Süddeutsche Zeitung

Parfum:Der Duft der Welt

Für Rohstoffe reist sie schon mal um den ganzen Globus, in ihr Berliner Labor lädt sie zu Konzerten: ein Besuch bei Marie Le Febvre, die ihren Kunden Parfums auf den Leib schneidert.

Dreizehn Stunden Flugzeit, einer Wurzel wegen? Einer Wurzel, die es überall günstiger gibt als hier, auf La Réunion? Während die Besucher sich noch durchstrecken und hoffen, dass das Blut wieder zurück in die Beine fließt, öffnet sich das schwere Gartentor und Marie Le Febvre dirigiert den Bus wie eine Ballerina mit einer halben Pirouette in die Einfahrt. Die intensiven Farben scheinen direkt ins Gehirn zu dringen, die tropischen Grüntöne der Palmen, das Türkis des Pools, das Weiß der luftigen Villa dahinter und davor die blasse, mädchenhafte Gestalt der Gastgeberin. Man erkennt die Französin am fehlenden Make-up, dem zerzausten Bob und der Tatsache, dass sie sogar barfuß, im schlichten Rock und T-Shirt, elegant aussieht.

Marie Le Febvre ist Parfumeurin und selber nur wegen dieser Wurzel hier in Saint-Gilles-les-Bains, einem kleinen Ort im Nordwesten der Insel im Indischen Ozean. Das Anwesen gehört ihrem Bruder, sie selbst lebt mit Mann und Kind in Berlin, wo sie vor drei Jahren ihre Parfum-Manufaktur "Urban Scents" gegründet hat.

Erst drehte sich bei Parfums alles um die Designer, dann kam der Zirkus um die Inhaltsstoffe

Und wer sich mit Parfum beschäftigt, muss sich zwangsläufig mit Rohstoffen beschäftigen, in diesem Fall mit eben dieser Wurzel namens Vetiver. Für ihr Eau de Parfum "Vetiver Réunion" könnte Marie Le Febvre die Substanz weit günstiger importieren, aus China, Java oder Haiti. Doch der Künstler fragt nicht nach dem Opfer, das die Kunst verlangt, sondern nach dem Effekt. Und so geht es in dieser Geschichte erst mal nicht um Kosten und Nutzen, sondern um Kunst - und um eine Frau, die in ihrem Beruf gerade alles richtig macht.

Seit einigen Jahren liest man häufiger von Parfumeuren - Vertreter einer Berufsgruppe, die jahrzehntelang eher ein Schattendasein innerhalb der Kosmetikindustrie führte. Früher stand beim Launch eines neues Parfums der Designer der jeweiligen Modemarke im Mittelpunkt, ob Thierry Mugler, Jean Paul Gaultier oder Yves Saint Laurent. Die Menschen aber, die den Duft kreiert hatten, wurden in den Pressemappen häufig nicht einmal erwähnt. Über die Jahre verschob sich dann der Marketing-Schwerpunkt zu der Story, der Geschichte, die der jeweilige Duft erzählen soll. Es ging also um 1001 Nacht oder um eine Romanze in Paris - mit teilweise bizarren Folgen. So wurde Ende der Neunzigerjahre ein Parfum mit blauem Himalaja-Mohn beworben - auf den ersten Blick eine gute Geschichte. Dumm nur, dass dieser Mohn gar nicht duftet, der Inhaltsstoff war allein der Fantasie der Marketingabteilung entsprungen.

Damit war der Zirkus um die Inhaltsstoffe fürs Erste diskreditiert, und man konzentrierte sich in den kommenden Jahren auf die Parfumeure. Im Speziellen auf den Franzosen Jacques Cavallier, der damals gleich drei Erfolgsprodukte in Folge komponierte: die zwei "L'Eau d'Issey"-Düfte und Jean Paul Gaultiers "Classique". Er wurde damit zum ersten Star der Branche.

Womit wir wieder bei Marie Le Febvre wären, die in ihrer Person die gesamte Entwicklung der Parfumbranche zu vereinen scheint. Sie wurde in Versailles nahe Paris geboren, wuchs als Tochter eines Supermarktbesitzers vis-à-vis dem prächtigsten französischen Schloss auf und sammelte schon als Kind Duftproben im Laden ihres Vaters. Die Opulenz von Versailles formte ihr modernes Verständnis von Luxus: Statt ihre Düfte zu überladen, beschränkt Le Febvre sich auf wenige, aber exquisite Inhaltsstoffe, die sie, wie ein Spitzenkoch, möglichst pur kombiniert. "Man kann meine Duft-Handschrift mit der italienischen Küche vergleichen", erzählt sie auf dem Weg zu einem der letzten Vetiver-Felder auf La Réunion. "Keine komplizierten Saucen, nichts Schweres, dafür der reine Geschmack der besten Zutaten."

Angefangen hat sie mit einem Schülerpraktikum in einer Kosmetikfirma. Dort traf die damals 13-Jährige auf den Parfumstar Jacques Cavallier, ein Zufall, der sich für sie wie Schicksal anfühlte. Er schenkte ihr einen kleinen Chemiekasten für Parfumeure, mit dem Auftrag, all die Assoziationen, Gefühle und Eindrücke zu den Essenzen in einem Buch zu notieren. Nach einer Woche überreichte sie ihm ihre Hausaufgaben und bekam dafür einen zweiten, größeren Kasten. Am Ende des Praktikums hatte sie einen Förderer gefunden. Nach dem Chemie-Studium ging sie auf die berühmte Parfumschule Ispica in Versailles, ihre Abschlussarbeit schrieb sie über das Süßgras Vetiver - einen der wichtigsten Rohstoffe in ihrem Metier. So landete sie vor 20 Jahren auf La Réunion.

Tatsächlich bildet Vetiver in zahlreichen Männer- und Frauenparfums die Basis und ist unter anderem dafür zuständig, dass sich der Duft lang auf der Haut hält. Optisch wirkt die Pflanze unscheinbar. Ihre jungen Blätter sind von gewöhnlichem Gras kaum zu unterscheiden, das Gewächs kann allerdings bis zu eineinhalb Meter hoch werden. Der für Parfumeure interessante Teil befindet sich unter der Erde: die feinen, langen Wurzeln, die aussehen wie ein Haufen verknoteter Spaghetti. Am besten wächst Vetiver in roter, vulkanischer Erde, erklärt Le Febvre auf dem Weg in die Destillerie - in brauner Erde bekomme die Wurzel einen Schokoladengeschmack, in trockener Erde wird das Öl schnell zu schwer und dicht. Früher destillierten Spezialisten Vetiver auf La Réunion zur Erntezeit mit eigens konstruierten Maschinen direkt auf dem Feld, nachdem die Wurzeln akribisch gereinigt wurden. Doch heute ist der Markt hier durch die billigere Konkurrenz so gut wie tot - es gibt kaum noch Felder. Auch deshalb, weil der Rohstoff auf der Insel selbst nicht als edel gilt, sondern für medizinische Produkte genutzt und als natürliches Mottenmittel in Schränke gelegt wird. Ein Schicksal, das die Pflanze Süßgras mit der Geranie teilt, die in Europa als Blütenduft begehrt ist, während man auf La Réunion damit die Böden reinigt und gegen Insekten schützt.

Doch weil das Vetiver der französischen Übersee-Insel für Marie Le Febvre nun mal das beste der Welt ist, kommt für sie kein anderes in Betracht. Nach ihrem Studium arbeitete sie für internationale Parfumhäuser, wo sie Produkte für L'Oréal, den LVMH-Konzern oder Estée Lauder entwickelte. Während sie dort ihren Geruchssinn verfeinerte, lernte sie auch ihren zukünftigen Mann Alexander Urban kennen - der natürlich einen Vetiver-Duft trug. Der Österreicher arbeitete ebenfalls im Kosmetikgeschäft, war aber auf die technischen Seiten der Duftentwicklung spezialisiert.

Trotz dieses Unterschieds - den Sinn für das Außergewöhnliche teilen die Ehepartner, genauso die Ausdauer, wenn es darum geht, den besten Rohstoff zu finden. Oder den schönsten Flakon zu entdecken, wobei sie in einer Glasmanufaktur in Dresden fündig wurden, ein nachtblauer Entwurf aus den 1930er-Jahren hatte es ihnen angetan. Und die perfekte Verschlusskappe kann nur aus gebürstetem Messing sein - zuerst handgefertigt in Marokko, nach einem kostspieligen Transportfiasko jetzt noch teurer handgefertigt in Italien.

Marie Le Febvre

"Man kann meine Duft-Handschrift mit der italienischen Küche vergleichen. Keine komplizierten Saucen, nichts Schweres."

Nach der Geburt ihres Sohnes vor drei Jahren wagte das Paar den Schritt in die Selbständigkeit. Berlin wählten sie als Lebensmittelpunkt, denn "anders als Paris macht es einem die Stadt einfach", sagt Marie Le Febvre in Anspielung auf die sprichwörtliche gläserne Decke im Parfum-Metier. Den Markt dominieren Familienbetriebe aus Grasse, gefolgt von Parisern. Frauen oder gar Ausländer haben ohne die richtigen Seilschaften kaum eine Chance - nicht gerade attraktive Aussichten für Marie Le Febvre und Alexander Urban, die lieber ihren Pilotenschein machen, als wichtige Kontakte der Karriere wegen zu pflegen.

Ihr großes Ladengeschäft in Schöneberg erinnert mehr an eine Kunstgalerie als an ein Labor. Aber im hinteren Teil lagern auf gerade mal zehn Quadratmetern Hunderte handbeschriftete Fläschchen in Regalen. Auf einer Werkbank steht eine Präzisionswaage, "mein wichtigster Schatz", sagt Le Febvre und streichelt das Gerät wie ein Kind. Da die kreative Arbeit im Kopf passiert, braucht sie nicht viel Platz und nutzt das Geschäft lieber für Konzerte oder Ausstellungen, zu denen sie passende Düfte kreiert. "Das Labor als Ort der Inspiration und Begegnung wäre in einer so teuren Stadt wie Paris nicht möglich gewesen", sagt Le Febvre. Ebenso wenig wie Kooperationen wie die mit dem Rum-Hersteller Zacapa, für dessen Edelmarke "Royal" sie eine Duftkerze entwarf. Dabei orientierte sie sich an dessen Inhaltsstoffen. "Eiche war die Schlüsselzutat. Etwas Muskat-, Ingwer- und Nelkenessenzen vervollständigen die Basis aus Kakao, Mandelextrakt und einem Hauch Karamell."

Für maßgefertigte Düfte lernt sie die Orte kennen, an denen die Kunden leben und arbeiten

Ohne solche Kooperationen und Auftragsarbeiten könnte ihr Unternehmen nicht überleben. Denn bisher ist Le Febvres Portfolio klein, mit nur sechs Parfums (100 ml zu je 180 Euro) und drei Duftkerzen (um 65 Euro). Mit "Desert Rose" ist ihr jedoch ein ungewöhnlicher Rosenduft gelungen - normalerweise riechen solche Parfums ja nach der Erbtante, die zu häufig zu Besuch kommt, bei ihr aber empfindet man den Duft als frisch. Und auch Oud, ein Holz, das ansonsten schwer und benebelnd riecht wie ein orientalischer Markt, wirkt bei ihr modern und leicht, indem sie es mit Zitrusnoten kombiniert.

Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit besteht aus Maßanfertigungen, deren Entwicklung je nach Kunde Wochen oder auch Monate dauert. "Es kann vorkommen, dass ich dabei die Orte kennenlerne, an denen diese Menschen leben und arbeiten", erzählt Marie Le Febvre. "Erst wenn ich sie in ihrer Komplexität erfasse, kann ich mich auf die Suche nach den Rohstoffen machen, um den passenden Duft zu kreieren." Ein solcher Duft kostet von 8000 Euro an aufwärts. Aber Kunden, die genügend Geld für diese Art von individuellem Luxus haben, zahlen bei Traditionshäusern wie Guerlain oder Jean Patou für eine maßgefertigte Mixtur bis zu 50 000 Euro.

Dass die richtige Vermarktung dazugehört, um mitzuhalten, ist Le Febvre durchaus bewusst. Aber so richtig traut sie sich noch nicht in den Mittelpunkt. Instagram und Facebook-Posts werden auch im exklusiven Parfumhandwerk immer wichtiger. Ihr berühmter Kollege Francis Kurkdjian prophezeit, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Luxushäuser ihre Parfumeure nach der Zahl ihrer Follower besetzen werden, genau wie in der Mode. Aber dass Marie Le Febvre bei der Selbstvermarktung noch deutlich zulegen kann, ist andererseits wieder sehr sympathisch.

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Quelle:
SZ vom 18.02.2017
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