Süddeutsche Zeitung

Konjunktur:Die deutsche Wirtschaft wird stärker

Nach dem Corona-Einbruch werden die Prognosen immer besser. Optimismus ist erlaubt - doch es gibt Risiken.

Von Alexander Hagelüken, München

Deutschland findet langsam aus dem tiefen Corona-Tal. "Die Wirtschaft konnte sich in den Sommermonaten etwas erholen", so das Statistische Bundesamt. Frühe Indikatoren deuten auf eine weitere Verbesserung hin. Das deckt sich mit anderen Prognosen - doch es gibt Gefahren wie eine weitere große Infektionswelle.

Nach dem Ausbruch der Pandemie sind Volkswirtschaften weltweit so abgestürzt wie noch nie in der Nachkriegszeit. Inzwischen beginnen die deutschen Unternehmen, die Verluste wettzumachen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet für 2020 nur noch, dass die Wirtschaftsleistung um sechs (zuvor: neun) Prozent schrumpft - und nächstes Jahr wieder um vier Prozent wächst. Ähnlich die Prognosen der Bundesregierung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). "Glücklicherweise hat die Wirtschaft im Sommer dank niedriger Fallzahlen aufgeholt", sagt IW-Direktor Michael Hüther. "Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, werden wir zum Jahreswechsel 2021/2022 das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben."

Finanzexperten blicken überraschend optimistischer in die Zukunft, berichtet das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Der entsprechende Indikator stieg auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. "Dies zeigt, dass Experten weiter von einer spürbaren Erholung der deutschen Wirtschaft ausgehen", sagt ZEW-Präsident Achim Wambach. "Die ins Stocken geratenen Brexit-Verhandlungen und die steigenden Corona-Infektionszahlen konnten die positive Stimmung nicht bremsen." Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) rechnet derzeit nicht mit einer großen Pleitewelle bei den Unternehmen. Viele hätten in den vergangenen Jahren vorbildlich gewirtschaftet und Gewinne überwiegend im Unternehmen gelassen, so DSGV-Präsident Helmut Schleweis. So habe der Mittelstand ausreichend Kapital, um Verlusten zu begegnen.

"Die deutsche Wirtschaft wird im laufenden dritten Quartal aus der Rezession kommen", erwartet Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Albert Braakmann vom Statistischen Bundesamt sieht einen freundlichen Ausblick für wichtige Industrien wie die Autohersteller. Deren Produktion lag im Juli zwar noch um 16 Prozent niedriger als vor Ausbruch der Krise im Februar, ab immerhin sieben Prozent höher als im Juni. Auch die Chemie-Hersteller legten zu, der Maschinenbau dagegen nicht. Mut machen Frühindikatoren wie die Auftragseingänge und die gefahrenen Lkw-Kilometer. Vielfach zeichnet sich ein V ab: Starker Einbruch, starker Aufschwung. Auf manche Branchen wie die Bauindustrie wirkt sich die Pandemie ohnehin kaum aus.

Stützend wirken die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung, etwa das Konjunkturpaket, so DIW-Chef Marcel Fratzscher. Allein dadurch steige die Wirtschaftsleistung dieses Jahr um 40 Milliarden Euro. Die Regierung solle aber dafür sorgen, dass aus dem Geld im Konjunkturpaket auch wirklich Investitionen werden - deren Niveau geht insgesamt stark zurück.

Wacklig sind die Exporte, vor allem in die USA und die EU. Hoffnung macht dagegen China. Die Ausfuhren dorthin liegen schon fast wieder auf Vorjahresniveau. Im August wurde in dem asiatischen Riesenland nach offiziellen Angaben gut fünf Prozent mehr produziert als im Vorjahr - und Einzelhändler verkauften erstmals seit Ausbruch der Pandemie mehr als im Vorjahr.

In Deutschland verhindert die staatlich bezuschusste Kurzarbeit viele Entlassungen, allerdings um den Preis niedrigerer Einkommen. Vor allem in Branchen wie Auto oder Gastronomie, wo sie stark angewandt wird. Viele Arbeitnehmer haben weniger Geld. Der Konsum wirkt diesmal weniger stabilisierend als beim letzten großen Einbruch in der Finanzkrise 2008. Weil die Bürger weniger Einkommen erwarten, rechnen die GfK-Marktforscher nicht damit, dass sich das Konsumklima rasch verbessert.

Schwierig ist die Lage bei verbrauchernahen Dienstleistungen, so Statistiker Albert Braakmann. Das Gastgewerbe, also Restaurants und Hotels, machte im Juli immerhin 20 Prozent mehr Umsatz als im Juni. Es waren aber immer noch 30 Prozent weniger als vor Ausbruch der Pandemie im Februar. Die Übernachtungen liegen etwa ein Viertel unter Vorjahr, vor allem ausländische Gäste bleiben wegen Corona aus. Die Zahl der Fluggäste in Deutschland stieg im Juli stark an - sie liegt aber 80 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

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