Süddeutsche Zeitung

Volleyball:Überraschung vor Weihnachten

Die zweite Volleyball-Bundesliga lässt ihren Spielbetrieb bis mindestens 10. Januar ruhen - der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern des Lockdowns zieht sich allerdings quer durch die Vereine.

Von Sebastian Winter

Die Volleyball Bundesliga (VBL) versandte ihre Nachricht am späten Montagnachmittag, um exakt 16:29 Uhr. Sie beinhaltete, dass der Spielbetrieb in den vier Staffeln der zweiten Bundesliga mit sofortiger Wirkung ausgesetzt wird, mindestens bis einschließlich Sonntag, den 10. Januar. "Mit dieser Maßnahme trägt die VBL dem dringenden Appell der Bundeskanzlerin und der Landesregierungen Rechnung, auch über den Umfang der erlassenen Verordnungen hinaus, Kontakte zu reduzieren", wird Klaus-Peter Jung, Geschäftsführer der Volleyball Bundesliga, in der Mitteilung zitiert. Der Beschluss sei einstimmig gefallen.

Doch einstimmige Zustimmung herrscht bei den betroffenen Vereinen nicht, im Gegenteil. "Ich war maßlos enttäuscht, als mich die Mitteilung erreicht hat", sagt beispielsweise Martina Banse, die Teammanagerin des Frauen-Zweitligisten SV Lohhof: "Auch die Spielerinnen haben mit Unverständnis reagiert." Ihr geht es nicht darum, die Situation und die steigenden Corona-Zahlen zu beschönigen. "Aber die erste Liga spielt weiter, und wir nicht. Wo bleibt denn da die Solidargemeinschaft?", fragt Lohhofs Funktionärin.

Betroffen vom Lockdown sind 55 Vereine, davon neun aus Bayern

Die Entscheidung der VBL kommt tatsächlich überraschend, denn auch die zweithöchste deutsche Spielklasse gilt - obwohl dort fast nur Amateure spielen - als Profiliga. Sie ist also vom geltenden Amateursportverbot ausgenommen, profitiert vom Sport-Rettungsschirm des Bundes, es gelten Hygienekonzepte, die Spielerinnen und Spieler werden frühestens 24 Stunden vor den Partien getestet, wie es den VBL-Vorgaben entspricht. Anfang Dezember hatten sich die Klubs sogar darauf geeinigt, dass die Zweitligisten auch kurzfristig Spiele straffrei absagen dürfen, wenn der Inzidenzwert im eigenen Landkreis oder dem des Gegners über 200 steigt. Nicht wenige Vereine haben bisher von dieser Regel Gebrauch gemacht.

Nun hat der VBL-Vorstand aber doch den harten Zweitliga-Lockdown beschlossen. Betroffen sind insgesamt 55 Vereine, davon neun aus Bayern: Neben Lohhof auch Dingolfing, Planegg-Krailling, Vilsbiburg II und Altdorf bei den Frauen sowie Grafing, Hammelburg, Schwaig und Mühldorf bei den Männern. Während Lohhof unbedingt weiterspielen wollte, wie tendenziell die Mehrheit der Süd-Zweitligisten, findet nicht weit entfernt der Lokalrivale Planegg-Krailling die einmonatige Zwangspause gut. "Klar haben wir Hygienekonzepte, wir lassen uns testen, aber es ist eine weise Entscheidung, jetzt seinen Teil beizutragen", sagt Teammanagerin Stephanie Mehnert.

"Wir brauchen alle mal 'ne Pause, Corona, die Quarantäne, Nachholspiele, das war schon grenzwertig", sagt Planeggs Teammanagerin

Mehnert ist Ärztin, sie hat einen anderen Zugang zum Thema, seit Monaten testet sie die Mannschaft selbst auf Corona, teils in ihrem Garten. Sie sagt auch, dass es Neid gebe im Verein, von jenen, die eben nicht Sport treiben dürfen; dass generell das Unverständnis darüber wachse, dass die Zweitliga-Mannschaft samt Betreuern mit 40 Leuten in die Halle darf an Spieltagen. Sie hatten am Anfang der Saison auch noch einen Corona-Fall im Team, Quarantäne, das ganze Programm. "Wir finden die Entscheidung jetzt richtig, Team und Trainer auch. Wir brauchen alle mal 'ne Pause, Corona, die Quarantäne, Nachholspiele, das war schon grenzwertig." Nur eines möchte Mehnert nicht: dass die Saison abgebrochen wird.

Auch Johannes Oswald warnt davor, der Manager von Grafings Volleyballern. Er sitzt als Vizepräsident im VBL-Vorstand, hat die Entscheidung mitgetragen - und ist doch zwiegespalten. Als Klubmanager gehen ihm ohnehin schon 30 000 Euro des 100 000-Euro-Etats verloren, wenn bis zum Saisonende keine Zuschauer mehr kommen. "Und jedes Spiel, das wir nicht spielen, ist aus wirtschaftlicher Sicht schlecht. Auch wegen der Sponsoren." Zumal der Tabellenzweite Grafing Anfang Januar den Spitzenreiter Mimmenhausen empfangen hätte. "Ich hoffe, dass es Mitte Januar weitergeht. Denn auch die Hallenkapazitäten werden enger, im April/Mai kloppen sich dann alle möglichen Sportarten darum", sagt Oswald.

Die Liga hat den Zweitligisten freigestellt, bis 5. Januar ihre Lizenz zurückzugeben - und dann per Wildcard zurückzukommen

Eng wird es ohnehin, auch zeitlich: Grafings Gegner Mainz-Gonsenheim hat bislang gerade mal acht von 28 Spielen absolviert. In den noch härter getroffenen Nord-Staffeln sieht es düsterer aus, dort kämpfen manche Klubs längst um ihre Existenz. Apropos: Die Liga hat den Zweitligisten freigestellt, bis 5. Januar ihre Lizenz zurückzugeben, ohne viel Strafe zu zahlen. Damit soll größerer Schaden von den Vereinen ferngehalten werden, die ohnehin ins Schlingern geraten sind. Sie müssten absteigen, könnten zur kommenden Saison aber theoretisch per Wildcard wieder aufsteigen. Aber wer macht so etwas jetzt?

Bei Hammelburgs Männern ist Matthias Benner Gesamtvorstand, Volleyball-Abteilungsleiter und Vater des Mannschaftskapitäns. Ein Mann, der abwägt. "Ich habe vollstes Verständnis für die VBL", sagt Benner: "Wir sind nicht in einer Blase und können uns ins Luxushotel zurückziehen wie die Profifußballer. Aber Corona wird uns auch 2021 noch verfolgen."

Lohhofs Teammanagerin Banse, deren Verein in den Achtzigern je viermal deutscher Meister und Pokalsieger war und seit vielen Jahren in der zweiten Liga spielt, sagt fast schon verzweifelt: "Wenn wir den Spielbetrieb nicht wieder aufnehmen im Januar, weiß ich nicht, ob es uns in der Saison 2021/22 noch gibt."

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