Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Raus aus der Schmollecke

Landwirtschaftsminister Schmidt grollt seit Tagen wegen ein paar "Bauernregeln" aus dem Umweltministerium. Dabei wäre eine schlagfertige Antwort viel wertvoller fürs Image als jede wüste Attacke. Das haben inzwischen viele Unternehmen kapiert.

Von Stephan Radomsky

Seit nun fast einer Woche schmollt und grollt Christian Schmidt. Ein paar neu zusammengereimte "Bauernregeln" aus dem Umweltministerium gefallen dem Landwirtschaftsminister von der CSU so gar nicht. Eine "pauschale Diffamierung der Bauern" erkennt er in Sprüchen wie "Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein". Und statt sich kurz zu ärgern oder, besser noch, einfach zu schmunzeln, fordert Schmidt eine Entschuldigung von SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks.

Das alles ist maßlos übertrieben, sowohl in der Sache als auch im Ton - selbst in Anbetracht des beginnenden Bundestagswahlkampfs. Vor allem aber schadet es den Landwirten und auch Schmidt selbst, der sich als ihr Sprachrohr versteht. Das Gepolter erzeugt zwar Aufmerksamkeit. Allerdings vor allem für die gereimten Zweizeiler, die angesichts der Anwürfe nur noch lustiger wirken. Schmidt dagegen, so wirkt es, hat einfach keinen Humor. Schon gar nicht dann, wenn der Witz möglicherweise auf seine Kosten geht.

Eine schlagfertige Antwort ist fürs Image viel mehr wert als jede wüste Attacke

Wer derart auf eine inhaltlich nachvollziehbare und sogar leidlich witzig verpackte Kritik reagiert, wirkt wenig souverän. Und indem sich Schmidt in die Schmollecke zurückzieht, nimmt er sich jede Möglichkeit, effektiv zu kontern. Dabei ist eine schlagfertige Antwort fürs Image viel mehr wert als jede wüste Attacke oder langatmige Gegendarstellung. Gerade eine Vorlage wie die "Bauernregeln" böte da wunderbare Möglichkeiten, vor allem in den sozialen Netzwerken, wo sich eine treffsichere Pointe in Windeseile verbreiten kann.

Wie vorteilhaft so ein gelungenes Augenzwinkern fürs eigene Image ist, haben inzwischen viele Unternehmen und auch einige Behörden verstanden, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) beispielsweise. Eigentlich zieht die Firma geradezu notorisch den Zorn und die Häme ihrer Kunden auf sich. Sei es, weil die U-Bahn mal wieder nicht kommt, sei es, weil das Ticket mal wieder teurer geworden ist. Sie hat aber gelernt, damit zu ihrem Vorteil umzugehen - indem sie ihre Kunden, deren Anliegen und Kritik ernst nimmt, sich selbst dagegen nicht so sehr. Gerade in sozialen Medien wie Facebook und Twitter gelingt damit im besten Fall ein Tonfall, der sympathisch und nahbar wirkt und manchmal auch ein bisschen albern. Wohl wegen dieser gewinnenden Kommunikation geht die Liebe der Berliner zu "ihrem" Nahverkehr inzwischen so weit, dass Taschen, Badehosen und Schals im blau-weiß-roten Camouflage-Muster der U-Bahn-Sitze als cool gelten.

Sich selbst weniger ernst zu nehmen, bedeutet freilich nicht, jede Beschimpfung lächelnd hinzunehmen. Politiker und Parteien müssen sich genauso wie Unternehmen gegen ungerechte Kritik und Beschimpfungen abgrenzen. Entscheidend ist in dieser Auseinandersetzung aber die Verhältnismäßigkeit, gerade wenn sie öffentlich geführt wird. Und auch dabei hilft etwas Humor, wie beispielsweise der Discounter Penny zeigt. Alle Jahre wieder stehen dort zu Weihnachten sogenannte "Zipfelmänner" aus Schokolade in den Regalen. Und genauso regelmäßig ereifern sich Menschen in expliziter Sprache darüber, dass die Kette ihre Figuren nicht als Weihnachtsmänner verkauft. Viel interessanter als die recht vorhersehbaren Anwürfe sind die Antworten darauf: individuell und treffend. Als ein Mensch etwa fordert, bei Penny möge man sich die Figur doch sonst wohin stecken, heißt es nur knapp: "Wir essen sie lieber." Die Beschimpfung wird so zur Werbung.

Das Gegenteil erreicht der Landwirtschaftsminister, wenn er ein paar recht harmlos umgedichtete Zweizeiler zum Generalangriff auf die Landwirte adelt, die übrigens in keiner der "Bauernregeln" erwähnt werden. Von der inhaltlichen Kritik soll abgelenkt werden, Inhalte und Argumente einer sinnvollen und nötigen Diskussion sollen im Getöse untergehen. Mag sein, dass Schmidt und seiner Klientel das im Wahlkampf ganz recht ist. Unklug ist es trotzdem. Sie würgen zwar die missliebige Diskussion um Massentierhaltung und überdüngte Böden, über Monokulturen und Artenschutz vorerst ab. Zugleich aber vergiften sie damit auch das Klima dieser ohnehin höchst aufgeladen Debatte weiter.

Das schreckt nicht nur die Gemäßigten ab, es ermutigt zugleich die Pöbler und Hetzer. Da unterscheidet sich die Politik gar nicht so sehr vom Nahverkehr oder dem Supermarkt. Nur hat man dort inzwischen verstanden, dass ein Lächeln oft viel entwaffnender sein kann als die geballte Faust. Christian Schmidt sollte vielleicht mal wieder U-Bahn fahren oder einkaufen gehen. Zur Inspiration.

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Quelle:
SZ vom 09.02.2017
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