Süddeutsche Zeitung

Paris Fashion Week:Herrlich aufgebauscht

Männermode ist das neue Goldene Kalb der Branche: Bei den Pariser Schauen gab es spektakuläre Locations, viel Volumen, edle Blüten - und natürlich neue Turnschuhe.

Besitzt die Mode noch die alte Magie, oder versinkt alles im Mittelmaß? Krisenszenarien kursieren vor jeder Fashion-Week-Runde: Die Menschen wollen nur noch bequeme Kleidung. Im Digitalzeitalter werden reale Schauen so überflüssig wie Saison-Kollektionen. Mit Karl Lagerfelds Tod ist die hohe Kleiderkunst als Ganzes erloschen. Ist es wirklich so schlimm? In Paris war bei der Männer-Modewoche von solchem Zaudern nichts zu spüren. Ein gut gefüllter Kalender wie lange nicht, virtuose Hommagen an den neuen Mann: Die wichtigsten Eindrücke von den Schauen für Frühjahr/Sommer 2020.

Kulissenzauber

Mode für Männer gilt als das neue Goldene Kalb der Branche: Ein lange zweitrangiges Segment, dessen Wachstum die großen Marken seit einigen Saisons frohlocken lässt. Vor allem in Asien steigt die Nachfrage nach luxuriösen Modellen. Und die maskuline Kundschaft will genauso gehätschelt werden wie die Damenwelt - mit pompösen Events. Clare Waight Keller, seit dem Entwurf von Meghan Markles Brautkleid ein Star der Szene, stellte für Givenchy vor zwei Wochen ihre erste Männerkollektion mit großem Tamtam in Florenz vor - Patriziervilla, Orangenbäume, was man eben so kredenzt für das geneigte Publikum. In Paris hat sich dann Louis Vuitton nicht lange mit der Suche nach einem passenden Gebäude aufgehalten, sondern gleich einen ganzen Platz einkassiert. Kreativchef Virgil Abloh ließ die Place Dauphine abriegeln und schuf zwischen Bäumen und Bänken ein kulissenhaftes Mini-Paris mit Bistrotischen, Crêpes-Wagen und Luftballonstand - natürlich alles mit LV-Aufdruck, bis zur Papierserviette. Bei Dior war eine kalkweiße Nachbildung des Arbeitszimmers von Christian Dior aufgebaut, Vetements lud gewohnt ironisch in eine McDonald's-Filiale. Das beste Händchen bei der Terminwahl hatte Balmain: Das Label legte seine Show auf den 21. Juni, an dem das alljährliche Pariser Freiluftfestival Fête de la Musique stattfindet. 1500 Gäste mit Gratis-Ticket bejubelten im Jardin des Plantes die Livebands - und die Kollektion. Synergieeffekt nennen das die Marketingabteilungen.

Grüße an die Füße

Die gute Nachricht: Es gibt neue Sneakers aus Paris. Die bessere Nachricht: Es gibt mehr als Sneakers. Nachdem weltweit kein Ende der Vorliebe für bequemes Schuhwerk in Sicht ist, werden natürlich jede Saison frische Modelle nachgeliefert. Off White hatte Entwürfe mit breiter Zunge und doppelter Schnürung im Programm, bei Pierre Hardy gab es kantige Duo-Sohlen in Grün und Tomatenrot. Wer es lieber feminin an den Füßen hat: Das Newcomerlabel Bode steckte Männer in Ballerinas, bei Kim Jones blitzte der seidenbestrumpfte Knöchel durch transparente Dior-Boots. Ausgefallene Loafers aus beschlagenem Wildleder präsentierte Christian Louboutin, der seine erstaunliche Leidenschaft für Trapezturnen gestand - vielleicht gab es deshalb auch ein zirkushaftes Modell ganz aus roten Glitzerkristallen. Der beste Schuh für Männer, die es elegant und trotzdem lässig mögen: Berlutis Hybrid aus klassisch geschnittenem Schnürer und knalligen Kunststoffdetails in Purpur, Königsblau und Pistazie. Das Urteil auf Instagram: "Spectacular" - nicht nur, weil zum Abschluss der Show auch Gigi Hadid ein Modell an den schmalen Füßen trug.

Flattern, schwingen, blähen

Mut zum Volumen

Flattern, schwingen, blähen: Textil in Bewegung ist vielen Männern nicht geheuer, jedenfalls kann man ihr Unbehagen schon beobachten, wenn sie nur mal für ein paar Augenblicke die Sommerstola ihrer Begleiterin halten sollen. Für das kommende Frühjahr müssten sie sich aber an Anhängsel und etwas mehr Volumen gewöhnen. Viele Designer in Paris zeigten wehende Schöße oder Capes (Valentino, JW Anderson) und allerlei Baumelndes: Fransentaschen und lange Bindegürtel bei Jil Sander, Schärpen mit Farbverlauf bei Dior. Pluderige Mäntel mit Tunnelzug in kalkigen Farben bleiben Trend, ein Zitat aus den zur Zeit viel geliebten Neunzigern. Aber anders als die unförmigen Polyester-Hänger von damals sind die Stoffe heute matt, ultraleicht - und in manchen Fällen sogar aus recycelten Pflanzenfasern. Da fühlt sich der aufgebauschte Auftritt doch gleich viel besser an.

Durch die Blume

In Paris war viel von Männermode einer neuen Ära die Rede, aber unter solchen nebulösen Begriffen stellt sich jeder etwas anderes vor. Olivier Rousteing pries bei Balmain das hedonistische Lebensgefühl à la Achtzigerjahre. Célines Hedi Slimane fand die Inspiration für eine andere Maskulinität tief in den Siebzigern, mit knabenhaft schmal geschnittenen Sakkos zu weit aufgeknöpften Hemden. Dries van Noten setzte auf Leo-Prints, Valentino auf Korallenketten und exotische Muster - alles eher "unmännliche" Zutaten von Damenkollektionen. Am überzeugendsten gelang es Virgil Abloh, das Bild eines neuen Typus auf den Laufsteg zu bringen. In der Vorstellung des Amerikaners, seit einem Jahr Kreativchef von Louis Vuitton und vom Erfolg verwöhnt wie ein Sonnenkönig, ist dieser Mann ein Blumenjunge, der in sanfte Farben und Stoffe gehüllt die Geschlechtergrenzen hinter sich lässt. Statt mit Goldkette und klobigen Tretern den Macker zu geben, setzt er mit bestickten und geblümten Outfits lieber auf Sinnlichkeit. Hellgelb, Himmelblau und zartes Grau, weich fallende Schnitte: Das Symbol der Kollektion war ein Model mit Harnisch aus Blüten. Der ebenfalls sehr sanfte Schauspieler Timothée Chalamet hatte vor ein paar Monaten mit dem Accessoire einen wahren Hype ausgelöst, hier folgte nun die Botanik-Variante. Wem das alles irgendwie zu blümerant klingt: Die Kollektion von Abloh war nicht einfach feminin. Sondern klug, durchdacht und auf sehr souveräne Weise elegant.

Tradition in Tintenblau

Dass auch klassische Eleganz an der Seine ihren Platz hatte, dafür sorgte natürlich Dior. Das liegt in den Genen des Hauses, und seit der Brite Kim Jones die Kollektionen verantwortet, hat er klargemacht, dass er es mit dem Erbe ernst meint. Seine Vorliebe für raue Streetwear hat Jones von den ersten Dior-Entwürfen an virtuos in akkurat geschnittenes "Tailoring" und kleidsame Farben umgewandelt. Prompt wurde eine allgemeine Umkehr in der Männermode proklamiert, was natürlich übertrieben ist. Aber es gab in Paris auch diesmal wieder mehr Anzüge oder ihre Versatzstücke zu sehen als früher, bei Heron Preston zum Beispiel, Undercover oder Off White. Der Meister bleibt trotzdem bis auf Weiteres Kim Jones - diesmal mit viel Weiß, perfekt geschnittenen Zweiteilern und Plissee-Stickereien in Tintenblau und Hellorange. Eine große Uhr am Eingang des eleganten "Institut du Monde Arabe" sollte seine Verbeugung vor der Vergangenheit und Christian Dior symbolisieren. Abgelaufen ist die Zeit von Kim Jones so bald nicht.

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SZ vom 29.06.2019/wib
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