Süddeutsche Zeitung

Nebengeschäft:Showroom für Großverdiener

Aus der Modeboutique wird der Werbestand einer polnischen Versicherung: Die Hauptstraße verwandelt sich in der Davos-Woche in eine Freiluftmesse. Wie lokale Ladenbesitzer das nutzen.

Wer gern in Davos einen Stadtbummel machen und danach irgendwo nett etwas essen möchte, sollte das nach Möglichkeit nicht im Januar tun. Denn große Teile des Ortes in den Bündner Alpen, insbesondere die Promenade genannte Hauptader der Stadt, stehen in diesem Monat ganz im Zeichen des Weltwirtschaftsforums und sind schon Wochen vor dem Spitzentreffen nicht mehr wiederzuerkennen. Aus einer Modeboutique wird da der Showroom einer polnischen Versicherung, ein Einrichtungshaus wird zum Empfangssaal einer internationalen Bank. Statt eines alpinen Luftkurortes mit langer Geschichte erwartet Besucher so etwas wie eine Freiluftmesse für Großverdiener aus aller Welt.

Wie lukrativ diese Ladenvermietungen für die Inhaber sind, kann man nur vermuten, denn die Vermittlerbranche, die sich rund um das Weltwirtschaftsforum entwickelt hat, ist verschwiegen. Wählt man eine der Telefonnummern, die sich auf den einschlägigen Websites finden, erhält man keinerlei Auskunft über Umfang und Modalitäten dieses Geschäftsmodells. Eine Vermittlerin verweist nur auf eine Geheimhaltungserklärung, die sie mit Ladeninhabern und Kunden unterzeichnet habe. Das erstaunt nicht, schließlich zieht die Ortsverwandlung ziemlich viel Unmut auf sich. Da wären die normalen Besucher, die in diesen Tagen nur schwer einen Aufenthaltsort finden, der für Menschen wie sie gemacht ist. Auch die Gemeinde beäugt das Geschäft mit den Flächen seit einigen Jahren kritisch. Als es 2018 während der Konferenz zu einen Verkehrskollaps kam, weil unter anderem zahllose Lkw wegen der Ladenumbauten die Stadt verstopften, riss bei den Verantwortlichen der Geduldsfaden. Seither müssen die Läden mögliche Umbauten Monate vorher anmelden und genehmigen lassen. Umgebaut werden darf lediglich in den 14 Tagen vor dem Forum.

Auch den Davoser Hotels passt es immer weniger, dass sich die Läden mit der temporären Räumung ihrer Flächen Geld dazu verdienen. Denn offenkundig bezahlen die Mieter so gut für die paar Wochen Umbaustress im Januar, dass es einige Ladeninhaber nicht mehr nötig haben, auch das gesamte restliche Jahr über zu öffnen. "Für unsere Gäste wird Davos damit weniger attraktiv", sagt der Sprecher eines großen Hotels. Die wenigen Ladenbesitzer, die sich zu dem Phänomen äußern, verteidigen sich: Die Konferenz-Woche sei für viele von ihnen eine sonst umsatzschwache Zeit, die sie so kompensieren könnten. Kannibalisierung der Davoser Unternehmen also - noch so eine Folge des viel gescholtenen Weltwirtschaftsforums.

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Quelle:
SZ vom 20.01.2020
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