Süddeutsche Zeitung

Fotobuch Cy Twombly:Dandy in Rom

Ein Bildband zeigt, wie glamourös der amerikanische Künstler Cy Twombly in Italien residierte. Und wie die alte Welt sein Werk radikal veränderte.

Als der amerikanische Künstler Cy Twombly 1957 nach Rom zog, war das ein Affront. Die ewige Stadt war damals für die Kunstwelt höchstens noch ein Ort, um dort die Ferien zu verbringen. Mark Rothko oder Alexander Calder taten das mit ihren Familien. Doch wer Inspiration suchte, wer wissen wollte, wie die Gegenwart abzubilden war, und was die Szene gerade umtrieb, der musste nach New York. Die Vertreter des Abstrakten Expressionismus, allen voran Jackson Pollock, hatten mit vollem Körpereinsatz die Metropole zur Kunsthauptstadt gemacht, die wichtigsten Galerien und Museen befanden sich dort, die Neue Welt hatte der Alten endgültig den Rang abgelaufen.

Twombly trat die Reise rückwärts an, sprichwörtlich. Denn nicht nur brach er seine Zelte in New York ab, wo er sich ein Atelier mit dem Künstlerfreund Robert Rauschenberg teilte und mit seinen abstrakten Gemälden bislang eher mäßigen Erfolg hatte, sondern er hielt sich auch nicht mehr an die Losung des Kritikerpapstes Clement Greenberg, wonach sämtlicher Inhalt dem reinen physischen Entstehungsprozess zu weichen habe, sprich Sockel und Rahmen gefälligst orgiastischen Malakten à la Pollocks Drippings vorbehalten waren. Von Inhalt oder ähnlichem historischen Ballast wurde dringend abgeraten.

Der amerikanische Künstler tat in Rom genau das Gegenteil. Twombly öffnete die Tore zu seiner Bildwelt derart weit, dass die komplette mediterrane Kulturgeschichte reinspazieren konnte, von der Antike und dem alten Rom, über mythologische Themen bis hin zu Malerfürsten wie Raffael und Poussin. Mithilfe eines geheimnisvollen Zeichen- und Zahlensystems breiteten sie sich sukzessive in seinem Werk aus.

Brüchige Wände, neobarocke Stühle, daneben achtlos noch ein Werk von Andy Warhol

Die mediterrane Kultur begann nicht nur die Arbeiten von Cy Twombly zu bevölkern, seine Art, sie expressiv und flüchtig zugleich auf die Leinwände zu bannen, macht sie gleichsam wieder lebendig. Auch in seine Wohnungen und Ateliers zog sie ein, das macht nun der wunderbare Bildband "Cy Twombly. Homes & Studios" (mit Texten von Nicola Del Roscio und Florian Illies; Schirmer Mosel Verlag, München 2019. 264 Seiten) sichtbar. Er stellt die unterschiedlichen Arbeitsorte des Malers und Bildhauers in großformatigen, zum Teil berauschend schönen Fotografien vor - gerade, wenn sie der Meister selbst mit seiner Polaroidkamera schoss.

Wie Künstler arbeiten, ist ja immer auch sprechend in Bezug auf ihr Werk. Ist das Atelier in einer ehemaligen Fabrikhalle beheimatet oder in einer alten Scheune? Was steht auf dem Tisch, welche Bücher liegen griffbereit, und wie sieht es mit dem Grad der Unordnung aus? Der Blick in ein Atelier ist wie das Making-of von etwas, das später mal in die Kunstgeschichte einziehen wird (zumindest bei erfolgreichen Künstlern). Bei Twombly scheinen die Fotografien vor allem der italienischen Ateliers geradezu ein Dechiffriersystem für ein Werk zu liefern, das sich fortwährend der Lesbarkeit entzieht. Oder wie Florian Illies im Vorwort schreibt: "Dieses Buch erzieht zum langsamen Sehen. Und es ist genau deshalb der ideale Schnellkurs zum Verständnis der großen Kunst Cy Twomblys."

Auch wenn das vielleicht eine etwas arg simple Vorstellung des Werks von Cy Twombly, diesem raffinierten Fährtenleger in der Kunst, ist, erlebt man beim Betrachten der Fotografien doch Erstaunliches. Denn es wird klar, wie der Mann im weißen Anzug, der mit seinem Outfit ohne Probleme zur Cocktailparty wechseln könnte, seine Werke aufbaut: Da steht die Büste eines römischen Kaisers mitten in der Zimmerflucht, der Blick geht weit durch die Flure des alten Palazzos, vorbei an brüchigen Wänden, neobarocken Stühlen, die wie Theaterkomparsen ins Bild drängen und eigenen Gemälden, die rücklings an der Wand lehnen. Dazu dann noch gerne irgendwo ein wie achtlos abgestelltes Werk eines Zeitgenossen, Andy Warhol etwa oder Gerhard Richter, und einen antiken Torso.

All die Schichten, die Cy Twomblys Werk ausmachen, dieses Collagieren von unterschiedlichen Zeitebenen, von antiken und mythologischen Themen mit vermeintlich banalen Alltagsgesten - in den Fotografien seiner Schaffensorte lassen sie sich mit dem Auge räumlich erwandern. Oder wie Nicola del Roscio, der langjährige Assistent von Twombly, schreibt: "Cy verwandelte alles in Versuchsanordnungen für mögliche Kunstausstellungen." Was aber auch bedeutet: Nichts ist hier dem Zufall überlassen, egal wie mediterran gelassen das Sonnenlicht durch die weißen Vorhänge scheinen mag.

Sein eigener Schwager wurde sein erster Sammler, so gelang der Einstieg in die Kunstwelt

Was dieser Bildband aber auch zeigt: Wie glamourös die Kunstwelt damals in Rom logierte. Mag schon sein, dass in der Wirtschaftswunderzeit es gar keine aufgelassenen Fabriken gegeben hätte, doch das bedeutet nicht, dass die Künstler aus purer Not heraus die alten Palazzi gleich am Campo de' Fiori oder oberhalb vom Kolosseum als Atelier beziehen hätten müssen. Die Kunstwelt war damals fest in der Hand des Adels. Und Cy Twombly, mit dem Nimbus eines New Yorker Künstlers, bekannt mit den Helden des Abstrakten Expressionismus, war augenblicklich mittendrin. Auch dank der Geschwister Franchetti, die Twombly kurz nach seiner Ankunft kennenlernte. Die junge Kunststudentin Tatiana Franchetti verliebte sich in den Menschen Twombly und heiratete ihn zwei Jahre später, ihr Bruder Giorgio verliebte sich in dessen Bilder, womit dem gut aussehenden Amerikaner der bestmöglichste Einstieg in die römische Kunstwelt gelang.

Denn die Franchettis entstammten einer der bedeutendsten Kunstmäzen-Familie Italiens. Tatianas und Giorgios Großvater hatte der Stadt Venedig Ende des 19. Jahrhunderts das Ca'd'Oro vermacht, einen Palazzo direkt am Canal Grande mit einer hochkarätigen Kunstsammlung. Sein Enkel Giorgio setzte diese Tradition fort, legte den Fokus aber auf zeitgenössische Kunst. Giorgios Begeisterung für Twomblys großformatige Leinwände, die damals kaum mehr als ein paar schnell hingeworfene Bleistiftkritzeleien aufwiesen, machten ihn zu seinem ersten Sammler. Big Daddy soll Cy Twombly seinen Schwager auch genannt haben. Italienisch übrigens lernte Cy Twombly nie.

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Quelle:
SZ vom 02.11.2019
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