Süddeutsche Zeitung

Arbeitsverhältnisse:In der unvollkommenen Welt

Auch im Boomjahr kommt die Wirtschaft nicht ohne prekäre Jobs aus. Man kann diese Entwicklung insgesamt verteufeln und moralisch oder gar gesetzlich ächten - besser ist es, man akzeptiert die Zeichen der Zeit.

Marc Beise

Mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland sind erwerbstätig - das ist eine gute Nachricht für all diejenigen, die Arbeit gegen Bezahlung für einen wichtigen Wohlfühlfaktor des Lebens halten und nicht für Ausbeutung. Mehr Erwerbstätige als je zuvor: Die Jahresbilanz 2010, die das Statistische Bundesamt nun vorgelegt hat, entspricht dem allgemeinen Trend einer Volkswirtschaft, die unerwartet stark aus der Krise gekommen ist.

Zu dieser Rekordzahl an Jobs allerdings gehören auch viele prekäre Arbeitsverhältnisse - das ist die schlechte Nachricht. Präziser formuliert: Selbst in diesem wirklich guten abgelaufenen Jahr ist die Zahl der Vollzeitstellen etwas gesunken, dafür die Zahl der Teilzeit-Beschäftigten deutlich gestiegen. Viele der neuen Stellen entstehen in der Zeitarbeitsbranche, von den fünf Millionen 400-Euro-Jobbern ganz zu schweigen. Und auch die Vollzeitjobs sind nicht mal mehr "beim Staat" oder bei Siemens garantierte Stellungen auf Lebenszeit.

Nur beides zusammen, der Job-Rekord und die wachsende Fragmentierung dieser Jobs, bildet die Wirklichkeit der Arbeitswelt im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts ab. Man kann diese Entwicklung insgesamt verteufeln und moralisch oder gar gesetzlich ächten; das wärmt das Herz, schafft aber keine Jobs, eher im Gegenteil. Der Trend geht zu mehr Vielfalt bei den Arbeitsverhältnissen in einer Welt, in der Deutschland die Bedingungen nicht mehr diktiert, sondern selbst unter Druck steht. Besser ist deshalb, man akzeptiert die Zeichen der Zeit und konzentriert sich auf die Verbesserung der Wachstumsbedingungen der Wirtschaft sowie auf faire Rahmenbedingungen im Job.

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Quelle:
SZ vom 04.01.2011/mel
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