Süddeutsche Zeitung

Goldraffinerien:Die Schweiz und ihr goldenes Geheimnis

Kinderarbeit in dunklen Tunneln: Gold wird oft unter verachtenden Bedingungen abgebaut. Deutschlands Nachbar spielt eine zentrale Rolle im Handel mit dem Rohstoff.

Von Charlotte Theile

Wenn ein kleines Land wie die Schweiz in irgendetwas Weltspitze ist, wird das bei jeder Gelegenheit erwähnt. Schon Schweizer Kinder wissen, dass ihr Land in einigen Nischen top ist: das beste Bankwesen, die innovativste Pharmabranche, die schönsten Uhren und die leckerste Schokolade. Über eine andere Branche redet man dagegen eher selten, und zwar über den Handel mit Rohstoffen. Auch hier ist die Schweiz spitze, aber lieber im Verborgenen.

Besonders deutlich wird das im Goldhandel. Gold wird in Schweizer Raffinerien aufbereitet und zu handlichen Barren gepresst. Die Mengen sind gewaltig: Vier der sechs größten Goldraffinerien der Welt befinden sich in der Schweiz. Oder anders ausgedrückt: Die Schweiz raffiniert 70 Prozent der weltweiten Gold-Produktion. Dabei taucht der Rohstoff nicht nur auf den Computern von Händlern auf, sondern gelangt ganz real ins Land - und wieder hinaus. Die Aufbereitung und der Verkauf von Gold leisten so einen wesentlichen Beitrag zum schweizerischen Bruttoinlandsprodukt.

Herkunftsland: Togo - doch das kann nicht sein

Bei der Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye ist man sich dieser Fakten seit Jahren bewusst. So richtig auf das Thema gestoßen wurden die Aktivisten jedoch erst Anfang 2014, als die Schweiz erstmals die Ein -und Ausfuhr von Gold in der jährlichen Außenhandelsstatistik auflistete. Zuvor hatte das Land diese Informationen mehr als zwei Jahrzehnte lang zurückgehalten. Grund dafür sollen damals die Beziehungen zum südafrikanischen Apartheid-Regime gewesen sein. Genaueres weiß man nicht - Schweizer Diskretion.

Doch seither gibt es Zahlen, bemerkenswerte Zahlen. Allein im Januar 2014 führte die Schweiz Gold, Silber und Edelmetalle im Wert von knapp sieben Milliarden Euro ein, ausgeführt wurden Edelmetalle im Wert von etwa sechseinhalb Milliarden Euro, der überwiegende Teil davon Goldbarren.

Die Aktivisten von Public Eye wollten mehr über die Herkunft dieses Goldes wissen. Als Herkunftsland stand da oft: Togo. "Doch Togo hat gar kein eigenes Gold", sagt Sprecher Oliver Classen. "Wir haben damit gerechnet, dass sich die Raffinerien nicht um die Herkunft ihres Rohstoffes kümmern, auch weil sie ahnen, dass in einigen Ländern Westafrikas keine Steuern und Zölle gezahlt werden" sagt Classen. Doch als sie dann dem Rohstoff hinterher reisten, hätten sie erkannt, dass sie es noch mit ganz anderen Problemen als Steuerausfällen in bitterarmen Ländern zu tun hatten.

12 Stunden Arbeit am Tag, und das in dunklen Tunneln

Im Oktober 2015 veröffentlichte die NGO einen detaillierten Bericht, der besonders eine Schweizer Raffinerie in den Fokus nimmt: Valcambi, mit 1400 Tonnen jährlich die größte Goldraffinerie der Welt. Das Tessiner Unternehmen deklariere sein Gold als "togolesisch", tatsächlich aber stamme es, so die Aktivisten von Public Eye, aus Minen in Burkina Faso, wo sogar Kinder unter katastrophalen Bedingungen arbeiten. Das habe eine ausführliche Recherche ergeben, die direkt an die Minen in Burkina Faso führte. Die Bilder und Geschichten von dort lassen die Ethik-Standards, zu deren Einhaltung sich Valcambi verpflichtet hat, wie einen Witz aussehen: Kinder, die 12 Stunden am Tag durch dunkle Tunnel kriechen, tödliche Unfälle, schlecht gesicherte Schächte.

Valcambi entgegnete, die Recherchen von Public Eye seien allesamt falsch. Man beziehe kein Gold aus den untersuchten Minen in Burkina Faso. Dann erklärt das Unternehmen ausführlich, welche Standards es anwendet. Sie heißen Know Your Client, Know Your Product oder auch Dodd Frank - ein amerikanisches Bundesgesetz, das nach der Finanzkrise ins Leben gerufen wurde, um die Finanzgeschäfte zu regulieren. Das Gesetz beinhaltet aber auch Offenlegungspflichten für sogenannte Konfliktmineralien, zu denen Gold gehört.

Schweizer Außenministerium plant Goldbericht

Dass internationale Standards den Druck auf die Schweizer Goldraffinierien hoch halten, freut Oliver Classen von Public Eye. "Die USA und die EU haben hier in den vergangenen Jahren viel Druck aufgebaut. Von Seiten der Schweiz wäre hier vermutlich nie etwas vorwärts gegangen." Inzwischen plant das Schweizer Außenministerium einen Goldbericht, die Richtlinien der Nachbarländern werden sukzessive übernommen.

Classen hält aber einen anderen Effekt für noch entscheidender: Diese Standards würden zunehmend auch in großen Unternehmen, die bei den schweizerischen Raffinerien Gold beziehen, Wirkung entfalten. "Diese Kunden wollen wissen, ob es überhaupt noch mit ihren ethischen Standards vereinbar ist, in der Schweiz einzukaufen."

Eine Neuerung könnte da eine Initiative bringen, über die die Schweizer demnächst abstimmen werden. Die sogenannte Konzernverantwortungsinitiative, die auf NGOs wie Public Eye zurück geht. Sie will erreichen, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz auch über die Landesgrenzen hinweg für die Durchsetzung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten verantwortlich sind. Für Classen wäre dieses Gesetz eigentlich nicht mehr als eine Konkretisierung dessen, was sich die Konzerne schon heute auf die Fahnen schreiben: "Mit der Konzernverantwortungsinitiative würden jene Sorgfaltsprüfungen, die Goldraffinerien bei Rohstoffen aus Risikogebieten gemäß Branchenkodex eigentlich heute schon anwenden müssten, in der Schweiz zur gesetzlichen Pflicht."

Im Herbst diesen Jahres reichten die Initiatoren 120 000 gültige Unterschriften für das Volksbegehren ein - 20 000 mehr als nötig, um den Vorstoß vor das Volk zu bringen. Wann die Schweizer über das neue Regelwerk entscheiden, steht noch nicht fest.

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