Süddeutsche Zeitung

Fashionspießer zu Polarforscher-Jacken:Schweißmeer statt Eisbär

Wenn der Eisbär über die Eisscholle tobt und der Husky die Inuit-Nase leckt - hach, Polarforscher müsste man sein! Viele Großstädter haben sich schon mal die passende Nordpol-Ausrüstung zugelegt. Und schwitzen. Eine Modekolumne.

Wenn das Jahr sich die Nebeldecke bis zum Kinn hochzieht und in seiner kühlen, dunklen Höhle verkriecht, aus der es wochenlang nicht mehr herauskommt, verwandelt sich die vertraute Welt vor der Haustür in einen feindlichen Planeten. Lebensbedrohliche Gefahren lauern, wohin man geht, greift, steht: feuchtes Laub wartet darauf, uns zu Fall zu bringen. Herbststürme rütteln an unserem Immunsystem, der feixende Keim auf dem S-Bahn-Türgriff tut das Übrige. Und hinter dem VW Golf, der da so dämlich auf dem Gehweg geparkt hat, liegt ein Eisbär auf der Lauer. Er hat uns längst gewittert, saugt unseren Duft ein, der ihm den Speichel im tiefblauen Maul zusammenlaufen lässt. Schon spannen sich seine Muskeln, bebt sein Körper, setzt das Raubtier zum Sprung ...

Halt, stopp, nicht weglaufen! Keine Panik. In deutschen Großstädten gibt es keine Eisbären.

Das allerdings würde womöglich jeder Grönländer denken, der dieser Tage (die ihm geradezu frühlingshaft mild anmuten würden) dorthin käme. Denn hinter den falsch parkenden VW Golfs tauchen scharenweise Menschen auf, die aussehen, als wären sie zur Eisbärenjagd unterwegs. Polarforscher im Herzen. Männer und Frauen stecken in überdimensionierten Wintermänteln, die nach außen Schnee und Eis abhalten und sich nach innen anfühlen wie ein Sonntagmorgen im Bett. Den wichtigsten Teil, die Kapuze mit Pelzbesatz, haben sie tief in die Stirn gezogen.

In ihre Ausrüstung haben sie in der Regel mehrere hundert Euro investiert. Dafür ist die Jacke auch mit den original Supersoft®-Daunen kanadischer Bio-Wildgänse gefüttert und vom norwegischen Outdoor-Institut für ihre Arktistauglichkeit zertifiziert. Der in Jahrhunderten nordamerikanischer Handwerkstradition optimierte Parka-Außenstoff ist so reißfest, dass den Mantelträger zehn Schlittenhunde an nur einem Zipfel einmal quer durch Grönland ziehen könnten. Die Metallknöpfe haben überbezahlte Kunstschmiede über Buchenholzkohle aus Pennsylvania gedengelt und der Pelzbesatz stammt - selbstverständlich - nicht von qualvoll gezüchteten Marderhunden aus China. Sondern von fair gehandelten Füchsen und Waschbären, die Trapper Joe vergangene Woche aus seiner Falle befreit hat. Kurzum, ein Qualitätskleidungsstück, das, wie der Verkäufer immer wieder beteuert, so ähnlich schon Robert Edwin Peary (angeblich erster Mensch am Nordpol) getragen hat.

Aus dem Weg, hier kommt die Nordpolexpedition!

Derart angetan fühlen sich die Polarforscher der großstädtischen Neuzeit wie eben dieser Peary - nur, dass sie noch alle Zehen haben. Glitschiges Herbstlaub? Aus dem Weg, hier kommt die Nordpolexpedition! Kalter Wind? Ha, du kannst mir nichts! Knurrender Eisbär? Komm nur her! Auf den 200 Metern von der Haustür bis zur U-Bahn macht seine Pelz-Daunen-Parka-Rüstung den Pendler unverwundbar und inspiriert ihn obendrein zu Tagträumen. Von unendlichen Weiten, von eisgekühlter Atemluft, von Eisbergen, die bizarre Formen in den tiefblauen Himmel reißen, von freundlich hechelnden Huskies. Und hach, wie war das noch mal? Die Inuit haben Dutzende Umschreibungen für das Wort "Schnee".

Aber was um Himmels Lebertran ist dieser Gestank? Ach, nur die U-Bahn. Aus der Traum, hallo Wirklichkeit. Und die meint es nicht gut mit dem Polarforscher. Denn im öffentlichen Nahverkehr will er nur noch eines: raus aus der Jacke, die bis minus 30 Grad warm hält. In der überfüllten U-Bahn hat es eher plus 30 Grad und die Nordpoljacke verwandelt sich in Sekundenbruchteilen zur mobilen Finnen-Sauna. Und so wird das gute Stück umständlich (und vorsichtig, ohne einen Mitreisenden zu verletzen) ausgezogen, sorgsam zu einem Paket geknautscht und über dem Kopf balanciert.

Lässt sich beim Stadtbummel mal die Sonne blicken, bleibt dem Eisbärenjäger die Wahl zwischen: Schwitzen in den Daunen oder Schwitzen, weil die Federn unterm Arm mit jedem Schritt schwerer werden. Und so ein verschwitzter mantelloser Herbstmensch ist für jeden Grippevirus eine Delikatesse. Auf Shoppingtouren darf das neue Lieblingsstück deswegen schon gar nicht mehr mit. Beim romantischen Winterspaziergang wird die Jacke endlich angemessen ausgeführt. Aber wehe, der endet in einem angesagten, gut besuchten Café. Dann gilt es, den anderen Gästen erst einmal zu erklären, warum die Jacke einen eigenen Sitzplatz braucht.

Zum modebewussten Skioutfit taugt das teure Teil auch nicht, schließlich ist es für echte Schneestürme konzipiert, nicht für alpenländisch-matschige Klimawandel-Winter. Schon nach dem ersten Sturz hält die Jacke nicht mehr besonders trocken. Obendrein verklebt der fluffige Waschbärbesatz in kürzester Zeit zum Eiszapfenvorhang.

So ist dieses Ding für einen echten Polarforscher/Eisbärenjäger möglicherweise supermegapraktisch. Für den Polarforscher/Eisbärenjäger im Herzen ist er das exakte Gegenteil. Supermegaunpraktisch. Aber vielleicht findet es ja als Bettdecke eine Anschlussverwendung. Darunter lässt sich ausgezeichnet vom Nordpol träumen. Fieberfrei.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1808101
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/feko/bavo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.