Süddeutsche Zeitung

Luxemburg-Leaks:Steuertrickser vom Dienst

Die Firma lebt davon, Konzernen zu verraten, was das Steuerrecht des Großherzogtums so hergibt. Luxemburg-Leaks bringt die Prüfgesellschaft PricewaterhouseCoopers nun in Verlegenheit.

Verheerend ist gar kein Ausdruck für das Desaster, vor dem die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) steht. Hunderte geheime Steuerdokumente, die PwC für seine Kunden angefertigt hat, gelangten in die Hände von mehr als 80 Journalisten auf der ganzen Welt. Mehr noch: Über 500 dieser Dokumente lassen sich im Internet komplett nachlesen, auf www.icij.org.

Die Deals, die Steuertricks und vor allem die vertraulichen Geschäftsbeschreibungen der Kunden sind jetzt für jedermann zugänglich. Das Bild des willigen Helfers derjenigen, die legal Steuern vermeiden und die dafür notwendigen Werkzeuge besitzen, kann den Beratern nicht gefallen.

Die Steuerminimierung von multinationalen Unternehmen gehört für das Unternehmen mit den drei Buchstaben zum Tagesgeschäft: PwC ist, global gesehen, das größte Unternehmen der "Big Four", der vier großen Wirtschaftsprüfer, zu denen außerdem Deloitte, Ernst&Young und KPMG gehören. Das Geschäftsjahr 2013 hat PwC weltweit mit einem Umsatz von 34 Milliarden US-Dollar abgeschlossen, 8,8 Milliarden davon kommen aus dem Bereich Steuerberatung.

Im Geschäft der Steuerberater ist Verschwiegenheit die Geschäftsgrundlage. Wenn ein Beraterteam einem potenziellen Kunden ein Steuermodell vorgestellt hat und die Geschäftsräume wieder verlässt, darf nichts zurückbleiben. Kein Blatt Papier, kein USB-Stick mit der Präsentation, kein lesbares Wort auf irgendwelchen Flipboards. Selbstverständlich gibt es Verschwiegenheitserklärungen für die Beteiligten. Ein möglicher Grund dafür wurde Anfang 2013 bei einer Anhörung im britischen Unterhaus öffentlich, wo die Chefs der Steuerabteilungen der "großen Vier" befragt wurden, wie sie arbeiten. Dabei kam zur Sprache, dass man für Konzerne schon Steuersparmodelle umsetzt, bei denen die Chance auch nur 50:50 Chance stehen, dass sie legal sind.

Die vier großen Prüfgesellschaften haben ein weltumspannendes Netz aufgebaut, in dem sie ihre Kunden mit den komplizierten Konstrukten versorgen, mit denen sich bestehende Gesetze weltweit so ausnutzen lassen, dass die Kunden am Ende Milliarden Steuern sparen. Es ist ein hoch spezialisiertes Wissen, stets optimiert und an Gesetzesänderungen angepasst, in hausinternen Schulungen weitergegeben und kreativ erweitert.

Besonders gut passt das System zu Luxemburg, einem der Orte, den die Steuerexperten einen "tax haven" nennen, ein Steuerparadies. Dort hat PwC gerade eine neue Firmenzentrale hinstellen lassen. Noch ist rund um den "Crystal Park" eine Baustelle, aber im Haus wird schon gearbeitet

Hier werden sie demnächst wieder Talente rekrutieren: Leute wie Salvador und Hasan, zwei der Gesichter, mit denen die Luxemburger Dependance des Beratungsunternehmens wirbt: jung, mit exzellentem Uniabschluss in Jura, wahlweise Wirtschaft plus Steuerrecht. Ehrgeizige Absolventen, die in den Großraumbüros daran tüfteln sollen, die Steuerstrukturen für Firmen zu optimieren, die in Luxemburg investieren oder sich dort ansiedeln wollen. Für PwC zu arbeiten, erzählt Werbegesicht Hasan, das sei vor allem auch menschlich bereichernd: besonders an jenen "staff days" genannten Spaßtagen. Das sind Tage, an denen die Mitarbeiter schon mal in Cowboykostüme schlüpfen oder in wasserballartigen Kugeln versuchen, Fußball zu spielen. 30 Events organisiere man im Jahr, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten, so wirbt PwC im Internet.

Warum ein Professor PwC für eine Gefahr für die Gesellschaft hält

460 dieser spezialisierten Arbeitskräfte arbeiten derzeit in der PwC-Steuerabteilung in Luxemburg, wo die Firma etwa 2450 Mitarbeiter hat. Sie leben davon, ihren Kunden zu verraten, was das Steuerrecht des Großherzogtums für ihre Steuerrechnung hergibt. PwC sei sechstgrößter Arbeitgeber Luxemburgs, verkündete Luxemburg-Chef Didier Mouget in einem Video auf der Luxemburger PwC-Internetseite nicht ohne Stolz. Auch das Ergebnis kann sich sehen lassen: 288 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2013 und 15 Prozent davon kommen aus der Steuerabteilung. Insgesamt sei das "eine solide Performance", so ordnet Mouget im Video lächelnd - und sichtlich um Understatement bemüht - das Wachstum von elf Prozent ein.

Dass die Luxemburger Geschäfte nun ernsthaft in Gefahr sind, glaubt man nicht in der Branche. Nicht unter dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Das sagte zumindest kürzlich George Bock, einer der KPMG-Partner in Luxemburg, der Wirtschaftswoche: "Juncker wird den Schneid haben zu sagen, dass Steuerwettbewerb in Europa gewünscht ist."

Ein besonders harter Kritiker der Wirtschaftsprüfer ist Prem Sikka, Professor für Wirtschaftsprüfung in London. Er hält das Tun der "Big Four" sogar für gefährlich und nennt sie nur die "Nadelstreifenmafia". Ihre Arbeit führe dazu, "dass normale Menschen höhere Steuern zahlen müssen, weil ihre Steuervermeidungsschemata große Konzerne und reiche Menschen entlasten", sagt er. Deswegen hielte er es für richtig, die Macht der großen Prüfungsgesellschaften zu beschränken. Die Prüfer sind in seinen Augen eine Gefahr für die Gesellschaft: "Sie nutzen ihre Macht, um die Demokratie, das Recht und das Wohlergehen der Menschen zu untergraben."

In eine ähnliche Richtung argumentiert der ehemalige deutsche Steuerfahnder Frank Wehrheim. "Es gibt keine Waffengleichheit", so beschreibt er den Kampf der Fahnder gegen die Modelle der Beratungsfirmen. "Wenn wir vier Leute zum Prüfen in eine Großbank schicken, stecken auf der Gegenseite vielleicht 300 oder 400 externe Berater."

Auf Anfrage des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) erklärt PwC, man weise "jede Andeutung zurück, es gäbe im Bereich der Arbeit der Firma etwas Vorschriftswidriges." PwC halte sich weltweit an einen Verhaltenskodex, der keine unethischen Verhaltensweisen zulasse. Zu den bekannt gewordenen Dokumenten erklärt die Beratungsgesellschaft, diese seien "gestohlen" und "veraltet". Die Aufklärung des Diebstahls liege in den Händen der zuständigen Behörden.

Wie auch immer die Ermittlungen ausgehen: Die Folgen des Lecks werden Pricewaterhouse Coopers noch länger begleiten, als ihnen lieb ist.

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Quelle:
SZ vom 07.11.2014
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