Süddeutsche Zeitung

Abtretender BMW-Chef:Der Wunsch nach Orientierung war stärker

  • Am Freitag erklärte Krüger, im Jahr 2020 als BMW-Chef aufzuhören. Er wolle sich "neu orientieren".
  • Krüger galt eher als vorsichtiger Vermittler. Er trat stets bescheiden auf. Das hat ihm viele Gegner gebracht.
  • Jetzt wollen alle Vorstandsmitglieder Krüger nachfolgen.

Ganz am Ende der großen Show in der sogenannten BMW-Welt in München, der zum Eventzentrum mutierten Auslieferungshalle, passierte es. Das war in der vergangenen Woche. Das Münchner Vorzeigeunternehmen hatte aufgeboten, was es gerade anzubieten hat, was in den Entwicklungslaboren ausgetüftelt wird. Roboterautos fuhren herum, und damit die Demonstration ganz sicher klappt, hatten sie sogar auf öffentlicher Straße extra eine Ampel installieren lassen. Drinnen trommelte die ziemlich angesagte Band Meute, während schnittige Autos rasant um einen eigens angelegten Rennkurs rasten. Im Abgasnebel fuhren auch einige weiß lackierte Elektrowagen vor. Vorstandschef Harald Krüger und seine Kollegen erklärten und zeigten. Eine Art Leistungsschau sollte das sein.

Dann aber, am späten Nachmittag, rollte ein Motorrad auf eine Bühne, ein Zukunftsmodell, sehr zackig gestaltet. Auch Harald Krüger kam noch einmal auf die Bühne. Und sagte: "I would like to drive away now!" Ich würde jetzt gerne wegfahren. Eine Spritztour mit dem futuristischen Zweirad, so kann man es sehen. Aber wenn man die Debatte in der Firma und das Ringen des Chefs verfolgte, dann lag auf der Hand: Es geht Krüger da nicht nur um eine Spritztour. Sondern um sich selbst, um seinen Abschied ohne Wiederkehr. Das würde passen zu dem ganzen Gerede um einen Führungswechsel, das es seit dem Frühjahr gegeben hat bei BMW. Als habe er den Firmenslogan umformulieren wollen: Freude am Wegfahren!

Und so ist es nun auch gekommen. An diesem Freitagvormittag hat Krüger um ein Gespräch gebeten bei Norbert Reithofer, seinem Vorgänger. Der ist jetzt Aufsichtsratschef. Krüger erklärte, nicht mehr antreten zu wollen für eine neue Amtszeit, und überreichte diese Botschaft auch als Brief. Bis Ende April nächsten Jahres läuft sein Vertrag; es ist üblich, bei solchen Posten früher Klarheit zu schaffen, meist ein Jahr zuvor. Wenig später am Freitag verschickt Krüger, 53, auch an die Mitarbeiter die Nachricht. Betreff: Brief von Harald Krüger. "Meine Damen und Herren, heute ist für mich kein gewöhnlicher Tag", beginnt er seine kurzen Zeilen.

Es sei ihm eine "Ehre" gewesen, mit den 135 000 Menschen in dem Unternehmen zu arbeiten: Seit 27 Jahren sei BMW seine berufliche Heimat, nach mehr als zehn Jahren im Vorstand, davon mehr als vier Jahren als Vorstandschef, wolle er sich "beruflich neu orientieren" und seine Erfahrung in neue Aufgaben einbringen. Ansonsten ist über die Umstände an dieser Stelle nichts zu erfahren. Es ist ein Ringen gewesen mit sich selbst und den Umständen.

Eine Etage nach unten musste Krüger gehen an diesem Vormittag, vom 22. in den 21. Stock des Vierzylinders, wie die Zentrale genannt wird. Doch in den Augen vieler BMWler spiegelte das nicht die Macht wider. Eigentlich sei ja nicht der "A" der Mächtige, wie der Vorstandschef firmenintern genannt wird, sondern der Aufsichtsratschef. Weil Krüger viel weniger offensiv auftritt, von vermittelndem Wesen ist, öffentlich eingesteht, auch Ruhe zu suchen. Weil er die kleine Runde viel lieber mag als die große Bühne und vor allem ausstrahlt: Ich mache das aus Pflichtbewusstsein. Er ist keiner, der auf Experimente setzt und mal ungestüm mit Kampfeslust nach vorne marschiert, wie es etwa ein Herbert Diess als Volkswagen-Chef tut. Der war auch lange bei BMW und stand ebenfalls zur Debatte als Chef, als man sich doch für Krüger entschied. Als Krüger dann bald nach Amtsantritt, im Herbst 2015, auf der Frankfurter Autoshow IAA einen Schwächeanfall erlitt, auf offener Bühne, da sahen sich seine Kritiker bestätigt, und die Zweifel wuchsen. In den vergangenen Monaten, nach einem Großteil der Amtszeit, wurde das Getuschel dann noch lauter.

Und noch genauer schauten alle hin, wie Krüger nun auftritt, ob da wieder ein Zeichen von Schwäche ist, ein Versprecher etwa, ein Stolpern. Die Anstrengung und das Taxieren waren zu spüren bei der Bilanzpressekonferenz im März. Alle im Saal, Vorstandskollegen wie Journalisten, merkten auf, als er sich einmal verhaspelte. Als dann die erste Frage kam: Macht Ihnen denn die Arbeit noch Spaß, also wollen Sie weitermachen, da übernahm der Konzernsprecher an seiner statt das Wort. Das sei kein Thema, hieß es.

Auch die Ergebnisdelle in diesem Jahr belastet Krüger

Das hat damit zu tun, dass man bei BMW, gerade bei den Großeignern, den Familien Klatten und Quandt, die Ruhe schätzt. Wer hier, wie es ein Vorgänger von Krüger einmal tat, herausposaunt: Ich bin gern weiter Kapitän, der kann sich darauf einstellen, dass genau das nicht passiert. Aber die Intervention des Sprechers hatte wohl auch damit zu tun, dass man Krüger schützen wollte. Er müsse für sich persönlich entscheiden, ob er weitermachen wolle, hörte man von da an immer wieder im Unternehmen. Und dann müsse man schauen, was die maßgeblichen Entscheider wünschen: der Aufsichtsratsvorsitzende natürlich, die Arbeitnehmer, besonders der Betriebsratsvorsitzende Manfred Schoch, und die Großeigentümer, vor allem vertreten von Stefan Quandt.

Die Familien wiederum mögen seine ruhige Art wie wohl auch der Aufsichtsratschef, der ihn gefördert hat. Die Arbeitnehmer schätzen Krüger, weil er keine harten Einschnitte macht, berechenbar ist und fair, auch wenn gerade die Ingenieure mehr Führung wünschen: Wohin soll man forschen in einer Zeit, die so ungewiss ist? Neue Wettbewerber tun sich auf, neue Technologien, die Luxusposition mit Garantie auf satte Gewinne ist vorbei. Krüger hat als Rezept dagegen stets ein Wir-machen-alles als Parole ausgegeben.

310 Millionen Euro

Erstmals seit zehn Jahren musste BMW im ersten Quartal 2019 wieder einen Verlust ausweisen - und dann gleich in dreistelliger Millionenhöhe. Als Grund für den Einbruch nannte das Unternehmen eine Rückstellung von 1,4 Milliarden Euro wegen eines möglichen Bußgelds im laufenden EU-Kartellverfahren. Die EU-Kommission wirft BMW, Daimler und Volkswagen illegale Absprachen bei der Abgasreinigungstechnik vor. Aber auch hohe Investitionen in die Elektromobilität, die Modernisierung der Werke und höhere Rohstoffpreise machen BMW zu schaffen. SZ

Das säte offenbar mehr Zweifel als Gewissheit. Als die Wechselgerüchte zuletzt auftauchten, gab es jedenfalls kein klärendes Hintergrundgespräch, das Krüger stärkte - anders als es nach seinem Schwächeanfall während der IAA passierte. Führungskräfte berichteten zwar noch dieser Tage, dass er mit Freude bei Besprechungen sei und tief eingearbeitet wie immer. Und dass er nicht chancenlos gewesen wäre, wenn er mit dieser Energie und Freude noch einmal hätte antreten wollen. Aber vielleicht kam das zu spät. Die Verstimmung über rote Zahlen im ersten Quartal dieses Jahres wird auch noch eine Rolle gespielt haben - so etwas bei BMW! - wie auch das Zurückfallen bei der Elektromobilität: Reithofer hatte BMW zur Weltspitze gemacht mit dem i3, jetzt steht man irgendwo im Mittelfeld. Und dann ist da noch der Machtkampf und die mangelnde Wertschätzung. So sehr sie bei BMW immer das Team betonen, auch Krüger in seinem Abschiedsbrief, so hart wurde doch zuletzt gerungen: um die Nachfolge des noch nicht einmal Abgetretenen.

Alle Vorstandsmitglieder vermittelten nur eines: Ich will auch!

In der vergangenen Woche bei der Show war das spürbar, wohl auch für Krüger. Der antwortete an dem Tag auf die Frage nach seiner Zukunft: Sie sehen doch, ich arbeite an der Zukunft von BMW. Wenn man mit seinen wichtigsten Vorstandskollegen über die künftige Führung sprach, da lächelten sie, sagten: Das ist Sache des Aufsichtsrates. Und vermittelten alle: Ich will! Nicolas Peter, der Finanzchef, der es könnte und wollte, es aber nicht wird, weil er kein Techniker ist. Oliver Zipse, der akkurate Produktionsvorstand, dem manche vorwerfen, früher als Strategiechef die Elektromobilität zu niedrig priorisiert zu haben, der aber beste Kontakte zu den Arbeitnehmern hat und einen eher ganzheitlichen unternehmerischen Ansatz hat. Schließlich Klaus Fröhlich, der in der BMW-Zeitrechnung schon bald Pensionär ist mit 58 Jahren und eher aus der Verbrennerwelt kommt. Aber der so umtriebig ist, beste Kontakte pflegt zum immer wichtigeren Partner Daimler, dem niemand sein technisches Know-how abspricht. Unter diesen beiden wird die Nachfolge aller Voraussicht nach entschieden, wobei Zipse wohl in Führung zu liegen scheint.

Den Zeitplan dafür hat der bisherige Chef zum Abschied noch öffentlich gemacht: Der Aufsichtsrat werde sich in seiner nächsten Sitzung am 18. Juli mit der Nachfolge befassen. Bis dahin bleibt noch er, der Vermittelnde, im Amt.

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Quelle:
SZ vom 06.07.2019/lüü
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