Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Carlos Reutemann:Künstler in der Wüstennacht

Der Argentinier Carlos Alberto Reutemann, Zweiter der Formel-1-Saison 1981, hatte alles, was die Größten unter den Rennfahrern auszeichnet. Seine Lässigkeit hat den Mythos der Königsklasse mitbegründet. Nur saß er zu oft im falschen Auto.

Von Elmar Brümmer

Wenn die Branchenweisheit stimmt, nach der der Zweite in der Formel-1-Weltmeisterschaft nichts anderes ist als der erste Verlierer, dann dürfte kaum jemand Notiz davon nehmen, dass Carlos Alberto Reutemann, Zweiter der Saison 1981, am Mittwoch seinem Krebsleiden erlegen ist. Aber der Argentinier, der 79 Jahre alt wurde, gehört jener Generation an, deren Lässigkeit den Mythos der Königsklasse des Motorsports entscheidend geprägt hat: Clay Regazzoni, Mario Andretti, Jackie Stewart, Jaques Lafitte, Emerson Fittipaldi, Niki Lauda - und eben Reutemann, das Einwandererkind Schweizer Abstammung. Das grandiose Kino-Epos Rush bildet das Mantra dieser Rennfahrer-Typen ab: "Je näher Du dem Tod bist, je lebendiger fühlst Du Dich."

In der Formel 2, in der Reutemann 1971 Zweiter hinter dem Schweden Ronnie Peterson geworden war, fällt sein Talent einem gewissen Bernie Ecclestone auf, damals noch Chef des Brabham-Rennstalls und beliebter Backgammon-Spielpartner der meisten Rennfahrer. Ecclestone verpflichtet den Südamerikaner, obwohl der bereits fast 30 Jahre alt ist. An guten Tagen kann Reutemann seine ungeheure Grundschnelligkeit ausspielen. Dazu besitzt er viel Charisma, sieht auch noch gut aus, sein Spitzname lautet "der Indianer", es waren noch andere Zeiten. Der Rennkalender 1972 beschert ihm zum Formel-1-Debüt ein Heimspiel auf dem Autódromo Municipal Ciudad de Buenos Aires, wo er auf Anhieb die Pole-Position erobern kann, obwohl der Brabham eher ein Außenseiterauto ist. Nach Reifenproblemen im Rennen belegt er nur Rang sieben, verpasst seinen ersten WM-Punkt, aber hat die Aufmerksamkeit auf seiner Seite. Die ersten Siege folgen, auch die Angebote großer Teams.

Doch Carlos Reutemann gehört leider zu jenen guten Rennfahrern, die häufig zur falschen Zeit im falschen Cockpit sitzen.

Kaum verlässt er Ferrari, wird sein Nachfolger Champion

Brabham, Ferrari und Lotus werden eher zu Karrierefallen, mal überwirft er sich mit Teamchefs, mal mit Kollegen wie Niki Lauda, öfter kauft er sich selbst frei. Als er dem Chaos bei Ferrari entnervt entflieht, wird ausgerechnet sein Nachfolger Jody Scheckter dort Weltmeister.

Reutemann gilt als Künstler hinter dem Lenkrad. Er ist selten laut, eher sensibel, gelegentlich von Selbstzweifeln geplagt. Aber er besitzt einen starken Willen, ist technisch begabt und agiert im Renngeschehen clever. Keiner hat damals so ein Gefühl für schnelle Kurven wie er. Mit 38 landet er schließlich beim britischen Garagisten Frank Williams, und zu Beginn der Achtziger Jahre kann er in 15 aufeinanderfolgenden Rennen punkten. Reutemann ahnt, dass 1981 ihm die letzte Chance bieten wird, Weltmeister zu werden, und damit die Tradition seines Landsmannes Juan Manuel Fangio fortzuführen. Endlich hat er auch das Auto dafür. Es gibt da lediglich ein kleines, großes Problem - in Gestalt des wuchtigen Australiers Alan Jones. Der ist von Williams als Nummer Eins im Team verpflichtet worden. In Reutemanns Vertrag findet sich daher eine Klausel, die verlangt, Jones vorbeizulassen, falls dieser hinter ihm liege.

Ein Pünktchen fehlt ihm 1981, um sich Weltmeister nennen zu können

Aber Papier ist Papier, und Piste ist Piste. Beim Großen Preis von Brasilien setzt sich Reutemann über die klare Vereinbarung hinweg. Er behauptet, im Regen die Boxentafel nicht gesehen zu haben, gewinnt das Rennen und übernimmt erstmals punktgleich mit Jones die WM-Spitze. Vogelfrei kann er zwar die Führung ausbauen, aber im eigenen Rennstall erfährt er nur noch das Nötigste an Unterstützung. Zum Showdown kommt es im Herbst beim Finale auf dem Parkplatz des Caesars Palace in Las Vegas. Sein Rivale um den Titel ist der Brasilianer Nelson Piquet im Brabham, Reutemann hat ein Pünktchen Vorsprung. Jetzt könnte er gut die Hilfe von Jones gebrauchen, doch der weigert sich natürlich. Von der Pole-Position aber verzockt er seine Titelträume, Reutemann ist nach der ersten Kurve nur noch Vierter, wird am Ende als Achter sogar überrundet. Jones gewinnt das Rennen, ein Pünktchen fehlt Reutemann am Ende auf den Champion Piquet.

Alle Erklärungen für sein sportliches Versagen bleibt er schuldig, beschwert sich über ein defektes Getriebe, doch die Mechaniker finden nichts. Reutemann läuft aus dem Fahrerlager einfach davon in die dunkle Wüstennacht. Im folgenden Frühjahr beendet er seine Karriere - mit zwölf Grand-Prix-Siegen, aber ungekrönt. Es folgen Gastspiele in der Rallye-Weltmeisterschaft, wo er als erster Formel-1-Pilot überhaupt einige Male punkten kann. Ein Spätstarter, der Genugtuung erst auf politischem Parkett erlebt. Als Freund des argentinischen Präsidenten Carlos Menem wird er erst Gouverneur und bis zu seinem Tod Senator seiner Heimatprovinz Santa Fe.

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