Süddeutsche Zeitung

Abgasaffäre:Anklage gegen Stadler

Die Staatsanwaltschaft München II hat in der Abgasaffäre Anklage gegen den früheren Audi-Chef erhoben. Es zeichnet sich ein langer Prozess ab, in dem die Ermittler eine ungewöhnliche Taktik verfolgen.

Vor knapp einem Jahr, am 8. August 2018, hat sich das Münchner Landgericht schon einmal ausführlichst mit Rupert Stadler beschäftigt. Die Richter entschieden damals in einem 38 Seiten langen Beschluss, dass der langjährige Audi-Chef weiter in Untersuchungshaft bleiben müsse. Stadler soll versucht haben, die Ermittlungen in der Abgasaffäre zu behindern, weswegen er ins Gefängnis gekommen war. Der Audi-Manager wehrte sich, aber ohne Erfolg. Im Gegenteil. Das Landgericht listete diverse Indizien für den dringenden Verdacht auf, dass Stadler frühzeitig von Abgasmanipulationen der VW-Tochter Audi bei Dieselfahrzeugen gewusst und dies "billigend in Kauf" genommen habe. Um höhere Kosten für die Abgasreinigung zu vermeiden.

Nun hat es der später doch aus der U-Haft entlassene Stadler wieder mit dem Münchner Landgericht zu tun. Die Staatsanwaltschaft München II hat wegen Betrugsverdacht und weiterer mutmaßliche Delikte Anklage erhoben gegen den Ex-Audi-Chef und drei weitere Angeschuldigte. Es geht um insgesamt mehr als 430 000 offenbar manipulierte Diesel-Autos der Marken Audi, VW und Porsche. Die einzelnen Angeschuldigten sollen für jeweils einen Teil dieser Fahrzeuge verantwortlich sein. Ein langer Prozess ist absehbar. Hat Stadler da, nach dem Verdikt von vor knapp einem Jahr, überhaupt noch eine Chance? Oder ist vielmehr absehbar, dass der ehedem hoch dotierte Manager zurück ins Gefängnis muss? So einfach ist es nicht.

Ex-Mitarbeiter sollen ihren früheren Chef belasten - um selbst milde davonzukommen

Damals entschied das Landgericht München I über die Untersuchungshaft, jetzt ist das Landgericht München II zuständig. Damals wurde nach Aktenlage gehandelt, jetzt steht ein Prozess mit vielen Zeugen an. Sofern die Richter die Anklage zulassen, womit zahlreiche Verfahrensbeteiligte fest rechnen. Und in solch einem Prozess kommt viel darauf an, wie glaubwürdig die Zeugen sind. Das gilt in diesem Fall ganz besonders. Die Staatsanwaltschaft hat außer gegen Stadler auch gegen den früheren Audi-, VW- und Porsche-Manager Wolfgang Hatz Anklage erhoben. Sowie gegen den ehemaligen Audi-Ingenieur Giovanni P. und dessen Technikerkollegen Henning L.

Diese beiden haben bei den Ermittlungen kräftig ausgepackt, haben den alten Vorstand unter Stadler schwer belastet, und haben nun quasi den Status von Kronzeugen. Die Staatsanwaltschaft will L. und P. bewusst mit auf die Anklagebank bringen. Die beiden sollen das, was sie den Ermittlern erzählt haben, auch bei Gericht aussagen. Bis in alle Einzelheiten: Wie bei der Ingolstädter VW-Tochter Audi seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts manipuliert worden sei, um den Aufwand für die Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen in Grenzen zu halten. Wie bei Audi selbst dann weiterhin solche Dieselautos hergestellt und verkauft worden seien, als die Manipulationen bei der Konzernmutter VW längst aufgeflogen waren. Wie die Behörden in Deutschland und den USA, wo die Affäre begonnen hatte, weiter getäuscht worden seien. Und welche Spuren bei Audi in den Vorstand führen, bis hin zu Stadler.

Das Kalkül der Staatsanwaltschaft ist ganz einfach: L. und P. sollen reden, reden, reden. Sie sollen dazu beitragen, dass Stadler und Hatz verurteilt werden. Um dann als Kronzeugen glimpflich davonzukommen. So läuft das oft in solchen Prozessen. Was aber die Gefahr in sich birgt, dass Kronzeugen, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, hochrangige Manager über Gebühr belasten. Auf diese Gefahr haben einige Verteidiger schon hingewiesen. Insbesondere Anwälte von Hatz haben wenig unversucht gelassen, den Ingenieur P. als unglaubwürdig hinzustellen.

Giovanni P. hat nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft kräftig mit Hand angelegt bei den Manipulationen. Er soll entscheidend dazu beigetragen haben, Dieselautos mit einer unzulässigen Software auszustatten. Die Software bewirkte, dass die Abgasreinigung bei den offiziellen Messungen der Behörden auf einem Prüfstand bestens funktionierte. Auf der Straße hingegen wurden gesundheitsschädliche Stickoxide weitgehend ungefiltert ausgestoßen. So die Erkenntnisse der Ermittler. Die Staatsanwaltschaft wirft allen Angeschuldigten Betrug an Kunden sowie strafbare Werbung für angeblich saubere, tatsächlich aber schmutzige Fahrzeuge vor. Außerdem sollen sie dafür verantwortlich sein, dass Audi die Zulassungsbehörden mit falschen Angaben getäuscht habe. Stadler und Hatz weisen alle Vorwürfe zurück.

Als Giovanni P. vor zwei Jahren zeitweise in U-Haft saß, hat er Hatz schwer belastet. Und so dazu beigetragen, dass auch Hatz monatelang in U-Haft kam. Weil er, ebenso wie angeblich auch Stadler, versucht haben soll, die Aufklärung zu behindern. Hatz war von 2001 bis 2009 Leiter der Aggregate-Entwicklung bei Audi und soll dort von Manipulationen erfahren haben. Er und sein Verteidiger bestreiten auch nach Kenntnis der Anklage alle Vorwürfe, in jeder Hinsicht. Bei Hatz geht es um die Zeit vor 2015, bevor die Manipulationen bei der Audi-Mutter VW aufflogen. Bei Stadler geht es in der Anklage um die Zeit von 2015 an. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, spätestens dann von Manipulationen gewusst zu haben und gleichwohl weiter den Verkauf von betroffenen Fahrzeugen der Marken Audi und VW veranlasst oder nicht verhindert zu haben. Vor Gericht kommen soll auch Stadlers Vorgänger bei Audi, der spätere VW-Chef Martin Winterkorn. Gegen ihn liegt eine Betrugsanklage beim Landgericht Braunschweig vor. Auch dort sind frühere Ingenieure als Kronzeugen mitangeklagt; sie sollen Winterkorn belasten. Es ist gut möglich, dass im kommenden Jahr gleichzeitig gegen Stadler in München und gegen Winterkorn in Braunschweig verhandelt wird. Und dass die juristische Konfliktlinie nicht nur lautet: Staatsanwälte gegen Ex-Chefs. Sondern auch: Kronzeugen gegen Stadler und Winterkorn (und auch Hatz). Die drei Ex-Manager wiederum werden nichts unversucht lassen, Schuldsprüche abzuwenden; so es denn zu Prozessen kommt.

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SZ vom 01.08.2019
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