Süddeutsche Zeitung

Innenstädte:Der Einzelhandel verschwindet - und das ist gut so

Die Menschen kaufen zunehmend begeistert im Netz. Das gibt Deutschlands Innenstädten endlich die Chance, etwas anderes zu sein als austauschbare Fußgängerzonen mit den immer gleichen Läden.

Essay von Laura Weißmüller

Wenn ich das Haus betrete, in dem ich lebe, fühle ich mich alt. Nicht, weil meine Wohnung ganz oben im fünften Stock liegt. Mit 35 Jahren schaffe ich die Treppen noch ganz gut. Sondern weil in unserem Hauseingang ein Nachrichtenbrett hängt. Jeden Abend, wenn ich von der Arbeit komme, ist es voll beklebt mit immer neuen handtellergroßen Zetteln aus himmelblauem Karton. Für Frau Müller, Herrn Winter und Familie Erdinger. Quasi für jeden, nur für mich hängt dort nie was. Ich bekomme keine Päckchen. Vermutlich weil ich die Letzte in unserem Haus, ach was, in unserer Stadt bin, die ihre Einkäufe nicht per Klick im Internet erledigt.

Wer an einem ganz normalen Tag mal darauf achtet, wie die Pakete unsere Stadt erobert haben, der kann nur staunen: Im Tauchladen an der Ecke türmen sie sich so hoch, dass man vor lauter Kartongebirge kaum mehr was von den schwarzen Gummianzügen und Sauerstoffflaschen sieht. Auch der Kiosk hat sein halbes Sortiment in die Verbannung geschickt und nimmt stattdessen nun sperrige Postsendungen an, was morgens zu einer veritablen Warteschlange führt, auch für die, die nur eine 
Zeitung kaufen wollen.

Auf den Fahrradwegen heißt es sich in Acht zu nehmen vor Radlern, die viel zu große Pakete unter den Arm geklemmt haben und sich deswegen mit deutlicher Schlagseite fortbewegen. Und immer wieder hechten Frauen, ohne nach links oder rechts zu gucken, über rote Ampeln, weil sie noch schnell vor der Arbeit ihre schuhkartongroßen Schachteln abgeben müssen. Der Gesichtsausdruck aller Paketträger ähnelt sich dabei: Die Gereiztheit scheint zusammen mit der Sendung geliefert worden zu sein.

Der Online-Handel bringt vieles mit sich, aber keine Entschleunigung

Dabei ist das große Versprechen des Online-Einkaufens doch die Entschleunigung. Statt sich von Ladenschlusszeiten durch die Stadt hetzen zu lassen, klickt sich der Einkäufer so zügig wie gemütlich auf dem Sofa durch das Angebot. Soweit die Mär. Denn dass er dabei meist mehr Zeit verbraucht als beim analogen Einkauf, ist längst bewiesen. Das Internet wartet mit deutlich mehr Ablenkung auf als jede Fußgängerzone. Gleichzeitig scheint der Komfort spätestens beim himmelblauen Zettel zu enden. Schließlich fängt dann die Rennerei an.

Trotzdem kaufen die Menschen begeistert im Netz. Das merken die Innenstädte. Wächst der Onlinehandel weiter wie bisher, droht bis 2020 jedem zehnten Geschäft die Schließung. Das sind 45 000 Läden in Deutschland.

Schon jetzt zeigt jeder Spaziergang durch die Stadt, was für ein heftiger Kampf dort gerade ausgefochten wird. In den Zentren überwiegen die großen Ketten, was den Bummel so langweilig macht wie das Sortiment im Supermarkt. Ein Buchladen in meinem Viertel hat sich den Frust über die Onlinekonkurrenz sogar auf die Fensterscheibe geschrieben: "Wer bei Amazon kauft, unterstützt die Ausbeutung der Mitarbeiter und sorgt langfristig für tote Innenstädte!" Doch welcher Kunde lässt sich schon gern beschimpfen, bevor er an der Kasse zahlt?

Im Windschatten dieses Gefechts haben in der letzten Zeit immer mehr Läden eröffnet, die sich selbst als Liebhaberprojekt bezeichnen. Es gibt Geschäfte, die verkaufen nur Lakritz, andere nur Selbstgestricktes vom Chiemsee oder, gerade besonders beliebt: Design aus Skandinavien. Decken mit geometrischen Mustern, Windlichter aus eierschaldünnem Porzellan und schlank geschnittene Möbel. So geschmackvoll ich das gern in Cremeweiß gehaltenen Räumen arrangierte Angebot finde, spätestens beim dritten Laden fällt mir auf, dass ich fast exakt das gleiche Sortiment schon mal gesehen habe, in Berlin, in Stuttgart, in Rom, in Tallinn, in Rotterdam.

Auch die kleinen Läden haben sich längst globalisiert. Ihr Angebot mag auf den ersten Blick individuell wirken, aber das ist es nicht. Man google nur mal eine angesagte Seife aus Brooklyn und schaue, wie viele angesagte Läden auf der ganzen Welt diese in ihrem ausgesuchten Angebot haben. Und überhaupt: Wie viele handgewebte Geschirrtücher kann der normale Großstadtmensch gebrauchen?

Das Sterben des Einzelhandels macht Platz für die Realität

Auch die kleinen Läden werden das Sterben des Einzelhandels in unseren Städten nicht aufhalten. Es reicht nicht mehr, Ware in einem Geschäft feilzubieten. Egal wie künstlerisch wertvoll die drapiert ist und egal wie ausgefallen sie sein mag. Im Internet findet man immer noch mehr Auswahl und vermutlich auch zu einem besseren Preis. Gleichzeitig dürfte die Schnitzeljagd mit den Paketen und Paketscheinen bald ein Ende nehmen, wenn erst einmal die Zukunft des Zustellservices beginnt: fahrende Paketroboter, die freundlich, ohne Murren und ständig Vorfahrt gewährend die Lieferung nach Hause bringen, wo sie am Abend der Besitzer einfach aus der intelligenten Paketstation nimmt.

Und die Innenstädte? Hätten endlich die Chance, etwas anderes zu sein als immer noch eine weitere austauschbare Fußgängerzone, ein Riesenareal mit Shoppingmall oder Einkaufsarkaden. Ich träume zum Beispiel schon seit Langem von Schlaf-Cafés, in denen es sich die Besucher auf Sofas gemütlich machen, weil man schon viel zu viele Stunden auf den Beinen ist. Oder wie wäre es mit Coworking Spaces, in denen sich der Kunde auch mal nur für einen Nachmittag einen Schreibtisch mieten kann?

Es gäbe genug Alternativen zu der Shoppingödnis, die unsere Städte momentan narkotisiert. Vielleicht bietet das Sterben des Einzelhandels endlich die Möglichkeit, der wirklichen Welt in unseren Zentren Platz zu verschaffen. Das Einkaufen darf dann ruhig im virtuellen Raum stattfinden.

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