Süddeutsche Zeitung

Mode:Große Umarmung

Aufwendige Ärmel, im Fachjargon Statement Sleeves, waren schon in der Renaissance ein Statussymbol und bleiben auch 2021 Liebling der Designer. Vor allem sind sie ideal für die Festtage.

Von Anne Goebel

In dem wunderbaren Filmklassiker "Bringing Up Baby", auf Deutsch "Leoparden küsst man nicht", bekommt die Hauptfigur auf dem Höhepunkt der Handlung einen Nervenzusammenbruch. Der stets auf Korrektheit bedachte Wissenschaftler David Huxley, gespielt von Cary Grant, führt einen Veitstanz in einem Damenmorgenmantel auf, weil ihn die kapriziöse Susan an den Rand des Wahnsinns bringt (natürlich ist er eigentlich in sie verliebt). Der flaumige Überwurf ist ihm logischerweise zu klein. Die Passform, der schmale Gürtel, das alles ginge noch, aber woran Huxleys Konfusion vollends sichtbar wird, sein unaufhaltsamer Kontrollverlust, sind die glockig fallenden Ärmel des Gewands: Cary Grants schwarz behaarte Unterarme, die aus dem federbesetzten Stoff ragen - dieses Bild macht unmissverständlich klar: Jetzt hat sie ihn weichgekocht. Weiterer Widerstand zwecklos.

Ärmel akzentuieren ein Kleidungsstück, lassen es sanft oder markant erscheinen, einladend, distanziert oder zerbrechlich. Nur ein paar zusätzliche Faltungen auf Achselhöhe oder am Ellenbogen, etwas mehr Volumen, eine zierliche Borte am Handgelenk: Das verändert auch den Menschen, der das jeweilige Stück trägt, auf erstaunlich prägnante Weise. Man braucht sich bloß das berühmteste Hochzeitsfoto der Welt anzusehen, Lady Diana Spencer im elfenbeinweißen Prinzessinnenkleid. Dessen bizarr aufgeblähte Armpartie war mehr als ein Zugeständnis an herrschende Trends - sie besiegelte endgültig den Übertritt der leicht verhuschten Kindergärtnerin ins Licht der Öffentlichkeit. Ob ihr das damals gefiel oder nicht: Mit dieser Schulterlinie ging Verstecken nicht mehr.

Aktuell ist die Mode wieder ganz vernarrt in solche Auftritte. Gut möglich, dass das gerade am Potenzial der Ärmel liegt, die Ausstrahlung einer Person mit scheinbar einfachen Mitteln zu verwandeln. Variation ist schließlich das, was wir gerade alle besonders nötig haben. Ob Alexander McQueen oder Isabel Marant, Khaite oder Loewe: Überall "important sleeves", wie es in der Branche heißt, also auffallende Ärmel für nächsten Sommer mit viel Gebauschtem und Gerafftem. Und die Dynamik, die man mit einer solchen Silhouette sich selbst oder zumindest seinem Äußeren verpasst, funktioniert ideal als Kontrast zu all der Schlaffheit und Stagnation in Zeiten der Pandemie. Dem Ausharren zu Hause, dem Warten auf den Impfstoff, der Hauptsache-bequem-Monotonie der Garderobe. Eine rasante Rüsche am Oberarm hingegen, eine eng anliegende Manschette, das sieht gleich angezogen aus, wie es unsere Großmütter auszudrücken pflegten. Also nach dem Gegenteil von: sich gehen lassen.

Nackte Arme galten lange als unschicklich

Geschichtlich betrachtet, sagt die Modehistorikerin Adelheid Rasche, geht es beim Ärmel primär um seine Funktionen und erst in zweiter Linie um das Dekorative. "Der Ärmel ist zunächst eine Bedeckung des Körpers. Das heißt, er bedeutet Schutz und Anstand", so die Kuratorin. Einen nackten Arm zu zeigen galt jahrhundertelang als unschicklich. "Nur zum Anlass des Ausgehens durften die Arme entblättert werden", so Rasche. Und auch das erst nach und nach. Zunächst waren sogenannte Halbärmel verbreitet. Bei ärmellosen Roben gehörte es lange zum guten Ton, die freiliegenden Hautpartien durch lange Handschuhe sozusagen von unten wieder zu schließen.

Kleidung also als Instrument der Ordnung: Das könne man beim Anprobieren historischer Modelle gut nachvollziehen, erklärt Rasche, die sich als Leiterin der Textilsammlung am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg mit Schnitttechniken vergangener Epochen auskennt. Fast immer sei die Armkugel, also das Ansatzstück an der Achsel, für heutige Begriffe viel zu eng gearbeitet. "Beweglichkeit ist etwas, das für uns selbstverständlich ist. Früher war sie nicht gewünscht, eher im Gegenteil. Sie sollte unterbunden werden. Durch Kleidung wurde der Körper diszipliniert." Im Mittelalter etwa reichte der Rand der Trichterärmel fast bis auf den Boden, da war für ein Edelfräulein nur gemessenes Schreiten möglich.

Wie sehr aber aus der Not eine Tugend gemacht wurde, lässt sich an unzähligen höfischen Porträts ablesen oder an Bildern reicher Patrizierinnen. Da scheint es gerade bei den Ärmeln kaum Grenzen zu geben für Fantasie und den Wunsch zu zeigen, was man hat. Samt und Seide in mehreren Lagen, über die sich zusätzlich ein Netz aus Perlen breitet. Geschlitzte Stoffbahnen, die den Blick auf darunter liegende Schichten freigeben, von Bändern umwickelte oder mit steifer Spitze verzierte Partien: Von so viel hoher Schneiderkunst könnte sich selbst Jonathan Anderson noch etwas abschauen, der für Loewe die am schönsten geplusterten Puffärmel des kommenden Frühjahrs entworfen hat, in pandemievergessenem Himmelblau. Anderson war auch einer der Ersten, der den Trend der "statement sleeves" vor ein paar Saisons einführte, also lange vor der Corona-Krise und eher als Revival der Achtzigerjahre.

Voluminöse Keulenärmel sind Symbole der Macht

Unter den Alten Meistern hat zum Beispiel der Florentiner Sandro Botticelli auf Gemälden wie dem "Frühling" meisterhaft mit den Ver- und Enthüllungen aufwendiger Ärmel gespielt. Agnolo Bronzino malte um 1533 eine kühl blickende Dame in Rot, neben deren imposanten Keulenärmeln ihr Schoßhündchen umso kleiner wirkt. Berühmt sind auch Herrscherporträts wie das des französischen Königs François I. in ehrfurchtgebietender Tuchfülle über der in Wahrheit vielleicht gar nicht so breiten Brust. "Bei solchen Kleidern geht es ganz klar um eines, den Machtgestus", sagt Adelheid Rasche.

In der bürgerlichen Welt hatten die diversen Ärmel-Renaissancen, die es in jüngerer Zeit gab, immer mit Eskapismus zu tun. Den Hippies ging es mit ihrer Liebe zu fließenden Volants um eine Protestkluft, die verträumt anstatt praktisch sein sollte. Der spanische Modeschöpfer Cristóbal Balenciaga gilt als besonders raffinierter Ärmel-Designer, der nach den Gräueln und Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs Frauen mit seinen skulpturalen Entwürfen endlich wieder auf ein Podest heben wollte: als Sinnbilder makelloser Eleganz und mit kühnen Drapierungen, die ein eigens für ihn erfundenes Gewebe eines Schweizer Fabrikanten in Form hielt.

Kleine Fluchten finden im Grunde an jedem Weihnachtsabend statt oder bei der Silvesterparty, wenn das wunderbar alltagsuntaugliche Kleid mit den Trompetenärmeln (weiter Abschluss am Handgelenk) herausgeholt wird oder die glamouröse Fledermaus-Bluse (viel Flattertextil zwischen Armen und Taille). Gut möglich, dass in den kommenden Tagen zum Abschluss eines Ausnahmejahres besonders vielen der Sinn nach ein bisschen gebauschter Burgfräulein-Romantik steht. Es gibt ja genug Dinge, denen man wenigstens gedanklich einen Abend lang entwischen möchte, und die Mode bietet dazu den passenden Stoff.

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