Süddeutsche Zeitung

Konjunktur:Grüße aus Washington

Die Politik von Donald Trump gefährdet die deutsche Konjunktur - die Forscher erwarten ein deutlich geringeres Wachstum.

In den vergangenen Jahren sahen Konjunkturforscher des Öfteren große Gefahren für die deutsche Wirtschaft heraufziehen. Mal war es ein befürchteter Abschwung in China, mal waren es die negativen Folgen des Brexit. Nie kam es dann so schlimm. Jetzt allerdings senken viele Forscher ihre Prognosen für das deutsche Wachstum 2018 deutlich: um gut ein halbes Prozent. Das Münchner Ifo-Institut erwartet in diesem Jahr nach zuvor 2,6 sogar nur noch 1,8 Prozent. Auch das Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI reduzierte seine Erwartungen auf 1,8 Prozent.

Es ist eine Delle mit schönen Grüßen aus Washington. Die Strafzölle von US-Präsident Donald Trump hinterlassen ihre Spuren. "Selbst wenn bisher nur kleine Teile des deutschen Exports von den durch die USA verhängten Zöllen betroffen sind, dürfte das Aufkeimen des Protektionismus negativ auf das Exportklima wirken und Unternehmen vorsichtiger agieren lassen", sagt Roland Döhrn vom RWI. Und Trump hat ja erst angefangen. Nach den Zöllen auf Stahl und Aluminium gegen viele Staaten verhängte er am Freitag Strafzölle im Umfang von 50 Milliarden Dollar gegen China - und drohte Montagnacht weitere 200 Milliarden Dollar an, falls die Chinesen sich wie angekündigt wehren. Der Deutsche Aktienindex gab nach dieser Ankündigung bis Dienstagnachmittag um zwei Prozent nach.

"Das außenwirtschaftliche Klima ist rauer geworden", sagt Döhrn. "Die Bestellungen aus dem Ausland sinken und die heimischen Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück", heißt es beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Auch Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut macht sich Sorgen: "Die Wirtschaft hat sich in den ersten Monaten des Jahres deutlich schlechter entwickelt als gedacht." Vergangenes Jahr wuchs die deutsche Wirtschaft noch um 2,2 Prozent, das halten die Münchner Forscher 2018 nicht mehr für erreichbar. Für das kommende Jahr senken sie ihre Prognose von 2,1 auf 1,8 Prozent. "Am deutschen Konjunkturhimmel brauen sich derzeit kräftige Gewitterwolken zusammen", sagt Wollmershäuser.

Donald Trump hat auch Strafzölle auf Autos angedroht, die Europa und vor allem Deutschland stärker treffen würden als die bisherigen Stahlzölle. Eine Ausweitung von Handelsbarrieren sei zu einem nicht mehr vernachlässigbaren Risiko geworden, warnt das Ifo.

Eine weitere Bremse ist der Ölpreis, der in den vergangenen zwölf Monaten bereits deutlich zulegte. Die Aufkündigung des Iran-Abkommens durch die USA könnte den Preis für den nach wie vor wichtigsten Rohstoff der Welt weiter nach oben treiben, denn es wird nun wieder amerikanische Sanktionen gegen Iran geben. Das Risiko wäre noch größer, falls die Europäische Union auf Druck der Vereinigten Staaten das Abkommen ebenfalls kippen. Danach sieht es im Moment aber nicht aus.

Allerdings wäre auch ein Wachstum von 1,8 Prozent im längerfristigen Vergleich durchaus passabel. Die Konjunkturforscher rechnen zudem damit, dass die Zahl der Arbeitslosen erneut sinken wird - laut Ifo von 2,5 Millionen im vergangenen Jahr auf 2,3 Millionen im laufenden Jahr und 2,2 Millionen im Jahr 2019. Positiv wirken sich nach wie vor auch der heimische Konsum und die Bautätigkeit aus. Von der Bundesregierung kommen ebenfalls Impulse: Wenn der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung demnächst sinkt und auch die Mütterrente steigt, haben die Bundesbürger mehr Geld für den Konsum übrig.

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Quelle:
SZ vom 20.06.2018
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