Süddeutsche Zeitung

BP:Enteignungen, Katastrophen und ein Putsch

"Made in Great Britain": BP wird zum bestgehassten Konzern in den USA. Das Desaster im Golf von Mexiko ist aber nur die jüngste einer ganzen Reihe von Fehlleistungen.

Amerika hat ein neues Feindbild: Es ist der britische Ölkonzern BP. Washingtoner Politiker sprechen von der "British Petroleum". Damit wollen sie unmissverständlich deutlich machen, dass die verheerende Ölpest im Golf von Mexiko "Made in Great Britain" ist. Das Kürzel BP - offiziell der Firmenname seit 1998 - klingt da offenbar zu neutral. Kaum einem US-Politiker dürfte allerdings bekannt sein, dass "British Petroleum" einst ein deutsches Unternehmen war, das in Großbritannien tätig war.

An der British Petroleum Company war Anfang des vergangenen Jahrhunderts auch die Deutsche Bank beteiligt. Das Unternehmen avancierte zu einem der größten Ölversorger auf der Insel - zunächst für rußende Ölfunzeln und dann für die knatternden Gefährte des aufkommenden Automobilzeitalters.

Im Laufe des Ersten Weltkriegs enteignete die britische Regierung die deutsche Firma und schlug sie der Anglo-Persian Oil Company (APOC) zu. Hintergrund war dabei der wachsende Ölbedarf der britischen Marine, die ihre Schiffe unter Regie des damaligen Marineministers Winston Churchill von Kohle- auf Ölfeuerung umstellte. Daran sollten aus Sicht Londons nicht die Teutonen verdienen. Die Enteignung ist eine Facette in einer hundertjährigen Firmengeschichte. Kaum ein anderes britisches Unternehmen pflegte so intensive Kontakte zur Politik wie APOC. Das britische Empire und die expansionshungrige Firma verbandelten sich immer enger.

Umtriebiger Unternehmer

Am Anfang stand der geschäftstüchtige Unternehmer William Knox D'Arcy. Der 1849 geborene Sohn eines Rechtsanwalts aus dem englischen Städtchen Newton Abbot wanderte 1866 nach Australien aus und machte dort sein Geld mit Grundstücksspekulationen. 1899 kehrte er mit seiner Familie nach London zurück. D'Arcy hätte sich mit seinem Vermögen zur Ruhe setzen können. Doch der umtriebige Unternehmer entdeckte ein neues Betätigungsfeld: die Ölexploration.

Vor allem Persien galt damals als Eldorado des neuen Erdölbooms. D'Arcy machte sich auf ins gelobte Land und schwatzte dem persischen Monarchen Mozaffar al-Din Shah Qajar eine Ölförderlizenz in einem riesigen Wüstengebiet ab. 1909 wurde D'Arcy Direktor der neugegründeten Anglo-Persian Oil Company, die sich finanziell zunächst auf die ebenfalls britische Burmah Oil Company stützen konnte.

Das junge Unternehmen, das 1912 an die Londoner Börse ging, wurde dem Ruf kolonialer Arroganz der Briten im Nahen und Mittleren Osten schnell gerecht. Die Lizenzgebühren für die Ausbeutung des schwarzen Goldes waren für APOC äußerst vorteilhaft. Anfang der 20er Jahre kam es zu einem verheerenden Brand in der APOC-Raffinerie im persischen Abadan. Arbeiter streikten für mehr Lohn. Doch APOC steuerte einen harten Kurs. Davon zeugte auch ein Vorfall aus dem Jahr 1923, als das Unternehmen britischen Politikern 5000 Pfund zugeschoben haben soll, damit London das APOC-Monopol in Persien sicherte.

Die enge Allianz zwischen Politik und Unternehmen führte dann nach dem Zweiten Weltkrieg Anfang der 50er Jahre zum Wirtschaftsboykott gegen Iran. 1953 kam es zu dem vom amerikanischen Geheimdienst CIA gesteuerten Putsch gegen Mohammad Mossadegh. Der nationalistische iranische Premierminister hatte 1951 die ausländische Ölindustrie verstaatlicht, wovon die inzwischen in Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) umbenannte Firma besonders betroffen war.

Für die Briten waren die Ereignisse in Iran allerdings der Anfang vom Ende des Empires. Sie hatten schon gar nicht mehr die militärische Macht, um ihre Wirtschaftsinteressen weltweit durchzusetzen. Konsequenterweise nannte sich AIOC 1954 dann auch in British Petroleum (BP) um - unter Nutzung der alten deutschen Namensrechte. Die ganze Tragweite der geopolitischen Machtverschiebung wurde jedoch erst im Laufe der 70er Jahre deutlich, als unter anderem auch Libyen seine Ölindustrie verstaatlichte. Ein weiterer Verlust für BP. Während der Konzern 1975 noch 140 Millionen Tonnen Erdöl aus dem Mittleren Osten verschiffte, waren es 1985 nur noch 500.000 Tonnen.

Fundamentaler Strategiewechsel

Diese Zahlen sind der Schlüssel zum Verständnis eines fundamentalen Strategiewechsels, der die gesamte Branche seit Beginn der achtziger Jahre und bis heute prägt: Die Ölkonzerne, die einst Vorreiter kolonialer Expansion waren, mussten sich fortan neue Felder erschließen. Diese entdeckten sie in Alaska ebenso wie beispielsweise in der Tiefsee des Golfs von Mexiko.

Pionier der Branche

BP gehört hier zu den Pionieren: Das Unternehmen war eines der ersten, das in der unwirtlichen Northern-Slope-Region des nördlichsten US-Bundesstaats Alaska nach dem schwarzen Gold bohren ließ. Ebenso waren es ehrgeizige BP-Ingenieure, die ihre Ölplattformen immer noch ein paar Meilen weiter hinaus ins Meer schoben. Anders als der Konkurrent Shell gelang es BP zudem mit dem milliardenschweren Zukauf des US-Konkurrenten Amoco 1998, seine Marktposition auf dem wichtigsten Energiemarkt der Welt maßgeblich auszubauen. Mit einer teuren Marketingkampagne ließ sich BP zudem als grünes, sauberes Energieunternehmen feiern. Dafür stand der Begriff "beyond petroleum" - übersetzt: jenseits des Öls.

Die rasche Expansion hatte jedoch ihren Preis. 2005 starben bei einem schweren Unfall in einer texanischen BP-Raffinerie 15 Arbeiter. Ein im Anschluss erstellter US-Untersuchungsbericht warf dem Konzern eklatante Managementfehler und Missachtung von Sicherheitsstandards vor. Ein Jahr später liefen aus einer defekten BP-Pipeline in der Prudhoe Bay in Alaska eine Million Liter Öl aus und führten zu großen Umweltschäden. So ergibt sich eine unheilvolle Kontinuität zur Ölkatastrophe 2010 im Golf von Mexiko.

Nur: Amerikas Politiker, die nun auf BP als urbritische Firma eindreschen, sollten realistisch sein. Das Unternehmen ist heute weniger britisch als amerikanisch. 40 Prozent seiner Anlageinvestitionen befinden sich in den USA und nur noch fünf Prozent in Großbritannien. 30.000 von weltweit 80.000 Mitarbeitern sind in den Vereinigten Staaten tätig. Zudem sind einflussreiche Managementpositionen mit Amerikanern besetzt. Davon zeugt nicht zuletzt der kometenhafte Aufstieg von Robert Dudley, der als oberster Krisenmanager nun die Ölpest in den Griff bekommen soll. So gibt es Spekulationen, dass der 55-jährige Amerikaner den glücklos agierenden Konzernchef Tony Hayward ablösen könnte. Das wäre dann eine weitere Amerikanisierung des Unternehmens.

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SZ vom 22.06.2010/hgn
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