Süddeutsche Zeitung

Störung von Bezahlterminals:Wer ist schuld am Kartenchaos?

Lesezeit: 3 min

Weil ihre Bezahlterminals nicht funktionieren, greifen Einzelhändler auf antiquierte Methoden wie das elektronische Lastschriftverfahren zurück. Dabei wäre der Schritt in die Zukunft möglich.

Von Max Muth

Wer derzeit in Filialen von Rossmann einkaufen möchte, der könnte ein bisschen nostalgisch werden. "NUR BARGELD", so steht es in vielen Geschäften auf Schildern am Eingang. Wer es dennoch mit Karte versucht, von dem wollen Händler - wenn es überhaupt funktioniert - eine Unterschrift. Die Händler greifen auf das eigentlich längst verdrängte elektronische Lastschriftverfahren zurück. Der Grund fürs Chaos bei der Kartenzahlung ist ein Softwareproblem bei einem in Deutschland beliebten Kartenterminal, dem H5000 des US-Herstellers Verifone. Eine normale Kartenzahlung ist deshalb vielerorts seit vergangenem Dienstag nicht möglich - und das dürfte wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Verkauft wurden die Geräte vom US-Finanzdienstleister Verifone, betrieben werden die Terminals aber in Deutschland von elf Netzbetreibern, darunter die Payone GmbH und die Concardis GmbH. Bei diesen laufen seit Tagen die Telefone heiß, Händlern bricht der Umsatz weg, wenn Kunden kein Bargeld dabeihaben, was seit dem coronabedingten Kontaktlos-zahlen-Boom immer häufiger der Fall ist. Wer für den den Einzelhändlern nun entstandenen Schaden aufkommen muss, das dürfte irgendwann gerichtlich geklärt werden. Der Netzbetreiber Concardis jedenfalls sieht den Fehler bei Verifone, wie in den Notfall-FAQ nachzulesen ist. Dort heißt es: "Die Ursache für die Fehler liegt bei dem Hersteller Verifone."

Ganz so einfach scheint die Sache jedoch nicht zu sein, sagt jedenfalls Jan Wildeboer, der die englischsprachige Öffentlichkeit seit vergangenen Dienstag in einem stetig anwachsenden Twitter-Thread über die Entwicklungen informiert. Seine Expertise für das H5000 kommt von der Software-Seite, er ist Linux-Experte, und das H5000 war Anfang der 2010er-Jahre das erste Kartenterminal, das auf der quelloffenen Software lief.

Netzbetreiber raten von Neustart ab

Hersteller Verifone spricht ganz allgemein von einem "Softwareproblem". Wildeboers Analyse der Fehlermeldungen, die die defekten Geräte produzieren, deutet aber darauf hin, dass das Problem ein abgelaufenes Zertifikat sein dürfte. Dazu passt ein kurioses Detail in den Support-Hinweisen der Netzbetreiber. Normalerweise fragt jeder Technik-Support den Anrufer sofort: "Haben Sie es mit einem Neustart versucht?" In diesem Fall raten die Netzbetreiber dagegen, auf keinen Fall eigenhändig einen Neustart der Terminals durchzuführen. Das passt zu Wildeboers Zertifikatsthese. Denn bei einem Neustart überprüfen die Geräte ihre Integrität, ob sie also möglicherweise von Hackern manipuliert wurden. Fehlt ihnen dann ein notwendiges Zertifikat, schalten sie in eine Art sicheren Modus, aus dem sie nur ein Techniker an Ort und Stelle wieder befreien kann.

Dass es beim H5000 Probleme gibt, überrascht den Experten nicht im Geringsten. Denn das Terminal wird gar nicht mehr vertrieben, und seit April 2021 sollte es Hersteller Verifone zufolge auch keine Software-Updates mehr geben. Im Dezember 2021 veröffentlichte Verifone dann dennoch eines, ein Hinweis, dass den Entwicklern ein drohendes Problem aufgefallen sein könnte. Doch das Update scheint nur bei wenigen Einzelhändlern angekommen zu sein. Diejenigen Händler, die das Update einspielten, haben offenbar keine Probleme. Bei allen anderen sind die Geräte vergangenen Dienstag schlagartig unbrauchbar geworden. Hier dürfte es bei der Schuldfrage interessant werden. Wenn Verifone rechtzeitig ein rettendes Update zur Verfügung gestellt hat, wer ist dann für die kaputten Geräte verantwortlich? Die Kunden? Oder die Netzbetreiber? Oder hatte Verifone vergessen zu erwähnen, wie kritisch das außerplanmäßige Update war?

Zurück in die Vergangenheit - oder die Zukunft

Bevor diese Fragen geklärt werden können, müssen Einzelhändler aber noch eine Weile mit Zahlungsweisen wie Mitte der Neunziger zurechtkommen. Oder sie machen gleich einen großen Schritt in die Zukunft. Neue Player wie der App-Payment-Dienstleister Luca Pay wollen das Chaos ausnutzen und haben angekündigt, bis Jahresende komplett auf die eigentlich übliche Transaktionsgebühr zu verzichten. Luca Pay wickelt Zahlungen komplett ohne Terminal ab. Kunden müssen an der Kasse nur einen QR-Code scannen und dann via Apple oder Google Pay bezahlen.

Für große Einzelhändler ist das keine Option. Der Discounter Aldi Nord will sich offenbar nicht auf den Technik-Support der Netzbetreiber verlassen, und hat in den vergangenen Tagen sämtliche H5000-Geräte in ihren Filialen ausgetauscht. Eine Investition, die sich nicht jeder Einzelhändler auf Anhieb leisten kann. Vielen kleinen Händlern bleibt zunächst nur, an das Verständnis ihrer Kunden zu appellieren, dass das Schild "NUR BARGELD" noch ein paar Tage länger stehen bleiben wird.

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