Süddeutsche Zeitung

Gesundheitspolitik :Wüstengras

Die Regierung in Israel erlaubt nun den Export von medizinischen Cannabis-Produkten. Anfragen aus dem Ausland gibt es bereits.

Sein Fall machte kürzlich Schlagzeilen in Israel, weil seine Krebserkrankung in Zusammenhang mit seinem Militärdienst steht: Jehuda Haber hat vor einem Jerusalemer Gericht das Gesundheitsministerium verklagt, weil seine Cannabisration drastisch gekürzt wurde. Seit 19 Jahren leidet der heute 58-Jährige an einem Hirntumor. 200 Gramm Cannabis bekam er in den vergangenen Jahren pro Monat verschrieben, nun wurde die Menge von den Behörden auf 90 Gramm reduziert - gegen den Rat von vier Ärzten.

Das Gesundheitsministerium rechtfertigte diesen Schritt damit, dass es inzwischen schlicht zu viele Patienten gebe, denen Cannabis zu medizinischen Zwecken verschrieben werde. Deshalb wurde, für die Patienten sehr überraschend, die Menge für jeden Einzelnen gekürzt. Von April an soll auch noch nach Verbrauch abgerechnet werden: 150 Schekel (35 Euro) pro zehn Gramm statt der bisherigen verbrauchsunabhängigen Monatspauschale von 370 Schekel (87 Euro). Für viele Patienten wird sich der finanzielle Aufwand also demnächst vervielfachen.

In Israel ist Cannabis seit mehr als 25 Jahren als medizinisches Produkt zugelassen, allerdings muss eine Kommission die Anwendung genehmigen: Im vergangenen Jahr wurde rund 38 000 Patienten die Anwendung von medizinischen Cannabisprodukten erlaubt, 2012 waren es lediglich 10 000. Ungefähr ein Drittel der Anträge wird den Angaben zufolge abgelehnt. Voraussetzung für die Genehmigung ist der Nachweis, dass andere Heilmethoden oder medizinische Produkte nach einem mindestens einjährigen Einsatz keine Verbesserung des Gesundheitszustandes gebracht haben. Eingesetzt werden medizinische Cannabisprodukte bei Krebs, neurologischen Krankheiten, posttraumatischen Stresszuständen, Multipler Sklerose und HIV. Verschreibungen dürfen in Israel nur speziell ausgebildete Ärzte vornehmen, ihre Anzahl soll in diesem Jahr erhöht werden. Von April an sollen medizinische Cannabisprodukte in Form von Blättern, Öl und Tabletten auch in rund hundert Apotheken im Land verkauft werden. Bisher bekamen die Patienten die Produkte nur über die Ärzte oder die Hersteller.

Rund 50 Unternehmen sind in diesem Bereich tätig, Marktführer ist die 2007 gegründete Firma Tikun Olam. Die meisten Anbaugebiete befinden sich im Norden des Landes. Bislang produzierten die Firmen nur für den israelischen Markt, doch das ändert sich nun. Die Regierung hat jetzt nach jahrelangen Diskussionen grünes Licht für den Export von Cannabis für medizinische Zwecke gegeben, nachdem das Parlament ein entsprechendes Gesetz im Dezember gebilligt hatte.

Jetzt hoffen die israelischen Firmen, ein großes Stück jenes Marktes erobern zu können, der laut Schätzungen in den nächsten fünf Jahren auf 33 Milliarden Dollar weltweit wachsen wird. "Cannabis wird für Israels Wirtschaft so wichtig werden wie High-Tech", prophezeit Saul Kaye, der Vorstandschef von Ican, Israel-Cannabis. Bisher setzten die Firmen in Israel rund 150 Millionen Dollar um.

Aber nicht nur die Cannabis-Hersteller selbst machen sich Hoffnungen, sondern auch Unternehmen wie Syqe Medical, die ein Inhalationsgerät entwickelt haben. An der jüngsten Finanzierungsrunde von Syqe, die 50 Millionen Dollar einbrachte, beteiligte sich unter anderem PRM Holdings, die zur deutschen Martin Bauer Gruppe gehört, die auf die Veredelung pflanzlicher Produkte spezialisiert ist. Eine Studie, die im Auftrag der rechtsgerichteten Regierung Netanjahu erstellt wurde, schätzt die wirtschaftlichen Impulse der Branche für den israelischen Markt auf umgerechnet bis zu 1,4 Milliarden Euro.

Anfragen soll es bereits aus Deutschland, Österreich und Mexiko geben

Es wird erwartet, dass mit den Exporten Mitte des Jahres begonnen werden kann, sobald die Genehmigungen durch das israelische Gesundheitsministerium vorliegen. Anfragen gebe es bereits aus Deutschland, Österreich und Mexiko, teilte Ican mit, wollte aber auf Anfrage keine Details nennen. Die israelische Polizei hat Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, um die Cannabisproduktion überwachen zu können, damit tatsächlich nur der medizinische Sektor bedient wird.

Doch nicht alle freuen sich über die Entwicklung: Einige Patienten in Israel fürchten, dass durch den Export zu wenig für ihren Bedarf übrig bleibt. Zwei Krebspatientinnen haben ihr Verfahren vor Gericht gewonnen: Auch ihre Verschreibungen wurden auf 90 Gramm pro Monat reduziert. Deren Anwältin vertritt nun auch Jehuda Haber.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4309321
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.01.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.