Süddeutsche Zeitung

Ladies & Gentlemen:Das sind zwei Paar Schuhe!

Mode-Kollaborationen können Spaß machen. Manchmal werfen sie Fragen auf, wie diese Projekte von Adidas und Nike.

Für sie: Sneaker für den Planeten

Designerturnschuhe sind unter aufgeklärten Stadtmenschen so peinlich wie SUVs. Beide Produktgruppen können die virtuell aufgebaute erotische Spannung eines Tinder-Dates beim Aufeinandertreffen innerhalb von Sekunden beenden. Für beide gibt es allerdings außerhalb der Stadtmensch-Mikroblase einen gigantischen Markt. Also wollen wir mal nicht so streng sein, denn wir möchten nicht für immer alleine bleiben und machen bei Stella McCartney eine Ausnahme. Die Designerin hat mit Adidas ihre zweite Version des Klassikers "Stan Smith" herausgebracht, inklusive Regenbogen-Schnürsenkel und -sternchen. Das passt designtechnisch perfekt in den weltoffenen Kosmos! Während außerdem zur Zeit so gut wie alle Modelabels wie verrückt ihre nachhaltigen Absichten verkünden, macht Stella einfach weiter - in ihrem Unternehmen ist die Planetenfreundlichkeit seit Jahrzehnten ernst gemeintes Programm (wer sonst beschäftigt sich mit der verantwortungsvollen Gewinnung von Viskose?). Ihre Taschen und Schuhe waren noch nie aus Leder und sozusagen das vegane Gyros unter den It-Bags: Sie sahen immer nur so aus, fühlten sich aber nicht so an. Diese neuen Stan Smiths sind dann natürlich auch aus veganem Leder, aber was genau ist das eigentlich? Ganz einfach: leider Plastik (in diesem Fall immerhin recyceltes Polyester). Wie man es macht, macht man es also falsch, deswegen rein in die Designerturnschuhe und ab zum Date! Aber nicht im SUV bitte, denn der bleibt weiterhin oberpeinlich. Julia Werner

Für ihn: Luxus für die Knochen

Das Stilmittel der Kollaboration wird in der Mode seit Jahren ziemlich überstrapaziert. Das hängt nicht zuletzt auch mit der künstlichen Verknappung von Produkten zusammen, die heute für viele Marken notwendig geworden ist, um all die Superindividualisten da draußen überhaupt noch zu stimulieren. Dafür sind solche limitierten Kollaborationen und Kleinauflagen eben ein äußerst praktisches Instrument. Je ungewöhnlicher sich die kurze Affäre zwischen zwei Marken dabei ausnimmt, desto besser. Oft erhofft sich ein Großer von einem Kleinen eine Dosis Authentizität, und umgekehrt bekommt der Juniorpartner breitere Publicity - ein ähnliches Prinzip wie bei Vorbands von Stadionrockern. Wenn nun zwei Giganten ein gemeinsames Produkt entwickeln, wie im Fall von Nike und Dior, klappt das eigentlich nur, wenn der Kontrast hart genug ist - in diesem Fall soll die Botschaft also lauten: Wow, Straße x Hochadel! Da Streetwear aber schon seit Jahren in der Luxusklasse rumkuschelt, ist das nur eine lauwarme Sensation, außerdem gab es ja auch schon Prada x Adidas. Eher interessant ist, dass für die Zusammenarbeit ein ikonischer Air Jordan Stiefel ausgewählt wurde, der selten für Spielereien zur Verfügung steht. Und dass dieser "Air Dior" (korrekte Anrede ist: Air Jordan 1 High OG Dior) dann doch ziemlich dezent designt wurde. Das tut gut in einer Zeit, in der teure Turnschuhe gerne aussehen, als wäre man in zwei Sahnetorten gestiegen. Ordinär wirken die Treter leider trotzdem, zumindest wenn man sie aus der Dior-Perspektive betrachtet. Vielleicht weil man sich schon ausmalen kann, wer sie kauft und wo sie getragen werden - in Hip-Hop-Videos oder aber von der Boutique direkt in die Vitrine. Langweilig. Max Scharnigg

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Quelle:
SZ vom 14.12.2019
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