Süddeutsche Zeitung

Messebau:Eine Milliarde Euro in fünf Jahren

Die großen Messeunternehmen in Deutschland investieren stark in ihre Hallen. Denn die Konkurrenz im Ausland ist groß, insbesondere in China.

Die Messegelände sind vielerorts zu einem wichtigen architektonischen Vorzeigeprojekt geworden. Viele Messegesellschaften, allesamt in öffentlicher Hand, investieren daher kräftig in ihre Gelände.

Endspurt in Essen. Die neue Halle 5 bildet den Schlussstein einer drei Jahre dauernden Umgestaltung des kompletten Messegeländes. Es begann mit einem Foyer aus riesigen Glasplatten, das den Osteingang wie einen luftigen Kragen überdacht. Nach und nach verschwanden die 18 kleinen Hallen und machten den acht größeren, helleren Platz. Die Häutung des Messeplatzes Essen ist kein Selbstläufer. Zweifelnde Bürger hinterfragten den Sinn großer Hallen in virtuellen Zeiten. In Essen stimmten sie 2014 mehrheitlich gegen den Ausbau ihrer Messe. Damals waren 123 Millionen Euro veranschlagt. Daraufhin kürzte die Messe ihr Vorhaben auf 88 Millionen Euro zusammen und legte los. Nun deutet alles auf ein Happy End hin. Der Kostenrahmen wird um 250 000 Euro unterschritten, die Bauarbeiten enden früher als geplant. Im September wird gefeiert.

Renovierungsstau gibt es nicht nur in Essen, sondern in vielen deutschen Messegeländen, deren Hallen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren stammen. Die Aussteller verlangen heute überall schnelles Internet, Wlan, moderne Ausrüstungen, Flächen für Events, flexible Gebäude für Kongresse und Veranstaltungen. Die Besucher wollen schnell, überdacht und bequem von Stand zu Stand kommen und umfassend informiert werden, auch vor und nach der Messe. Die 25 größten Messeplätze von Hannover über Frankfurt, Düsseldorf und München wollen in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro investieren, überwiegend in die Modernisierung oder in den Ersatz alter Hallen.

In Köln heißt das Großprojekt Koelnmesse 3.0. Es soll bis 2030 stattliche 700 Millionen Euro kosten. Messechef Gerald Böse wünscht sich das digital modernste Gelände Europas. Zunächst sollen Internet und Wlan flächendeckend einziehen, das digitale Informations- und Leitsystem ergänzen. Das Projekt Digital Signage System hat laut Böse Vorbildcharakter, weil sich Experten aus aller Welt dafür interessieren. "Um im Wettbewerb der Messeplätze weiterhin ganz vorn mitspielen zu können und für die Branchen, die uns ihr Vertrauen schenken, attraktiv zu bleiben, investieren wir unsere Ideen und Ressourcen in den Standort", erläutert Böse. Gebaut ist ein neues Parkhaus, der Grundstein für die Halle 1plus gelegt. Die geplante Multifunktionshalle Connex soll mehr Tagungen und Kongresse anlocken. Sanierungsbedürftig ist vor allem das Südgelände. Beispielsweise sollen die Dächer Folien anstelle von Glas erhalten. Die Hallen im Norden auf dem ehemaligen Deutz-Werksgelände sind dagegen erst zehn Jahre alt. Böse verspricht, nur das zu bauen, was er bezahlen kann. Deshalb investiert er die Gewinne, die Gesellschafter verzichten auf eine Ausschüttung, außerdem hilft ein Kredit der Europäischen Investitionsbank von 120 Millionen Euro. Auch die Verwaltung der Messe soll mit der Zeit gehen. Sie wird in ein neues Gebäude direkt gegenüber dem heutigen Messehochhaus ziehen.

Die Messe München sammelt sogar das Regenwasser, um die Kanalisation zu entlasten

In Berlin spricht man vom Masterplan, mit dem innerhalb der nächsten 15 Jahre im laufenden Betrieb die Hallen saniert werden sollen. 450 Millionen Euro soll das kosten. Erster sichtbarer Teil ist der sogenannte Hub27, die neue säulenfreie multifunktionale Halle für 11 500 Personen. Ihr Glanzpunkt ist eine 200 Quadratmeter große Dachterrasse. Ihre Premiere hat sie zur Internationalen Funkausstellung. Messechef Christian Göke sagt: "Der hub27 ist ein wesentlicher Eckstein für die Zukunft der Messe Berlin. Er schafft die dringend benötigten Kapazitäten für Großkongresse und andere Veranstaltungen mit mehreren Tausend Teilnehmern." Gleichzeitig biete er die Ausweichfläche für die anstehende Modernisierung des bestehenden Geländes. Bereits seit fünf Jahren ergänzt die CityCube die Hallen unter dem Funkturm, ein ebenfalls für 11 000 Personen ausgelegtes Gebäude, in dem auch große Aktionärstreffen zum Beispiel von Volkswagen oder Daimler stattfinden.

Deutschland gilt mit seinen vielen Messen zwar als Mutterland wichtiger Produktschauen. Mehrere Punkte sprechen für hiesige Standortvorteile. Die geografische Lage mitten in der Europäischen Union, die Qualität der Messen und ihre starke Bindung in viele Länder der Welt. Aber um diese Spitzenposition zu halten, muss die Infrastruktur mithalten. Werner Dornscheidt, Messechef in Düsseldorf, nennt ein Beispiel für die aktuelle Überlegenheit deutscher Messeplätze. In Düsseldorf könnten die Aussteller ihre Maschinen im laufenden Betrieb zeigen. Das sei in China so nicht möglich, wenn die Gelände nicht auf 68 Megawatt ausgerichtet seien. Wer aber viel Geld für eine Maschine in die Hand nehme, wolle diese auch vorher ausprobieren und im Einsatz erleben.

Ein Blick auf die weltweite Messelandschaft zeigt, wie stark chinesische Plätze aufholen. In Shenzhen entsteht gerade das größte Gelände weltweit. Auch in Shanghai, Guangzhou und Kunming stehen große Flächen zur Verfügung. Ansprechende Architektur, einfacher Zugang zu Online-Netzen und digitale Unterstützung scheinen keine deutsche Spezialität mehr zu sein.

Klaus Dittrich, Messechef in München, bringt noch eine andere Dimension in die Messe-Kultur: "Mit mehr als 2500 Bäumen und 70 000 Sträuchern sind wir eines der grünsten Messegelände. Wir nutzen Photovoltaik und Geothermie. Und wir sammeln in unseren neuen Hallen C5 und C6 das Regenwasser in unterirdischen Rigolen, um die Kanalisation zu entlasten." Schon bei der Planung und dem Bau der neuen Messe Mitte der Neunzigerjahre sei es das erklärte Ziel gewesen, ein Gelände zu bauen, das der Nachhaltigkeit in allen Aspekten verpflichtet ist.

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SZ vom 27.08.2019
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