Süddeutsche Zeitung

Fashionspießer zu Kurzarmhemden:Ein Bier, Herr Schaffner!

In einem Kurzarmhemd gut auszusehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, eine Aufgabe, der niemand gewachsen ist. Menschen in solchen Hemden gehören auf eine Insel, die nur von Menschen in solchen Hemden betreten werden darf.

Von Violetta Simon

Es gibt Kleidungsstücke, die besitzen einfach keine Würde. Neben Männershorts, Leggings und Flipflops trifft das vor allem auf Kurzarmhemden zu. Man kann es drehen und wenden wie man will, da wird einfach nichts Ansehnliches draus.

Ein Kurzarmhemd hat stets etwas Unvollständiges. Was will man auch erwarten von einem Produkt, das durch Weglassen zweier halber Ärmel entstanden ist? Immerhin eines kann das Ding: Es illustriert den Begriff "hemdsärmelig" auf das Vortrefflichste.

Wäre es ein Experte, es würde inkompetent wirken. Wäre es ein Gericht, es fehlte das Salz. Als Fahrradreifen wäre es nicht aufgepumpt. Und wäre es der Fingernagel einer lieben, hilfsbereiten Person, würde es die juckende Stelle mitten am Rücken knapp, aber beharrlich verfehlen. Mit anderen Worten: Das Kurzarmhemd gehört zu den Dingen, die einen entweder zu Tode langweilen, ständig im Stich lassen oder in den Wahnsinn treiben.

Wie bei den meisten Kleidungsstücken, deren Sinn es ja ist, eine gewisse Haltung auszudrücken, fällt auch die Wirkung des Kurzarmhemds auf seinen Träger zurück. Die herausragendste ist wohl, dass ein Mann darin aussieht, als hätte ihn Mutti eben noch schnell angezogen und aus dem Haus geschubst. Kein Wunder, dass das Kurzarmhemd gemeinhin als Montur des Bürospießers verspottet wird.

Dabei strahlt es vor allem eine Botschaft aus: Mein Träger wäre jetzt lieber woanders. (Dabei sollte es doch das Hemd sein, das besser nicht hier wäre.) In welcher Variation auch immer, ein Mann im Kurzarmhemd ist nie ganz bei sich.

Trägt er an einem besonders heißen Tag ein weißes Exemplar, wird er zwar zunächst erfreute Blicke und erregtes Winken ernten. Doch im nächsten Moment wird er erkennen, dass diese dem Kellner galten, für den man ihn hielt. Spätestens, wenn er in die enttäuschten Gesichter der Kollegen blickt, weil er sich außerstande sieht, ihnen ein eiskaltes Bier zu servieren, wird er seine Kleiderwahl bereuen.

Hellblaue Kurzarmhemden mögen auf den ersten Blick die bessere Wahl im Berufsleben sein, denn sie verleihen dem Träger die Erscheinung eines Busfahrers und stehen somit für Mobilität. Doch wer will schon an eine Berufsgruppe erinnern, die sich vorwiegend durch Mundfaulheit, schlechte Laune und Sitzbauch auszeichnet?

Vereinen sich weiß und blau zu einer feinlinierten Synthese, sollte der hemdsärmlige Typ nicht allzu überrascht sein, wenn ihm die Kollegen dazu eine passende Pyjamahose reichen und ihn ins Bett schicken. Besonders tragisch: Manche Herren versuchen die peinliche Verwechslung zu umgehen, indem sie das blässliche Ensemble des Schreckens durch eine Krawatte verschlimmbessern.

Nun wirkt das Kurzarmhemd nicht unbedingt vorteilhafter, wenn man mehr Farbe ins Spiel bringt. Grellbunte, burleske Ornamente können dem Auftritt zwar eine gewisse Eindrücklichkeit verleihen - zumindest, wenn man von einer Karriere als Jürgen von der Lippe oder Tom Selleck träumt und den Dresscode von Kindergeburtstagen schätzt. Doch gehören solche Hemden nicht in ein Büro, und Männer in solchen Hemden auf eine Insel, die nur von Männern in solchen Hemden betreten werden sollten.

Auch die Holzfäller-Variante ist keine Lösung. Im kurzärmligen Karohemd wirkt der Mann immer ein bisschen so, als wäre er jetzt lieber mit der Familie auf dem Campingplatz oder mit Freunden am Grill. Im Grunde ist es wie bei den kurzen Hosen: Ein Mann im Kurzarmhemd strahlt einfach viel zu viel Feierabendvorfreude aus, als dass man seine Arbeitsmoral ernst nehmen könnte. Als könne er es kaum erwarten, bis ihm das Zischen des ersten Bieres in den Ohren klingt.

Eigentlich gibt es nur zwei Sorten von Männern, die Kurzarmhemden mit einer an Würde grenzenden Selbstverständlichkeit tragen können: Lufthansa-Piloten (mit Krawatte) und Prinz Charles (ohne). Wer weder das eine noch das andere ist oder werden will, dem sei zum Trost gesagt: In einem Kurzarmhemd gut auszusehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, eine Aufgabe, der kein Normalsterblicher gewachsen ist.

Dann doch lieber lange Ärmel tragen und bei Hitze hochkrempeln. Damit erweckt man wenigstens den Eindruck, man würde ordentlich anpacken.

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