Süddeutsche Zeitung

Ladies & Gentlemen:Die Stilvertreter

Die Sidekicks der Präsidentschaftskandidaten, Mike Pence und Kamala Harris, bemühen sich im US-Fernsehen darum, ein gutes Bild abzugeben. Hat's geklappt? Eine kleine Stilkritik.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Die Stirn bieten

Politikerinnen können es modisch niemandem recht machen, weswegen die meisten von ihnen sich gegen Eitelkeiten und für die Variante Knallfarbenjacke, schwarze Hose und mittelhoher Absatz entscheiden. In die Farbwahl wird dann, oft zu Recht, allerlei Feministisches hineininterpretiert. Dass Kamala Harris bei der Debatte mit dem Vizepräsidenten Pence Schwarz trug, ist aber kein Symbol für Trauer - sie trägt meistens Schwarz. Auch Perlenschmuck gehört zu ihren Markenzeichen, genauso wie Turnschuhe von Converse, die sie auf Kampagnenveranstaltungen gerne zu Hosenanzügen kombiniert. Für manchen Kommentator sind auch die Sneakers ein Symbol - für die moderne Frau, die bequeme Schuhe trägt, damit sie richtig anpacken kann. In Utah hingegen setzte Harris, dem sitzenden Anlass angemessen, auf Pumps. Wobei auch das völlig egal ist, denn die wichtigere Stilentscheidung war an diesem Abend eine andere: Kamala Harris zeigte Gesicht. Schüttelte mit dem Kopf, legte die Stirn in Falten, schmunzelte zynisch, wenn Pence redete. Das ist, in einem Land, in dem die Mehrheit an freundlich lahmgelegte Botoxgesichter im Fernsehen gewöhnt ist, natürlich eine Ansage - weshalb konservative Kommentatoren ihr die Pokerfaceverweigerung auch gleich als Arroganz auslegten. Ihre Fans auf Twitter verglichen ihren Gesichtsausdruck hingegen mit einer schwarzen Mutter, die weiß, dass ihr von ihrem Nachwuchs gerade eine Lüge aufgetischt wird. Stirnfalten haben mehr Autorität als tausend bunte Hosenanzüge, bitte hinter die Ohren schreiben.

Für ihn: Den Kopf hinhalten

Als Mike Pence Vizepräsident wurde, hatte man als Beobachter von overseas bisweilen das Gefühl, man sehe Ausschnitte aus einer Komödie aus den Achtzigerjahren. Denn optisch ist Pence ja eine gut getroffene Mischung aus Leslie Nielsen und Steve Martin. Mit der Zeit wurde aber natürlich klar: Für den Humor ist weiterhin der Boss zuständig, während Pence in seiner evangelikalen Korrektheit eher für ein bisschen Seriosität sorgen soll. Diese Rolle spielt er ganz ordentlich, so gelangen ihm beim TV-Duell in der Nacht zum Donnerstag auch halbwegs zivile Umgangsformen und ein staatsmännischer Gesamteindruck, man ist aber in der Hinsicht auch nicht verwöhnt. Wobei sich sein Stil in den Jahren neben Trump schon verändert hat: Früher trug Pence, der nicht unter der weitverbreiteten Hängeschulter leidet, langweilige, aber gut geschnittene Anzüge. Heute sieht man ihn meistens mit Anzugjacken, die die kolossige Kastenform von Trumps altertümlicher Brioni-Garderobe nachahmen. Dazu kommt: Pence trägt sie mittlerweile ebenfalls gerne ungeknöpft und wandelt dann wie der Präsident mit aufklaffendem Jackett umher. Das soll wohl eine Art Freiheitsgefühl großer Männer demonstrieren, wirkt aber als Stilmittel auf Dauer eher unsouverän. Auch sonst hat Pence als loyaler Sidekick ein paar schlechte Angewohnheiten übernommen - die Arme in Gorillahaltung, die schweren Füße, das Herumstehen mit ausgestelltem Hinterteil - es wirkt ein bisschen, als würde er Trump parodieren. Dass bei dem Fernsehauftritt dazu noch eine hartnäckige Fliege auf seinem Kopf spazierte, lässt den komödiantischen Anfangsverdacht eigentlich doch wieder plausibel erscheinen.

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