Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Angst vor Aldi und Amazon

Zwei Supermarktketten schließen sich zusammen, um sich gegen Angreifer aus dem Ausland zu rüsten. Tesco geht aber einen anderen Weg.

Diese Fusion wird die britische Supermarktbranche verändern: Die zweitgrößte Kette des Landes, Sainsbury's, schließt sich mit der Nummer drei, Asda, zusammen und überholt damit den bisherigen Marktführer Tesco. Der Aktienkurs von Sainsbury's stieg um ein Fünftel, nachdem der Londoner Konzern das Geschäft am Montag verkündet hatte. Die Notierung von Tesco, einem der größten Einzelhändler Europas, sank. Politiker der Oppositionspartei Labour meldeten Bedenken an. Sie fürchten um Jobs und fordern eine genaue Prüfung durch die Kartellbehörde CMA. Analysten schätzen, dass sich Sainsbury's und Asda, eine Tochter des US-Handelskonzerns Walmart, von einigen ihrer Filialen trennen müssen, um die Kartellwächter zufriedenzustellen.

Sainsbury's-Chef Mike Coupe sagte, der Zusammenschluss schaffe "eine neue Macht" in der Branche, ein Unternehmen, das wettbewerbs- und anpassungsfähiger sowie belastbarer sei. Solche Eigenschaften sind gefragt, denn Angreifer aus dem Ausland machen den etablierten Supermärkten zu schaffen. So wachsen die deutschen Discounter Lidl und Aldi Süd seit Jahren rasant. Die teutonischen Billigheimer haben die britischen Konzerne in einen Preiskrieg gedrängt; mit ihren schäbigen, aber günstigen Läden luchsen die Invasoren den alteingesessenen Anbietern Monat für Monat Kunden ab.

Inzwischen kommen Aldi und Lidl auf insgesamt 12,6 Prozent Marktanteil. Sainsbury's und Asda kontrollieren zusammen 31,4 Prozent der Branchenumsätze, Tesco liegt bei 27,6 Prozent. Die Fusion soll Sainsbury's und Asda im Konkurrenzkampf stärken. Die Kosten sollen jährlich um mindestens eine halbe Milliarde Pfund sinken, vor allem durch Einsparungen beim Einkauf. Filialen werden nicht geschlossen. Das Management verspricht, die Preise für viele beliebte Produkte um zehn Prozent zu kappen. Die Verbraucher sollen also vom Sparkurs profitieren - und Politiker und Kartellwächter sollen milde gestimmt werden. Wahrscheinlich verbilligen Aldi und Lidl als Reaktion ebenfalls Waren. Der Preiskrieg würde sich verschärfen.

Neben den deutschen Discountern gibt es noch eine weitere Bedrohung für die etablierten Einzelhändler: Amazon. Seit anderthalb Jahren liefert der amerikanische Internethändler in Teilen Englands Lebensmittel aus. Der Marktanteil von Amazon Fresh - so heißt der Dienst - ist winzig, und britische Händler sind für den Kampf gegen den Online-Giganten gut gerüstet. Denn im Königreich bieten alle großen Supermarkt-Ketten Internet-Bestellungen an; Lieferwagen bringen die Einkäufe zu den Kunden. Der Service von Amazon Fresh ist daher nichts Besonderes für Briten. Trotzdem wäre es ein Fehler, den Angreifer zu unterschätzen. Das wissen wenige so gut wie die Manager von Asdas bisherigem Mutterkonzern Walmart. Die Amerikaner leiden in der Heimat sehr unter Amazons aggressivem Wachstumskurs.

Walmart erwarb Asda 1999 für 6,7 Milliarden Pfund. Die Fusion bewertet die Kette nun mit 7,3 Milliarden Pfund - zehn Prozent mehr, allerdings sind auch 19 Jahre vergangen. Nach Abzug der Inflation hat der US-Konzern folglich einen Verlust gemacht. Walmart erhält drei Milliarden Pfund plus 42 Prozent der Aktien der zusammengeschlossenen Firma. Die Papiere geben den Amerikanern aber höchstens 29,9 Prozent der Stimmrechte; die Macht liegt bei den Sainsbury's-Aktionären. Größter Anteilseigner der britischen Supermarkt-Kette ist ein Staatsfonds aus Katar.

Der Chairman, vergleichbar dem Aufsichtsratsvorsitzenden, von Sainsbury's und Vorstandschef Coupe werden die fusionierte Firma mit mehr als 330 000 Beschäftigten führen. Die Asda-Märkte werden nicht umbenannt, die Asda-Zentrale bleibt im nordenglischen Leeds, und die Kette wird weiter vom jetzigen Chef geleitet. Der Asda-Chef hat früher bei Sainsbury's gearbeitet, der Sainsbury's-Chef bei Asda - das sollte beim Zusammengehen helfen.

Die Nummer zwei und drei der Branche bündeln also ihre Kräfte im Kampf gegen die deutschen Billigmärkte. Die bisherige Nummer eins, Tesco, geht einen anderen Weg. Der Konzern will Aldi und Lidl mit ihren eigenen Waffen schlagen. Das Unternehmen arbeite mit Beratern der Boston Consulting Group daran, eine eigene Discountkette aufzubauen, heißt es in britischen Medien. Die Filialen sollen klein sein, einen anderen Namen tragen und viel weniger Auswahl als Tesco-Läden bieten. Dafür sind dann die Preise niedriger. Die Deutschen wirbeln die Branche wirklich kräftig durcheinander.

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Quelle:
SZ vom 02.05.2018
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