Süddeutsche Zeitung

WM 2010: Nordkorea:Die einzige Wundertüte

Lesezeit: 3 min

Ein Plüschtier-Produzent aus der Schweiz besitzt die Transferrechte an Nordkoreas Spielern. Er preist sie als "Brasilianer Asiens" an und will "Business machen".

Christoph Biermann

An diesem Dienstag wird das letzte große Rätsel des Weltfußballs gelüftet, und es gibt wohl kaum jemanden, der dessen Enthüllung mit größerer Aufmerksamkeit folgen dürfte als ein 62-jähriger Geschenkartikelhersteller aus Lupsingen bei Basel in der Schweiz. Wenn das geheimniskrämerische Team aus Nordkorea gegen Brasilien zum ersten Mal seit 44 Jahren wieder ein WM-Spiel bestreitet, wird sich die einzige Wundertüte dieser Weltmeisterschaft öffnen und Karl Messerli hoffen, dass dieser eine echte Sensation entspringt. Denn vor zwei Jahren hat er sich die Transferrechte für die nordkoreanischen Spieler gesichert, und damit eine dieser seltsamen Geschichten geschrieben, wie es sie wohl nur beim Handel mit Fußballspielern gibt.

"Einfach nur Business machen"

Im Reich von Kim Jong-Il lässt Messerli bereits seit 15 Jahren Plüschtiere produzieren. Das Material dazu importiert er aus China, zusammengenäht wird in Pjöngjang; die Qualität ist gut, die Löhne sind verschwinden gering. "Da tut sich was, es gibt Kräfte, die einfach nur Business machen wollen", sagt er begeistert.

Und weil das im Fußball stets erst recht gilt, überzeugte der Geschäftsmann die Funktionäre des nordkoreanischen Fußballverbandes davon, den Export ihrer besten Spieler in Gang zu bringen. Dabei half es sehr, dass Messerli die Glaubwürdigkeit eines ehemaligen Fußballprofis mitbrachte. In den sechziger und siebziger Jahren spielte er als Mittelstürmer beim FC Basel und in St. Gallen, bei Grasshopper Zürich und in Luzern.

Außerdem sollte es nicht nur ums Business allein gehen: "Ich habe auf sie eingeredet, dass man sich im Fußball nur entwickelt, wenn man sich mit anderen misst." Kein Land ist so abgeriegelt wie Nordkorea, und bislang gilt das auch für den Fußball. "Die haben eine Topausbildung, aber sie betreiben Inzucht, wenn man so will", sagt Messerli. Stürmer Jong Tae Se, "Der rote Rooney", und An Yong Hak spielen nur deshalb in Japan, weil sie dort geboren und aufgewachsen sind. Außerdem steht noch Kapitän Hong Jong Jo beim russischen Erstligisten FK Rostow unter Vertrag.

Weil alle Fußballklubs ständig auf der Suche nach exotischen Schnäppchen sind, ist die Nachfrage nach den Spielern aus dem totalitären Staat sofort geweckt gewesen, als durchsickerte, dass die Nordkoreaner zumindest im Fußball ihre Austeritätspolitik aufgeben wollen. Schon die Vorbereitung auf die WM, als die Nordkoreaner ein Trainingslager in der Schweiz bezogen und einige Testländerspiele bestritten, hatte die ersten Schnäppchenjäger angelockt. "Seitdem werden die Spieler von den Scouts engmaschig beobachtet", sagt Messerli.

Auch ein Bundesligist und ein Klub aus der englischen Premier League gehören angeblich zu den Interessenten. Im Angebot sind die Spieler einer Mannschaft, die "naiv und unberechenbar" ist, wie Messerli behauptet. Vor allem sind es aber knallharte, gedrillte Kicker, die den Trainingsumfang bei Felix Magath nur mit einem Achselzucken quittieren würden. Daheim in Pjöngjang absolvieren sie an fünf Tagen in der Woche jeweils am Vor- und am Nachmittag Übungseinheiten von zwei Stunden Dauer.

Nur Sonntags ist frei

Vor Lagerkoller haben sie keine Angst, denn bei ihren Klubs sind sie sechs Tage in der Woche ununterbrochen kaserniert, nur sonntags ist frei. Eigentlich aber möchte Messerli ein Geschäftsmodell etablieren, das über den Verkauf von Nationalspielern hinausgeht. "Ich suche nach wie vor eine Drehscheibe für Nachwuchsspieler", sagt er.

Das Geschäftsmodell soll ungefähr so funktionieren: Talent aus Nordkorea wird kleinem Klub in Europa ablösefrei zur Verfügung gestellt, entwickelt sich dort weiter und wechselt zu großem Klub. Mit dem Spieler wird auch der nordkoreanische Fußball besser, der Transfer bringt den finanziellen Mehrwert. Im Grunde ist es ein ähnlicher Veredelungsprozess wie mit den Plüschtieren, die Messerli produzieren lässt.

Die Griechen aus Fernost

Einen Probelauf davon hat es auch schon gegeben. Im September 2008 kamen zwei Nachwuchsspieler zum damaligen Zweitligisten Concordia Basel in die Schweiz. Doch einen von beiden plagte bald das Heimweh, dann wurde der Klub aufgelöst und der andere Spieler, Kim Jun-Ik, wechselte zum FC Will ebenfalls in die zweite Liga. Dort konnte sich der Offensivspieler aber nicht durchsetzen und schaffte es auch nicht in den WM-Kader, obwohl er den ersten Treffer in den Qualifikationsspielen geschossen hatte.

Ob zumindest der Nationalspielerexport richtig in Gang kommt, hängt auch von den WM-Leistungen der Nordkoreaner ab. Messerli preist sie zwar als "die Brasilianer Asiens" an, aber eher sind sie die Griechen aus Fernost. Im Geiste von Otto Rehhagel werden sie das tun, was im Jahr 2010 nicht einmal mehr der griechische Nationalcoach wagt: einen Libero aufbieten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.959280
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 15.06.2010
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.