Süddeutsche Zeitung

Arbeit und Soziales:Corona-Helden gehen leer aus

Pfleger und Verkäuferinnen, für die im Frühjahr geklatscht wurde, fallen beim Gehalt zurück. Gerade alleinerziehende Mütter sind betroffen. Eine Studie warnt vor gesellschaftlichen Ungleichheiten.

Von Alexander Hagelüken

Dieses Frühjahr stellten sich viele Deutsche auf ihre Balkone und klatschten. Sie applaudierten Pflegern, Verkäuferinnen und anderen für ihren Einsatz in der Corona-Pandemie. Finanziell wird sich dieser Einsatz womöglich kaum lohnen: Alle diese Berufsgruppen liegen auch in fünf Jahren weit unter dem Durchschnittslohn, sagt eine neue Studie voraus. Der Bertelsmann-Stiftung zufolge bleiben auch Alleinerziehende und generell viele Frauen beim Einkommen abgehängt.

Das reale Bruttojahresgehalt im Gesundheits- und Sozialwesen wird 2025 gut 4000 Euro geringer sein als der deutsche Durchschnittslohn von 34 000 Euro, so die Stiftung. Im Einzelhandel klafft dann sogar eine Lücke von 10 000 Euro. Diese Differenzen überraschen kaum, sieht man sich die Lohnsteigerungen in der Industrie an. In der Chemie- und Autobranche nimmt der Verdienst demnach zwischen 2017 und 2025 um 6000 Euro zu - zwei bis drei Mal so stark wie bei Gesundheit, Sozialem und Handel.

Den Lohn beeinflussen verschiedene Faktoren. Spezialisten mit rarem Wissen etwa können höhere Gehälter aushandeln. Dann spielt es eine Rolle, dass in Dienstleistungen relativ wenige Beschäftigte in der Gewerkschaft sind, in der Industrie aber viele - entsprechend mehr Geld schlagen Industriegewerkschaften wie IG Metall und IG BCE heraus. Die Bertelsmann-Studie konzentriert sich darauf, wie die Produktivitätsentwicklung die Bezahlung beeinflusst. Die Produktivität misst vereinfacht gesagt, wie viel mehr Autos ein Arbeiter von Jahr zu Jahr produziert oder wie viel mehr Software eine Entwicklerin programmiert. Programmiert sie mehr, kann ihr die Firma mehr Lohn zahlen, da sie ja auch höhere Einnahmen erzielt.

Im arbeitsintensiven Gesundheitswesen oder Einzelhandel nehme die Produktivität bis 2025 nur halb so stark zu wie in der Industrie, so die Studie, die die Trends der vergangenen Jahre fortschreibt. "Entsprechend geringer ist der Spielraum für Lohnerhöhungen", so Torben Stühmeier von der Stiftung. Ökonomen thematisieren schon lange, dass die quantitative Produktivität vieler Dienstleistungen langsamer wächst als in der Industrie. Eine Krankenschwester kann nicht einfach mehr Patienten pro Stunde betreuen oder eine Pianistin mehr Stücke pro Stunde spielen, ohne dass die Qualität leidet. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler William Baumol diagnostizierte 1967 eine "Kostenkrankheit", wenn die Löhne solcher Dienstleistungen trotzdem stark steigen.

Um die Bezahlung etwa in der Gesundheitsbranche zu verbessern, müsse auch hier die Produktivität gesteigert werden, fordert die Studie. Die Digitalisierung von Abläufen und Dokumentationen biete reichlich Potenzial, um das zu erreichen: "Hiervon werden am Ende auch die Beschäftigten profitieren."

Berufstätige Frauen haben das Nachsehen

Ohne solche Veränderungen nehmen gesellschaftliche Ungleichheiten zu, warnt die Studie. Während das Fünftel der Topverdiener in Deutschland seinen Jahresverdienst bis 2025 um insgesamt 7000 Euro steigere, seien es im wenig verdienenden Fünftel nur 300 Euro. Bezogen auf das verfügbare Einkommen nach Steuern und Sozialabgaben drohten sogar Verluste. "Die Inflation frisst die Lohnzuwächse auf", sagt Torben Stühmeier.

Besonders betroffen sind alleinerziehende Mütter, die zu zwei Drittel in Teilzeit arbeiten - und häufig in Branchen mit geringem Produktivitätszuwachs: jede fünfte ist in Gesundheitsjobs tätig. Für sie müsse es sowohl mehr gute Ganztagsschulen und -kitas geben als auch eine flexible Aus- und Weiterbildung, so die Studie.

Berufstätige Frauen haben demnach insgesamt häufig das Nachsehen, weil sie häufig in Teilzeit und ebenso häufig in unterdurchschnittlich produktiven Dienstleistungen tätig sind. Die gesellschaftliche Gruppe, deren Einkommen in den kommenden Jahren am stärksten zulegen, sind Paare ohne Kinder.

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