Süddeutsche Zeitung

Bei uns in Bern:Arme Büezer, arme Beizer

Endlich mal wieder was Warmes zum Mittagessen! Oder doch nicht?

Von Isabel Pfaff

Ein paar neue Vokabeln muss man sich schon draufschaffen, wenn man in eine Schweizer Stadt zieht. Einer dieser schönen Helvetismen ist das Wort "Büezer". Es stammt letztlich vom Verb büßen ab, was letztlich so viel wie verbessern oder ausbessern bedeutet. Ein Büezer ist also einer, der ausbessert, der sich plagt - also: ein einfacher Arbeiter. Der Begriff wird hierzulande nicht abwertend benutzt, im Gegenteil: Manche schreiben ihn sich sogar auf die Fahnen, obwohl sie streng genommen gar keine richtigen Büezer sind - das ziemlich erfolgreiche Mundart-Pop-Duo "Büetzer Buebe" zum Beispiel.

Gerade versucht die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei (SVP) ein bisschen auf dem Wackeren-Büezer-Image zu surfen. Zwar ist die SVP wirklich einmal aus einer Bauern- und Gewerbepartei hervorgegangen. Aber seit der steinreiche Zürcher Christoph Blocher das Zepter übernommen und aus der SVP eine stramm rechte politische Kraft gemacht hat, mit Bankern, Milliardärinnen und Unternehmensberatern in der ersten Reihe, gilt die Partei eigentlich nicht mehr als Anwältin der hart arbeitenden "Chrampfer" (noch so eine schöne Vokabel). In Corona-Zeiten, so scheint es, versucht sie nun an ihr vergessenes Erbe anzuknüpfen: "Beizen für Büezer" heißt der Vorstoß einer SVP-Nationalrätin. Seit Ende Dezember nämlich ist die Schweizer Gastronomie pandemiebedingt geschlossen - womit auch die Aufwärmmöglichkeiten für alle, die draußen arbeiten, wegfallen. Bauarbeiter, Gärtnerinnen, Zimmerleute: Sie alle, so die SVP, bräuchten auch während der Pandemie die Möglichkeit, in der Wärme Pause zu machen.

Jetzt endlich hatte die Schweizer Regierung, der Bundesrat, Erbarmen mit den Büezern. Seit dieser Woche dürfen Kantone es ihren Gastrobetrieben erlauben, für Handwerker und andere "Berufstätige im Außeneinsatz" über die Mittagszeit zu öffnen.

Nur: Abgesehen davon, dass die kalten Tage inzwischen gezählt sein dürften, haben viele Restaurants offenbar gar keine Lust dazu. Recherchen des Schweizer Fernsehens zeigen, dass ziemlich wenig Beizen mitmachen bei der Büezer-Aktion. Die Hürden sind allerdings auch hoch: Nicht nur das Restaurant muss sich beim Kanton anmelden, auch die Arbeitgeber müssen ihre Angestellten für jedes Mittagessen im Lokal ankündigen. Und Essen verkaufen darf man ohnehin nur zwischen 11 und 14 Uhr. Unter diesen Bedingungen zu öffnen lohne sich nur mit einer großen Baustelle vor der Tür, beklagt sich eine Wirtin aus dem Kanton Bern.

Arme Büezer, arme Beizer. So richtig leicht scheint es gerade keiner zu haben. Selbst mit der SVP könnte man fast ein bisschen Mitleid haben: Da will sie sich einmal wieder mit den einfachen Leuten gemein machen, und dann das. Vielleicht sollte sie sich einfach wieder auf Migrationspolitik konzentrieren. Diese Klaviatur scheint die Blocher-Partei besser zu beherrschen.

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