der den Begriff "Liquiditätsfalle" in den 1930er-Jahren prägte. Keynes meinte damit eine Situation, in der niemand investiert, sondern alle ihr Geld horten, selbst wenn sie so überhaupt nichts verdienen. Das ist schlecht für die Wirtschaft und die Beschäftigten, aber die Notenbank kann nichts tun, weil der Zins ja nicht negativ werden kann.

Und genau das könnte auch das Schicksal Europas werden, meinen Andrew Bosomworth und Konstantin Veit vom Vermögensverwalter Pimco in einem neuen Analystenpapier. Sie sehen drei Ähnlichkeiten mit der Lage in der heutigen Eurozone und der in Japan vor zwei Jahrzehnten. Der Leitzins der EZB liegt, erstens, bereits heute, am mutmaßlichen Ende einer langen Aufschwungphase, bei null. Der Schuldenstand in der Wirtschaft und die Kreditausfälle sind, zweitens, relativ hoch und die Bevölkerung ist auf dem Weg "von einer alternden zu einer alten Gesellschaft", so wie in Japan schon vor 20 Jahren. Alte Gesellschaften aber sparen mehr, sie konsumieren weniger und sind weniger innovativ. Keine guten Aussichten für Europa.

Keine Experimente mit dem Vertrauen in die Stabilität

Aber gibt es nicht irgendwelche Ideen, wie man aus der Liquiditätsfalle herauskommen könnte? Doch die gibt es, und die Autoren Bosomworth und Veit diskutieren sie auch. Negativzinsen zum Beispiel. Die gibt es tatsächlich, nicht für Verbraucher, aber für Banken, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken wollen. Die könnte man noch negativer machen, das Horten von Geld würde also noch teurer. Der Effekt wäre aber gering, die Risiken für die Stabilität der Banken dagegen wären nicht zu vernachlässigen, wie EZB-Chef Mario Draghi gerade warnte. Oder man verlegt sich gleich aufs Gelddrucken. Die Autoren der Studie diskutieren das unter der Überschrift "Helikoptergeld", einem netten Wort für eine verdeckte Form der - eigentlich verbotenen - Staatsfinanzierung durch die Notenbank. Dabei verschulden sich die Regierungen der Eurozone massiv neu, während die EZB gleichzeitig in großem Umfang Anleihen auf dem Markt kauft. Es wäre wohl ein Spiel mit dem Feuer. In Wirklichkeit können Volkswirtschaften, die sich in der Liquiditätsfalle befinden, mit den Mitteln der Geldpolitik nicht mehr viel erreichen. Versuchten sie es doch, stünde sehr viel auf dem Spiel. Der Ökonom Markus Brunnermeier von der Universität Princeton zum Beispiel warnt: Über viele Jahre hätten die großen Notenbanken der Welt einen "stabilen Inflationsanker" aufgebaut, "auf den sich die Bürger blind verlassen können". Experimente mit Helikoptergeld könnten den Inflationsanker, also das Vertrauen ins Geld, zerstören.

Warum nicht zurückgehen zu John Maynard Keynes, der die Liquiditätsfalle in der Weltwirtschaftskrise erfunden hat? Keynes wollte schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme als Ausweg aus der besagten Falle. Auch Brunnermeier empfiehlt heute Investitionen in Zukunftstechnologien für den Fall, dass es zu einer Rezession kommen sollte. Zumindest Deutschland hätte Spielraum für Ausgabenprogramme - dank der Politik der schwarzen Null in den guten Jahren. Aber auch da gibt es Grenzen. Die japanische Regierung hat über die Jahrzehnte einen Schuldenberg von 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angehäuft (zum Vergleich: Griechenland hat 131 Prozent). Trotzdem ist das Land stabil und hat beneidenswert wenig Arbeitslose. Aber würde man allen Ländern der Eurozone diese Fähigkeit zu Stabilität zutrauen?

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SZ vom 29.03.2019
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