Süddeutsche Zeitung

Mietmarkt:"Wir haben keine Chance gegen ein Doppelverdienerpärchen mit einem Einkommen von 5000 Euro"

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Barrierefreie Wohnungen für Behinderte sind selten und teuer, Geringverdiener landen auf der Straße, Familien verzweifeln auf der Suche nach mehr Platz. Für wen die Wohnungssuche besonders schwer ist.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Das Einkommen muss dreimal so hoch sein wie die Miete, die Schufa-Auskunft tadellos, der Arbeitsvertrag unbefristet, die Erscheinung seriös: Für Wohnungsbesichtigungen gelten in Großstädten Regeln wie für eine Jobbewerbung. Das ist schon für den durchschnittlichen Normalverdiener schwierig. Noch schwieriger aber für Menschen, die besondere Bedürfnisse haben. Oder wenig Geld.

Mieten in Deutschland

Dieser Text ist Teil des Projekts #MeineMiete. Lesen Sie hier die zentralen Ergebnisse der großen SZ-Umfrage und hier alle Texte zum Thema.

Auf die SZ-Umfrage #MeineMiete hin meldeten sich viele Menschen, die es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer haben. Ihre Geschichten zeigen, wo die Versäumnisse der Wohnungspolitik der vergangenen Jahre liegen.

Menschen mit Behinderung: besondere Bedürfnisse - besonders wenige Wohnungen

"Da mein Sohn gehbehindert ist und im Rollstuhl sitzt, benötige ich eine barrierefreie beziehungsweise stufenlos zugängliche Wohnung. Das ist in der Regel eine Neubauwohnung und dementsprechend teuer. Ich wünschte, es gäbe in dieser Lebenssituation finanzielle Unterstützung oder Hilfe, eine Wohnung zu finden." Kirstin O., 37 Jahre, alleinerziehend

Das Segment des Immobilienmarktes, auf das Menschen wie Leserin Frau O. beschränkt sind, ist besonders stark umkämpft. Nicht nur Menschen mit Behinderung, auch immer mehr ältere Menschen sind auf eine barrierefreie oder -arme Wohnungen angewiesen. Eine Studie des Immobilienanbieters Terragon in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ergab einen Bedarf von 2,75 Millionen solcher Wohnungen. Als Ziel geben die Autoren aus, zehn Prozent aller Wohnungen, also insgesamt 4,2 Millionen, so anzulegen, um eine ausreichende Auswahl zu garantieren. Tatsächlich gibt es derzeit nur 800 000.

Es herrscht also ein Mangel, den auch die zuständigen Anlaufstellen zu spüren kommen. In Berlin fehlen zum Beispiel geschätzt 41 000 Wohnungen für Menschen mit Beweglichkeitseinschränkungen. Davon berichtet Christine Braunert-Rümenapf, die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung.

Ein weiteres Problem, das auch Frau O. anspricht: Es gibt nicht nur zu wenige Wohnungen für Menschen mit Behinderung, die wenigen sind auch teuer. Die meisten barrierefreien Wohnungen seien Neubauwohnungen, sagt Braunert-Rümenapf. Und sind in Berlin in den vergangenen Jahren vor allem im oberen Preissegment entstanden. "Dabei muss barrierefreies Bauen gar nicht teuer sein", sagt sie und verweist auf die Terragon-Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass Barrierefreiheit nur ein Prozent der Baukosten ausmache. Bei einer Wohnung mit 75 Quadratmeter Wohnfläche beliefen sich die Mehrkosten für vollständige Barrierefreiheit auf etwa 1600 Euro.

Die Gründe, warum zuletzt vor allem teure Neubauwohnungen entstanden, liegen in den Gesetzen des Marktes. Der Staat hatte sich in Deutschland jahrelang aus dem Wohnungsbau zurückgezogen, Kommunen die eigenen Flächen und Wohnungen sogar verkauft. Und private Bauherren suchten eben den größtmöglichen Gewinn. Das bedeutet: eine möglichst hohe Miete. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert daher, dass es dort, wo öffentliche Förderung bestehe, zwingend Auflagen zur Schaffung von barrierefreiem Wohnraum geben müsse.

Noch schwerer haben es Menschen, die einen Platz im betreuten Wohnen suchen - wie Leser Christian S., der mit seiner Frau zusammenlebt:

"Wir hatten im Jahr 2005 ausgesprochenes Glück, eine Wohnung zu finden, die zu unseren Bedürfnissen passt. Ich bin schwerbehindert und pflegebedürftig. Unsere Wohnung im betreuten Wohnen ist ideal für unsere Bedürfnisse und im aktuellen Vergleich zu der ortsüblichen Miete eher als günstig zu bewerten. Allerdings sind die Nebenkosten durch die behindertengerechte Ausstattung und durch die ausführlichere Betreuung der Wohnanlage höher als im Normalfall. Unser Einkommen besteht aus einer Erwerbsminderungsrente, Pflegegeld, Arbeitslosengeld I und Wohngeld. Nun versucht das Jobcenter mit allen Mitteln, die Kosten unserer Unterkunft zu senken. Wir sollen umziehen, obwohl es keine Alternative gibt."

Bei betreutem Wohnen leiden die Träger häufig ebenso unter den hohen Mieten und Immobilienpreisen in den Städten wie die Bewohner selbst. "Derartige Einrichtungen werden immer mehr an den Stadtrand gedrängt", sagt Braunert-Rümenapf. Das sei schlimm für die Bewohner, die ihre gewohnte Umgebung verlassen und sich noch einmal in einem neuen Umfeld zurechtfinden müssen. In Berlin machte zuletzt der Abriss eines Seniorenheims im Stadtteil Mitte Schlagzeilen, das einem Gebäudekomplex aus teuren Neubauten und Geschäften weichen muss.

Wie Geldnot in die Wohnungslosigkeit führen kann

Nicht nur barrierefreie Wohnungen fehlen in Deutschland, sondern auch bezahlbare - gerade für Menschen mit wenig Geld. Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge müssten in Deutschland jedes Jahr 80 000 zusätzliche Sozialwohnungen entstehen. Tatsächlich sind aber zum Beispiel 2016 nur 24 550 errichtet worden. Schätzungen des Mieterbundes zufolge hat fast die Hälfte aller Deutschen Anspruch auf eine Sozialwohnung. Doch nur für jeden Siebten sei eine da.

Für Menschen mit wenig Geld sind das schlechte Aussichten. Im schlimmsten Fall stehen sie irgendwann ohne Wohnung da, wie Leserin Birte L.:

"Ich war acht Jahre auf Wohnungssuche, bevor ich durch einen Dringlichkeitsschein diese Wohnung gefunden habe. Es waren acht schlimme Jahre, einige Monate war ich sogar wohnungslos und zwei Jahre habe ich außerhalb der Stadt gewohnt, da ich in Hamburg nichts Bezahlbares gefunden habe. Umso glücklicher bin ich jetzt in meiner zentralen, ruhigen, günstigen Wohnung."

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland hat sich der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge seit 2014 verdoppelt, die BAG W registrierte vergangenes Jahr 860 000 Menschen, die keine eigene Wohnung haben und in Übergangsunterkünften leben. Mehr als die Hälfte davon sind Flüchtlinge, was den großen Anstieg zum Teil erklärt. Aber eben nur zum Teil. Auch ohne Flüchtlinge ist die Zahl der Wohnungslosen von etwa 335 000 auf 420 000 gestiegen. Hinzu kommen bundesweit etwa 52 000 Obdachlose, also Menschen, die nicht in Unterkünften oder bei Freunden oder Verwandten unterkommen konnten und auf der Straße leben.

"Häufig ist eine Trennung der Grund, warum jemand plötzlich ohne Wohnung dasteht", sagt Ortrud Wohlwend von der Berliner Stadtmission. Oder der Eintritt in die Rente, womit die Wohnung zu teuer wird. Aber auch Menschen, denen die Schulden über den Kopf gewachsen sind, landen in Notunterkünften. Sie haben die Miete nicht bezahlt, die Briefe vom Amt nicht mehr geöffnet - und eines Tages steht dann der Gerichtsvollzieher vor der Tür.

"Die Notunterkünfte sollen eine Übergangslösung sein, bis sich die Menschen wieder stabilisiert haben", sagt Wohlwend. Also für ein Jahr oder anderthalb. Aber inzwischen sei es so schwer für sie, eine Wohnung zu finden, dass manche bis zu zehn Jahre in einer Notunterkunft lebten. "Ein Problem ist, dass sich die Menschen mit der Zeit in der Situation einrichten und irgendwann mit einer eigenen Wohnung sogar überfordert wären", sagt Wohlwend. Und so blockieren sie ein Hilfesystem, in das zugleich immer neue Menschen hineindrängen.

Weniger flexibel - die Probleme der Familien

Auch für Familien ist es besonders schwierig, in den teuren Städten eine Wohnung zu finden. Sie sind räumlich weniger flexibel bei der Suche, brauchen mehr Platz, haben mehr Ausgaben und oft weniger Geld als Kinderlose, weil sie weniger arbeiten. Selbst wenn sich die finanzielle Situation bessert, hilft das nicht immer, wie das Beispiel einer 31-jährige Mutter aus Berlin zeigt:

"Wir - mein Mann und ich - sind 2014 aus beruflichen Gründen nach Berlin in eine kleine Zweizimmerwohnung (53 Quadratmeter, das eine Zimmer ist sehr klein) gezogen. Zwei Wochen später stellten wir fest, dass ich schwanger war. Seit Sommer 2016 suchen wir eine Dreizimmerwohnung in unserem Kiez, aber die Mieten steigen schneller als unsere Gehälter und die Nachfrage steigt ebenso. 2016 haben wir als freiberufliche Theatermacher ALG II bekommen, damals hat eine Dreizimmerwohnung circa 1000 Euro warm gekostet, das war zu viel für uns. Da wir allerdings einen Kitaplatz in unserem Viertel haben, können und wollen wir nicht woanders hinziehen.

2017 haben wir durch unsere Theaterarbeit ein Haushaltsnettoeinkommen von 2200 Euro gehabt, die Warmmieten lagen da bei 1200 Euro. Auch das war zu viel für uns. Bei jeder Besichtigung einer billigeren Wohnung waren 50 bis 250 Interessenten. In diesem Jahr liegt die Warmmiete bei 1400 bis 1600 Euro, die Anzahl der Interessenten hat sich noch vergrößert. Wir sind nun festangestellt und unser Haushaltsnettoeinkommen liegt bei 3200 Euro. Wir haben keine Chance gegen ein Doppelverdienerpärchen mit einem Einkommen von 5000 Euro. Seit zwei Jahren schlafen wir auf einem Schlafsofa im Wohnzimmer und das wird nun auch erst einmal so bleiben."

Der Paritätische Wohlfahrtsverband schreibt dazu: "Unsere Praxis zeigt, dass der Mangel an bezahlbarem Wohnraum nicht nur Menschen in besonderen Lebenslagen wie Haushalte mit geringem Einkommen, Menschen mit Behinderung, wohnungslose Personen oder Studenten und Studentinnen trifft, sondern die Wohnungsnot in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist." Die Bewerbung um eine Wohnung gleiche inzwischen einer Jobbewerbung. Und Menschen, die den steigenden Ansprüchern von Vermietern nicht entsprechen, haben keine Chance.

Das gilt auch für Familien mit Kindern, die schnell unter Lärm- und Dreckverdacht stehen. Besonders schwierig ist es, wenn nur ein Elternteil da ist. Alleinerziehende leiden auch unter einer besonders hohen Mietbelastung: Mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden in der SZ-Umfrage haben beispielsweise Mietkosten, deren Höhe im Verhältnis zum Einkommen als nicht mehr sozialverträglich gilt. Gerade sie sind oft auf glückliche Zufälle angewiesen - und auf Vermieter, denen es nicht um Gewinnmaximierung geht:

"Ich musste wegen Eigenbedarf aus meiner alten Wohnung raus und mit meinem Kind wieder zu meiner Familie ziehen. Die Frau, die in meine alte Wohnung eingezogen ist, hatte so ein schlechtes Gewissen, dass sie nach Wohnungen für uns geschaut hat. Ein Bekannter von ihr suchte einen neuen Untermieter. Sie hat gesagt, dass er die Wohnung unbedingt für mich freihalten solle. Das hat er auch gemacht, ohne uns zu kennen. Und wir durften tatsächlich hier einziehen. Ich hätte regulär zurzeit null Chancen auf dem Wohnungsmarkt gehabt - alleinerziehend und derzeit ohne Einkommen, weil eben gerade mein Studium fertig und ein Kleinkind. Er hat uns trotzdem genommen und gesagt: 'Es raten mir alle davon ab. Aber es kann ja auch nicht sein, dass die alleinerziehenden Mütter alle keine Wohnung bekommen: Sollen die etwa zelten?'"

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