Süddeutsche Zeitung

Das Geschäft mit Potenzmitteln:Viagra bringt mehr als Kokain

Lesezeit: 2 min

Wer Potenzmittel-Plagiate verkauft, verdient besser als ein Drogendealer. Jetzt haben Arzneimittelhersteller und Apotheker genug. Mit einem Trick wollen sie den Fälschern auf die Schliche kommen.

Sibylle Haas

Es gibt Arzneien, die man lieber nicht schlucken würde. Man nimmt sie trotzdem, weil man gesund werden will oder weil man Schmerzen hat. Und es gibt Pillen, die man schluckt, weil man sich dann einfach besser fühlt. Das Potenzmittel Viagra gehört zu dieser Kategorie. Doch nicht jeder holt sich Viagra aus der Apotheke. Es könnte die Nachbarin gerade hinter einem stehen und die Sache mitbekommen. Oder das Mittel ist in der Apotheke einfach zu teuer. Das Internet ist voll mit Billigangeboten.

Doch nicht jedes Medikament, das online verkauft wird ist echt. Gerade im Internet blüht der Schwarzhandel extrem. Viagra gehört zu den Arzneien, die am häufigsten gefälscht werden. "Es ist lukrativer Viagra zu fälschen, als Kokain zu verkaufen", sagt Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Der Schwarzmarkt für Arzneimittelfälschungen wächst weltweit. Meist sind es illegale Vertriebswege, die als Einfallstor für Fälschungen dienen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass der Anteil der über illegale Internetversender verkauften gefälschten Medikamente bei 50 Prozent liegt. Nach Angaben der EU-Kommission wurden 2010 dreimal so viele Postsendungen mit Arznei-Plagiaten beschlagnahmt wie 2009 - verursacht durch den illegalen Online-Verkauf. Und aus der EU-Zollstatistik geht hervor, dass voriges Jahr an den Grenzen 3,2 Millionen gefälschte Arzneimittel beschlagnahmt wurden. Die meisten Plagiate stammen aus Indien und China.

Auch in Deutschland blüht das Geschäft. Nach Angaben des Bundeskriminalamts sind es vor allem illegale Reimporte in gefälschten Verpackungen. Arzneimittel, die zum Export aus der EU bestimmt waren und später in gefälschter Aufmachung in den legalen Handel in Deutschland gelangen. Vor einigen Monaten etwa sorgten für Afrika bestimmte Aids-Medikamente für Aufsehen; sie sollen in veränderter Verpackung zurückimportiert und in Deutschland verkauft worden sein.

Wie die Apotheker die Fälscher überlisten wollen

Gegen solche Fälschungen wollen Arzneimittelhersteller, Pharmagroßhändler und Apotheker jetzt vorgehen. Soeben haben sie in Berlin eine Initiative unter dem Namen Securpharm gegründet, um den deutschen Arzneimittelmarkt fälschungssicher zu machen. Ein Sicherheitssystem soll dem Apotheker helfen, die Echtheit von Arzneimitteln zu prüfen, erklärte Reinhard Hoferichter, designierter Geschäftsführer von Securpharm.

Das Pilotprojekt soll 2013 starten. Dann werden mehrere Hersteller die Packungen einiger ausgewählter rezeptpflichtiger Arzneimittel mit einem Code ausstatten, so wie es auch bei Bahn- oder Flugtickets üblich ist. Der Code wird eine nur für diese eine Packung bestimmte Nummer enthalten, die auch in einer Datenbank gespeichert wird. "Damit wird jede Packung zum Unikat", sagte Hoferichter.

Die am Pilotversuch teilnehmenden Apotheken werden mit Scannern ausgestattet, mit denen der Code gelesen werden kann. Die Apotheker scannen das Präparat und lösen damit eine Abfrage im Datenbank-System aus. Ist die Seriennummer okay, bestätigt dies das System. Eine unbekannte Nummer löst dagegen einen Alarm aus und der Patient bekommt eine andere Packung.

Die Branche reagiert damit auf eine EU-Richtlinie vom Juli. Danach sollen Medikamente durch Sicherheitsmerkmale identifizierbar sein. Welche Arzneimittel davon betroffen sind, ist noch nicht entschieden. Ob Viagra dazugehört, ist damit auch noch nicht klar.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1137954
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 02.09.2011/fo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.