Süddeutsche Zeitung

Fotograf Erwin Olaf:"Ich liebe die menschliche Haut"

Die Bilder des niederländischen Künstlers Erwin Olaf sind irritierend und abgründig schön. Nun zeigt die Kunsthalle München seine Arbeiten zum ersten Mal in Deutschland. Ein Treffen.

Von Anne Goebel

Letzte Vorbereitungen in der Kunsthalle München, eine Bohrmaschine sirrt, die Beleuchtung wird per Hebekran justiert - ja, das gibt es tatsächlich wieder: Leben im Museum. Dieses Wochenende soll, wenn keine Inzidenz dazwischenkommt, die Ausstellung "Unheimlich schön" anlaufen, punktgenau zur Wiedereröffnung der Museen in der Landeshauptstadt. In einer ruhigen Ecke sitzt der Künstler Erwin Olaf, schlank, hochgewachsen, mitternachtsblauer Wollpullover zu Jeans, und hat vor sich ein ordentliches Arrangement gruppiert: den Ausstellungskatalog, seine Brille, die Tasse mit dem Milchkaffee. "Genau so mache ich es jeden Morgen, beim Frühstück", sagt er. "Ich brauche das, alles schön platziert." Und dann, aufflammendes Lächeln, eine heftige Bewegung mit der rechten Hand, er freut sich über das leichte Hochschrecken seines Gegenübers, "kann ich in den Tag starten und sehen, was er bringt".

Die kleine Szene beschreibt Erwin Olafs Fotokunst eigentlich ganz gut. Oberflächlich gesehen ist auf seinen Bildern alles hübsch angeordnet, Objekte, Interieurs, Menschen, und sehr oft sind es schöne Menschen. Aber mit einem Mal wird dem Betrachter klar: In Ordnung ist hier gar nichts. Irgendetwas stört gewaltig. Man ist einem Trugbild aufgesessen, Irritation macht sich breit. Und genau da möchte Olaf sein Publikum haben.

Dass es zahlreich kommen wird, ist der Kunsthalle, wie jedem anderen Museum, nach der langen Dürreperiode nur zu wünschen - und wahrscheinlich dürfte das in diesem Fall auch gut funktionieren. "Unheimlich schön", terminiert bis Ende September, ist bestens geeignet, ein breites Besucherspektrum anzusprechen. Die Ausstellung eines Fotografen, dessen Anfänge sichtbar in der Werbebranche mit ihren polierten Botschaften liegen, das Plakat mit einem hübschen Mädchen in pistaziengrüner Strickjacke, dazu das Cover des Katalogs, ein muskulöser Schwimmer am Beckenrand: So etwas würde auch in normalen Zeiten als Publikumsmagnet funktionieren. Erst recht in einer Zeit, in der der Hunger nach Kulturerlebnissen jenseits der allabendlichen Netflix-Leier groß ist - ohne dass es gleich, um im Genre zu bleiben, die urdeutsche Ernsthaftigkeit der Düsseldorfer Fotoschule sein muss.

Ist er ein Staatskünstler? "Dazu bin ich zu unangepasst"

Erwin Olaf, mit seinem Ehemann aus Amsterdam angereist samt E-Bikes, um München zumindest mit ein paar kleinen Touren zu erkunden, gehört in den Niederlanden zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart. Der 62-Jährige wurde vor drei Jahren mit den offiziellen Porträts des Königshauses beauftragt. Das ehrwürdige Rijksmuseum beherbergt sein gesamtes Oeuvre, 2019 ehrte man ihn mit zwei Retrospektiven, unter anderem im Fotomuseum Den Haag. Ein Staatskünstler? "Dazu bin ich natürlich zu unangepasst", sagt er und deutet auf den Akt an der gegenüberliegenden Wand. "Reclining Nude No. 05", ein Mann, dessen fülliger Körper in seltsam graziös wirkender Anmut auf eine blanke Matratze gebettet ist. Was sagt sein melancholischer Blick, ist es Trauer, eher Trotz? Olaf springt auf, deutet auf das Spiel von Helligkeit und Schatten am Oberschenkel des Modells. "Ich liebe die menschliche Haut, die Art, wie sie das Licht modelliert. Kein anderes Tier hat etwas Vergleichbares." Der Mensch als Tier? Staatstragend klingt das nicht.

Aber ein lärmender Bürgerschreck ist Erwin Olaf auch schon lange nicht mehr, das traf eher auf seine Frühphase zu. Nach dem Publizistikstudium arbeitete er in der Werbebranche für Auftraggeber wie Levi's oder Microsoft und machte sich in den Achtzigerjahren mit viel nackter Haut und provokanten Serien wie "Chessmen" einen Namen. Sexuelle Identität, der Aufruf, sie frei auszuleben, waren (und sind immer noch) wesentliche Themen. "Joy" von 1985, das Porträt eines jungen Mannes mit überschäumender Champagnerflasche, ist bis heute ein ikonisches Bild in der LGBTQ-Szene. Was dann kam, die sorgfältig arrangierten Tableaus, die makellos inszenierten Szenen der "staged photography" mit Sechzigerjahre-Kostümen, Pools, getäfelten Wohnzimmern: Das wird in Abhandlungen über den Holländer gern als Beginn seines Geschichtenerzählens bezeichnet.

Interessanterweise widerspricht er da, was Olaf ohnehin gerne mal tut im Laufe eines Gesprächs - das macht es ziemlich abwechslungsreich, eine kultiviert vor sich hinplätschernde Unterhaltung ist nicht seine Sache. Nein, sagt er, Geschichten erzählt habe er eher mit den früheren Arbeiten: In Form einer klaren Botschaft in einem einzigen drastischen Bild. Die Frau zum Beispiel, der Perlenschmuck aus dem geschminkten Mund quillt, der Mann in deformierten High Heels. Was er heute mache, sei das Gegenteil: andeuten, die vordergründige Wirklichkeit seiner Fotografien rätselhaft erscheinen lassen. Auf Geheimnisvolles anspielen durch irritierende Details wie zum Beispiel dem Perserteppich, auf dem die schäbige Matratze des fülligen nackten Mannes liegt. Wenn schon "Storytelling", so Olaf, dann führe er den Betrachter mitten hinein in eine Geschichte, von der man nicht wisse, ob das Wichtige gerade passiert sei oder demnächst passiere. Ein seltsamer Schwebezustand. "Genau darum geht es. Mich interessiert die Frage mehr als die Antwort."

Wohl am bekanntesten sind bis heute Erwin Olafs Serien "Rain" (2004) und "Hope" (2005), in denen er seine surrealen Bühnen virtuos ins Bild setzt. Die Menschen in ihrem adretten Mid-Century-Ambiente mit pastellfarbenen Wänden, Eiscremeautomaten, Kurzflor-Teppichen wirken verloren und sprachlos. Etwas geht nicht mit rechten Dingen zu in dieser scheinbar heilen Welt, aber welche Verletzungen die Menschen sich hier zufügen oder schon zugefügt haben, woher die Einsamkeit kommt: "Das entscheidet sich in eurem Kopf", sagt Olaf. "Ich will, dass meine Kunst ein Dialog ist. Ich mache das Bild, aber der mindestens ebenso wichtige Part liegt beim Betrachter." Und so kann "The Hallway" von 2005 mit einem jungen, schönen, voneinander abgewandten Paar auf einem Hotelflur eben sehr viel bedeuten. Das Ende einer Ehe? Die Spannung kurz vor einer Affäre? Und vor allem: Was sagt die Frage - je nachdem, welche man sich stellt - über einen selbst aus?

Eigens für die Münchner Ausstellung hat Erwin Olaf die Serie "Im Wald" fotografiert, monumentale Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die 2020 in den bayerischen und österreichischen Alpen entstanden. Wuchtiges Gestein, aufragende Bäume und dazwischen, ganz klein, der Mensch: Er habe hier nicht nur Bezug auf die Malerei der Romantik genommen, auf Caspar David Friedrich etwa. Sondern auch, ganz unmystisch, auf die Gegenwart. Olaf leidet an einer chronischen Lungenkrankheit, die Covid-Pandemie habe ihm die Endlichkeit des menschlichen Lebens noch einmal auf ganz andere Weise deutlich gemacht. "Wir sind nur ein Sandkorn in der Natur, in der alles seinen Gang geht. Man kann das bedrohlich finden. Ich finde es tröstlich."

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