Süddeutsche Zeitung

Online-Betrug:Wie Kriminelle über Ebay Kunden abzocken

  • Betrüger hacken Accounts in Internetportalen wie Ebay und verkaufen darüber Produkte, die gar nicht existieren.
  • Das Geld lassen sie sich auf Konten überweisen, die auf Namen von unbeteiligten Dritten laufen. Dabei nutzen sie das sogenannte Video-Ident-Verfahren.
  • Solche Betrugsfälle häufen sich seit etwa einem halben Jahr in Deutschland, berichten Verbraucherzentralen und Landeskriminalämter.

Von Felicitas Wilke

"Susanne und Stephan" verschickten ihre Nachrichten stets mit einem "lieben Gruß" und wünschten auch mal formvollendet einen "schönen 2. Advent". Trickbetrüger klingen anders, dachte sich Matthias Gruber und bestellte bei Ebay-Verkäufer "Stephan" im Dezember vergangenen Jahres eine gebrauchte Digitalkamera. "Günstig, aber nicht übertrieben billig" sei sie gewesen, kein Grund, um misstrauisch zu werden. Die 720 Euro sollte Gruber, der in Wirklichkeit anders heißt, aufs Konto von Susanne überweisen.

Kurz darauf meldete sich der echte Stephan: Sein Account war gehackt worden, eine Kamera hatte er bei Ebay nie zum Verkauf gestellt. Und Susanne, sollte sich herausstellen, hat mit Stephan nichts zu tun, sondern lebt Hunderte Kilometer entfernt und hat die 720 Euro wohl nie erhalten. Denn auch sie, so vermutet es die Polizei, wurde Opfer des gleichen Trickbetrügers - und hatte wohl gegen ihren Willen ein Konto bei einer Bank eröffnet.

Seit etwa einem halben Jahr mehren sich in Deutschland Fälle, wie sie Matthias Gruber, Stephan und Susanne erlebt haben. In Online-Foren tauschen sich Nutzer über die doppelte Betrugsmasche aus, auch die Verbraucherzentralen und Landeskriminalämter berichten davon. Immer wieder erschleichen sich Kriminelle Bankkonten, die auf den Namen eines unbeteiligten Dritten laufen. Darüber waschen sie beispielsweise Geld oder wickeln Zahlungen ab, die auf einem weiteren Betrug basieren, zum Beispiel auf niemals erfüllten Kaufverträgen bei Ebay.

Die Kriminellen erreichen Verbraucher über gefälschte Stellenanzeigen im Netz

Um ein Konto im Namen eines unbeteiligten Dritten zu eröffnen, haben die Betrüger ausgefeilte Strategien entwickelt. Eine besteht darin, im Namen bekannter Unternehmen wie Tchibo oder Zalando auf Online-Plattformen Stellenanzeigen zu schalten. Auf echt wirkenden Webseiten durchlaufen die Arbeitsuchenden einen vermeintlichen Bewerbungsprozess. Sie sollen ihren Personalausweis einsenden und werden "im laufenden Mailverkehr von den Tätern dazu aufgefordert, sich per Video-Ident-Verfahren zu identifizieren, da angeblich ein persönliches Vorstellungsgespräch nicht möglich sei". So schildert es das LKA Niedersachsen.

In Wahrheit eröffnen die leichtgläubigen Opfer online ein Bankkonto, auf das die Täter Zugriff haben. Denn sie eröffnen das Konto im Namen des Dritten, hinterlegen jedoch ihre eigenen Kontaktdaten und erhalten demnach auch die Zugangsdaten zum Konto. So erging es auch einer Berlinerin, die ihren Fall der Verbraucherzentrale geschildert hat. Auf einem Online-Portal entdeckte sie eine vermeintliche Anzeige der Deutschen Bahn für eine Stelle als Grafikerin in Heimarbeit und bewarb sich.

Bevor es mit dem vermeintlichen neuen Job losging, sollte sie bei der angeblichen "Partnerbank" online ihre Identität nachweisen. Da der vorgebliche Arbeitgeber ihr versichert hatte, dass sie das Konto lediglich für diesen Nachweis eröffnen müsse und es anschließend sofort gelöscht werden würde, schloss sie das Verfahren ab. Erst später erfuhr sie, dass es noch immer bestand und Dritte darüber Transaktionen abwickeln.

Offenbar nutzen die Kriminellen schwierige persönliche Situationen der Opfer gezielt aus: Verbraucherschützer berichten, dass vor allem Arbeitslose und Arbeitnehmer, die nur von zu Hause arbeiten können, von dieser Vorgehensweise betroffen sind.

Und noch etwas fällt auf. Wer sich mit der Betrugsmasche befasst, stößt immer wieder auf den Namen von N26 - und zwar nicht nur in den Fällen von Matthias Gruber und der Berliner Grafikerin. Die Direktbank aus Berlin hat sich auf Online-Banking mit dem Smartphone spezialisiert, gilt als besonders innovativ und wirbt damit, dass Kunden bei ihr innerhalb weniger Minuten ein Konto eröffnen können. Erst Anfang des Jahres hat das Unternehmen 260 Millionen Euro von Investoren eingesammelt. Das LKA Niedersachsen hat festgestellt, dass "vermehrt" N26 als "missbräuchlich verwendete Bank" festgestellt werden könne. Bei den Fällen, die den "Marktwächtern" bekannt sind, ist der Betrug sogar "immer im Zusammenhang mit der N26" aufgetreten.

Die Finanzaufsicht hat schon vor zwei Jahren auf das Problem hingewiesen

Jörg Aus dem Bruch, der sich bei der Polizeidirektion Göttingen mit Geldwäschedelikten in Niedersachsen befasst, kennt aber auch ähnliche Fälle, in denen Konten bei anderen Geldinstituten eröffnet wurden, etwa bei der Fidor-Bank oder der Solaris-Bank. "Das ist vor allem ein Phänomen der Online-Banken, die das Video-Ident-Verfahren nutzen", sagt Aus dem Bruch. Doch auch Filialbanken, die mit der Zeit gehen wollen und ihren Kunden ermöglichen, auf diese Weise online ein Konto zu eröffnen, könnten betroffen sein. Die Finanzaufsicht Bafin hat bereits vor knapp zwei Jahren in einem Rundschreiben darauf hingewiesen, dass Banken "ihre Mitarbeiter dahingehend schulen müssen, dass sie zweifelsfrei feststellen, dass die zu identifizierende Person nach eigenem Willen das jeweilige Produkt beim entsprechenden Anbieter erwirbt".

Daran halte sich N26, heißt es bei der Bank auf Anfrage. Warum die Betrugsfälle gerade im Zusammenhang mit der Smartphone-Bank gehäuft auftreten, dafür liefert N26 keine Erklärung. Das Unternehmen weist aber darauf hin, die Problematik zu kennen und die Verbraucher schon vor Monaten auf dem eigenen Blog darüber aufgeklärt zu haben, wie sie sich vor Identitätsdiebstahl schützen können. Man informiere die Kunden im Zuge des Video-Ident-Verfahrens "gleich im ersten Schritt, ob sie sich darüber bewusst sind, dass sie ein Bankkonto bei N26 eröffnen", teilt die Bank Auch die Solaris-Bank gibt an, "die notwendigen Sicherungsmaßnahmen" gemeinsam mit ihrem Video-Ident-Dienstleister umgesetzt zu haben, die Fidor-Bank verweist auf ein "umfangreiches Sicherheitskonzept", ohne es genauer zu definieren. Wenn man Details weitergebe, heißt es bei der Bank, könnten die Betrüger diese Informationen gezielt nutzen.

Damit Verbraucher gar nicht erst Opfer von Identitätsdiebstahl werden, rät Kerstin Schultz von der Verbraucherzentrale Sachsen, "niemals" auf Anweisung von Dritten ein Konto zu eröffnen und persönliche Daten, Informationen und Dokumente mit ihnen zu teilen. Den Menschen, die auf den Trick hereingefallen sind, empfiehlt sie, die Bank zu kontaktieren und Anzeige bei der Polizei zu erstatten.

Der Kundenservice war bei Fragen zur Betrugsmasche nur schwer zu erreichen

Auch Matthias Gruber erstattete Anzeige und schickte eine E-Mail und ein Fax an N26. Ihm wurde zwar nicht die Identität gestohlen, doch er war indirekt betroffen - indem die Transaktion für die Kamera, die er gekauft hatte und die es nie gab, über das Konto abgewickelt wurde. Er machte die Bank auf das mutmaßlich missbräuchlich genutzte Konto aufmerksam und hoffte darauf, sein Geld vielleicht doch wiederzusehen. Nach zwei Wochen erhielt er eine Nachricht, in der vage die Rede davon war, dass der Fall an die "zuständige Fachabteilung weitergegeben" worden sei. Auch bei der Verbraucherzentrale beschwerten sich Kunden, dass die Bank im Zuge der Betrugsfälle nur schwierig zu erreichen war. Inzwischen habe man den Kundenservice personell aufgestockt, heißt es dazu bei N26.

Matthias Gruber hat nichts mehr von der Polizei gehört, seit er im Dezember Anzeige erstattet hat. "Das Geld ist weg", sagt er resigniert. Der Masche zum Opfer gefallen war Gruber, weil sich die Kriminellen Zugang zum Account eines echten Ebay-Verkäufers verschafft hatten und darüber die Kamera zum Verkauf stellten. Es kam zur Transaktion, obwohl Ebay nach eigenen Angaben eine "hochentwickelte Sicherheitssoftware" verwendet, um Betrugsversuche so früh wie möglich zu erkennen. Tatsächlich erhielt Gruber eine Nachricht von Ebay, dass sich womöglich ein unbefugter Dritter ins Konto des Verkäufers gehackt hat. Zu diesem Zeitpunkt hatte Gruber die 720 Euro allerdings bereits überwiesen.

Da sich Überweisungen meist nicht rückgängig machen lassen, empfiehlt die Verkaufsplattform, per Kreditkarte, Lastschrift oder Paypal zu bezahlen. Kommt die Ware nicht an oder entspricht nicht der Beschreibung, erhalten die Kunden in diesem Fall ihr Geld zurück. Gerade bei teuren Produkten empfiehlt Ebay "ausdrücklich", mit Paypal zu bezahlen. Für Matthias Gruber sind diese Hinweise nicht mehr von Interesse. Er hat genug vom Online-Shopping und sein Konto bei Ebay gelöscht. Geld übergibt er nur noch persönlich - wenn er dafür im Gegenzug direkt die Ware erhält.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4357189
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 07.03.2019/vwu
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.