Süddeutsche Zeitung

Rezept mit Anis:Muss man mögen

Anis ist nicht jedermanns Sache. Dabei hilft das Gewürz nicht nur bei Bauchweh und Bronchitis, sondern verfeinert Brot, Fleisch und Süßspeisen - und lindert sogar den Kater nach der US-Wahl.

Von Julia Rothhaas

Was Anis mit Donald Trump zu tun hat? Eigentlich nichts, obwohl man derzeit wirklich oft an den US-Präsidenten denken muss, selbst wenn man das nicht möchte. In diesem Fall ist die Sache aber eindeutig: Auf dem Etikett des "Anis del Mono", eines Anisschnapses aus Spanien, ist nämlich - wie der Name schon sagt - ein Affe zu sehen. Das Tier hat einen behaarten Körper und einen langen Affenschwanz, doch das Gesicht ist das eines Mannes. Nein, an Trump erinnert das Bild nicht, außerdem gründeten die zwei Brüder José und Vicente Bosch bereits im Jahr 1870 ihre Schnapsfirma. In der einen Hand hält der Affenmensch eine Flasche, in der anderen eine Schriftrolle. Darauf steht geschrieben: "Er ist der Beste, die Wissenschaft sagt das, und ich lüge nicht." Das wiederum liest sich so, als hätte es Trump erst gestern Nacht getwittert.

Zurück zum Gewürz: Der Anislikör taucht auch in der Erzählung "Hügel wie weiße Elefanten" von Ernest Hemingway auf, obwohl darin die Flasche mit einem Stier versehen ist. Passte wohl einfach besser. In der Kurzgeschichte sitzen ein Mann und eine junge Frau vor einer Bahnhofskneipe und trinken Bier, da wird sie auf das Etikett aufmerksam und möchte mal probieren. Die Varianten aus Spanien sind hierzulande nicht so bekannt, bei den Worten Ouzo oder Raki hingegen erinnert sich mancher durchaus lebhaft an diesen einen Kneipenabend zurück, und vor allem: an den nächsten Morgen. Die Frau weiß davon zum Glück noch nichts und probiert, "schmeckt nach Lakritze", erklärt sie knapp.

Damit hat sie nicht unrecht, doch das süß-aromatische Gewürz ist feiner und verströmt neben seiner zarten Süße auch holzige und pfeffrige Noten. Auch als süßer Kümmel oder runder Fenchel bekannt, findet sich das Doldengewächs nicht nur in klebrigen Süßigkeiten oder Hochprozentigem wieder, sondern dient als Würzmittel in Brot, Lebkuchen und Weihnachtsgebäck. Selbst dem oft lahmen Teig für Semmelknödel verleiht es Raffinesse. Eine Prise Anis macht sich aber auch gut mit Meeresfrüchten, Kalbfleisch, Eiergerichten und hilft beim Beizen von Lachs und dunklem Fleisch. Denn mit seiner Frische nimmt es fettigen Gerichten etwas die Schwere. Nur mit der Dosierung muss man vorsichtig sein, schnell kann Anis zu dominant wirken. Meist reicht eine Nuance. In diesem Zusammenhang auch wichtig zu wisssen: Anis kam lange als Aphrodisiakum zum Einsatz.

Das ätherische Öl des Pimpinella anisum hat darüber hinaus eine medizinische Wirkung. Es wirkt antibakteriell, schleimlösend, hilft also bei Erkrankungen der Atemwege, und kann als Aufguss bei krampfartigen Blähungen helfen. Als Mischung, genannt "Mukhwas", wird es daher gemeinsam mit Koriander- und Fenchelsamen nach einem Essen in einem indischen oder pakistanischen Restaurant zur Verdauung gereicht und sorgt für frischen Atem, oft unter einer bunten Zuckerschicht versteckt (so wie auch die Anispastillen aus dem französischen Dorf Flavigny in ihren hübschen Dosen). Bei stillenden Frauen hilft es, den Milchfluss anzuregen, in Form von Tee werden damit Läuse vom Kopf gewaschen.

Erstmals schriftlich erwähnt wird Anis, ursprünglich eine Pflanze aus dem Orient, bereits um 1500 v. Chr. in der ältesten Rezepturensammlung der ägyptischen Arzneikunde, dem "Papyrus Ebers". In der Antike versahen die Griechen ihr Brot damit, in Rom kam es in Fleischgerichte und Dessertweine. Durch die umtriebigen Römer gelangte es dann auch in den Norden Europas, was archäobotanische Funde in einer Kölner Latrine aus der Zeit des 8. Jahrhunderts beweisen konnten. Mit großem Erfolg zog Anis schließlich bei uns ein: Um 812 befahl Karl der Große gar, dass es künftig in den Gärten anzubauen sei. Seitdem gibt es zwei Lager: Den einen schmeckt es, den anderen nicht.

Wer bislang einen großen Bogen um das Gewürz gemacht hat, versucht es vielleicht einfach mal mit einem Rezept aus dem mehr als 700 Seiten umfassenden Kochbuch "Intuitiv kochen" von Niki Segnit. Die Engländerin versieht darin eine Schokoladensoße mit dem streitbaren Aroma. Dafür wird 1 EL Koriandersamen leicht angeröstet (nicht anbräunen lassen) und zusammen mit 1 TL Anis in 300 ml Sahne gegeben. Das Ganze fast zum Kochen bringen und eine Stunde ziehen lassen. Dann die Sahne erneut erhitzen und über 150 g dunkle Schokolade (70 Prozent) gießen, bis sie langsam geschmolzen ist. Gut vermengen und glatt rühren. Wenn die Mischung einheitlich braun ist, noch 2 TL Kirschbrand unterrühren. Die Schokosoße macht sich gut über Vanilleeis oder Pfannkuchen. Wer es aushalten kann, lässt die Soße noch eine Nacht durchziehen, dann kommen die Gewürze deutlicher durch. Auf jeden Fall aber hilft das Ergebnis dabei, mal kurz nicht an Donald Trump zu denken.

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