Süddeutsche Zeitung

WM-Titel als Ziel:China erhebt Fußball zur Chefsache

  • Die Kommunistische Partei unterstellt Fußball dem Erziehungsministerium.
  • Fußball ist nun Teil des Stundenplans an Schulen. Ziel: die WM-Austragung und der WM-Titel.
  • Hilfe bekommen die Chinesen von Marco Pezzaiuoli.

Von Mathias von Lieben

China ist das gelobte Land. Zumindest für die deutsche Autobranche. Dort erwirtschaften die Hersteller seit Jahren die größten Gewinne. Dass der VfL Wolfsburg mit Xizhe Zhang einen der besten Kicker aus China verpflichtet hat, seit Jahren Testspielreisen in den Fernen Osten unternimmt und vielleicht bald einen regelmäßigen Volkswagen-Cup ausspielt, ist da nur folgerichtig. Fußball ist ein guter Werbeträger. In einem gelobten Wachstumsland sowieso.

Bald dürften alle Chinesen ein Auto fahren. Aber beim Fußball ist das Land noch im Entwicklungsstadium. Dabei wächst die Begeisterung der Chinesen rapide, das einwohnerreichste Land der Welt mit 1,37 Milliarden Menschen will mitspielen in der globalen Boombranche. Deshalb wird nun - von ganz oben - eine Offensive gestartet. Fußball ist seit zwei Wochen Regierungssache und ab sofort nicht mehr dem Fußballverband, sondern dem Erziehungsministerium unterstellt.

Der ehemalige Hoffenheim-Trainer Marco Pezzaiuoli war drei Monate Übungsleiter beim japanischen Klub Cerezo Osaka, seit Anfang Oktober ist er Nachwuchskoordinator bei Guangzhou Evergrande, dem Meister der ersten chinesischen Liga: der Super League. "In China geht es jetzt von oben nach unten. Das ist der einzige Weg, um hier breitflächig Fußballstrukturen zu schaffen", kommentiert er das Vorhaben der kommunistischen Partei.

Prestigefrage der Nation

Die Partei erhebt Fußball damit zur Prestigefrage der Nation und zur Chefsache der Politik. Dafür wurde im Pekinger Stadtrat eine selbstständige "Leitungsgruppe Fußball" gegründet. An Chinas Grund- und Mittelschulen ist Fußball nun Teil des Stundenplans - gleichberechtigt mit Geschichte und Politik.

Es gibt viele Gründe dafür, warum der chinesische Fußball international nicht konkurrenzfähig ist. Der wichtigste jedoch: Es gab im Riesenreich nie eine Fußballkultur. Zwar rühmen sich die Chinesen gerne dafür, dass sie die Erfinder des Fußballs sind. In der Gegenwart ist davon allerdings nichts zu sehen. Die Prioritäten werden anders gesetzt.

Wo in Brasilien Kinder mit einem Ball am Fuß geboren werden, kommen sie in China mit einem Schulbuch zur Welt. Die Gesellschaft ist auf Leistung getrimmt, nicht auf sportliche, sondern auf akademische. Lernen, lernen, lernen. Vor der Schule, in der Schule und nach der Schule. "Für Fußball bleibt da keine Zeit", sagt Pezzaiuoli: "Den Straßenfußball, wie wir ihn aus Deutschland kennen, gibt es hier deshalb gar nicht."

Die fußballerische Infrastruktur ist schlecht und die Kommunikation zwischen den einzelnen Provinzverbänden findet nicht statt. In Peking gibt es für 11,5 Millionen Bürger nur 80 Fußballplätze, die Verbände schaffen es nicht, eine nationale Jugendliga zu installieren - der Sport wird marginalisiert. Das spiegelt sich auch im Abschneiden der Nationalmannschaft wider.

"Geld ist hier massig vorhanden"

Die einzige Weltmeisterschaft, für die sich die chinesische Auswahl bisher qualifizierte, war 2002 in Japan und Südkorea. Dort schied sie in der Vorrunde aus - nach null Punkten und null Toren aus drei Spielen. In der Fifa-Weltrangliste liegt China auf Rang 99, umzingelt von Katar (98) und Mosambik (100). Ende September schaffte es die Mannschaft nicht unter die ersten 16 bei den Asienspielen.

Hinzu kommen weitere Entwicklungsbremsen: Die Super League hat große Probleme mit korrupten Funktionären und Schiedsrichtern. Häufige Spielmanipulationen sind das Ergebnis. Das schreckt ab. Der Individualsport wird viel mehr gefördert als Mannschaftssportarten, in Einzeldisziplinen lassen sich bei Olympischen Spielen nun einmal mehr Medaillen gewinnen. Auf den Fußball lässt sich dieses System bislang nicht übertragen.

Schwierigkeiten haben die Chinesen auch mit der Organisation des Spielbetriebs, der medizinischen Abteilungen und der Trainingslehre. "Diese Aspekte soll ich mit meinem Know-how voranbringen", sagt Pezzaiuoli. Sein Wort hat mittlerweile Gewicht im Verband. Ihm gefällt seine verantwortungsvolle Position in China, auch wenn seine Familie in Deutschland geblieben ist. "Erst einmal will ich Teil dieses spannenden Prozesses bleiben. Hier ist unendlich viel möglich", fügt er hinzu.

Sponsoren kommen

Realität ist bislang eher der Showeffekt anstatt eines Prozesses: "Alle wollen hier den schnellen Erfolg", sagt Pezzaiuoli, "langfristig denkt keiner." So erklären sich einige Transfers in der Super League. Es wurden renommierte Namen verpflichtet, um mediale Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mike Hanke spielte drei Monate in China, der ehemalige Wolfsburger Zvjezdan Misimović spielte für zwei Saisons in der Liga. Doch genauso schnell wie die Spieler kamen, gingen sie auch wieder.

Dennoch begeistern sich immer mehr Chinesen für Fußball. Der Asien-Cup 2004 war das meist gesehene Sport-Event in der chinesischen Geschichte. Während der WM in Brasilien schauten viele Fans die Spiele in Kneipen. Der Zuschauerschnitt in der Super League steigt und reichte 2012 knapp an 20 000 pro Spiel heran.

Wo Interesse ist, sind Geldgeber nicht weit: Nike sponsert die Liga, auch DHL und Hermes setzen auf den chinesischen Fußballmarkt. "Chinas Fußball ist ein schlafender Riese", sagt Pezzaiuoli. "Geld ist hier massig vorhanden. Und die Leute erkennen gerade, dass sich hier in Zukunft richtig Profit machen lässt." Zehn der reichsten Chinesen beteiligen sich bereits an Fußballvereinen.

Xizhe Zhang nur ein PR-Gag?

Damit das finanzielle Potenzial Erfolg in der Nationalmannschaft bringt, hat Chinas Premier Xi Jinping einen Zehn-Jahres-Plan ausgerufen. Seine Ziele: eine WM-Teilnahme, eine WM-Austragung und - ein WM-Sieg. Und wenn sich Chinesen etwas vornehmen, sollte sie niemand unterschätzen.

Ob Xizhe Zhang nur ein PR-Gag ist, oder beim VfL Wolfsburg den Sprung in die Mannschaft schafft, wird sich erst 2015 herausstellen. 40 Millionen Chinesen sollen allein die Präsentation ihres Landsmannes in Wolfsburg verfolgt haben. Falls Zhang eines Tages tatsächlich in der Bundesliga debütiert, wird die Euphorie wohl nicht mehr zu bremsen sein. Für alle, die Geld verdienen wollen, ist und bleibt China das gelobte Land.

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