Süddeutsche Zeitung

Volleyball:Gespart an falscher Stelle

Herrschings Volleyballer verlieren ihr Pokal-Halbfinale gegen Königs Wusterhausen auf dramatische Weise - und schimpfen später über den Schiedsrichter und fehlende Videotechnik.

Von Sebastian Winter, Potsdam/München

Schon irgendwie bitter, verloren zu haben, weil am Donnerstagabend aus Spargründen ein Challenge-System in Potsdam nicht installiert war. So lautet, sehr verkürzt zusammengefasst, die Verteidigungslinie der Volleys aus Herrsching nach dem mit 2:3 Sätzen verlorenen Halbfinale gegen die Netzhoppers Königs Wusterhausen, das ohne große Übertreibung als eines der spannendsten in die Volleyball-Pokalgeschichte eingehen dürfte.

Herrschings Plan in Potsdam, wohin die Partie wegen der Fernseh-Liveübertragung verlegt worden war, war schon verwegen. Der Klub vom Ammersee, gerne in Lederhosentrikots unterwegs und ohnehin, so sein Slogan, der "geilste Club der Welt", wollte nach drei verlorenen Halbfinals seit seinem Erstligaaufstieg vor sechs Jahren zum ersten Mal ins Pokalfinale einziehen. Nach Mannheim also, wo im Frühjahr immer das zuschauer- und medienträchtigste Spektakel in Volleyball-Deutschland zu sehen ist. Der Plan schien aufzugehen, Herrsching gewann den ersten Satz, den zweiten - der größte Erfolg der Vereinsgeschichte war nicht mehr weit entfernt. Bis der Klub seine Linie, die Courage und den dritten und vierten Satz verlor.

Zwölf Matchbälle haben beide Klubs insgesamt, bevor die Netzhoppers den fünften Satz mit 26:24 Punkten gewinnen

Sportliche Dramen gibt es viele. Jenes in Potsdam war aber doch ein besonderes, weil es so vielschichtig war: Es gab eine 2:0-Satzführung, die Herrsching noch aus der Hand gab; insgesamt zwölf Matchbälle, vier für den Klub vom Ammersee, acht für Königs Wusterhausen - allesamt im fünften Satz. Dazu einen XXL-Tiebreak, der erst endete, als Dirk Westphal, der alte Haudegen der Netzhoppers, seinen Angriff zum 26:24 unerreichbar ins Herrschinger Feld drosch. Und noch ein paar strittige Schiedsrichter-Entscheidungen. So spielen die Netzhoppers am 28. Februar gegen Frankfurt, das am Bodensee überraschend den Rekord-Pokalsieger Friedrichshafen 3:2 bezwang und ebenfalls seine Premiere in Mannheim erleben darf.

"Es war sehr emotional und hatte den sehr bitteren Beigeschmack, dass wir schon ein Stück weit gewonnen hatten", sagte Herrschings Trainer Max Hauser nach der Partie. Und damit zurück zum Schiedsgericht - und dem Challenge-System: Als es 17:16 im fünften Satz stand, hatte Herrsching seinen zweiten Matchball. Der Kanadier Jori Mantha knüppelte einen Angriff am Block der Netzhoppers vorbei ins Aus, doch der Linienrichter hob die Fahne - Blockberührung. Die Herrschinger standen im Endspiel, sie alle hüpften auf dem Feld herum, auch Hauser. Ein kleines bisschen war es wie damals mit Schalke 04 und Rudi Assauer. Doch der Schiedsrichter sah es anders, überstimmte den Linienrichter, das Spiel ging weiter. "Von hundert Schiris macht das beim Matchball glaube ich kein einziger", sagte Hauser, der Königs Wusterhausen übrigens sehr fair zum starken Spiel und verdienten Pokaleinzug gratulierte. Aber diese Szene regte ihn später maßlos auf.

Zumal es im Volleyball eigentlich ab dem Pokalhalbfinale und in Playoff-Finals ein Challenge-System gibt. Zur finanziellen Entlastung der Klubs im Rahmen der Corona-Sofortmaßnahmen wurde aber von allen Erstliga-Vereinen Ende April der Verzicht auf dieses System, das von einem polnischen Anbieter stammt, für diese Saison beschlossen. Pro Spiel würden damit zwischen 1500 und 2000 Euro gespart, wie die Liga der SZ auf Nachfrage mitteilte. Die Frage stellt sich natürlich nun, ob es nicht bessere Sparpotenziale gegeben hätte, als dieses sportlich so entscheidende Hilfsmittel.

Auf der Rückfahrt nach Herrsching wechselten sich Trainerteam und Spieler am Steuer ab - auch eine Form des Sparens

Die Herrschinger kamen am Freitagmorgen um halb fünf wieder zuhause an, sie waren mit zwei Sprintern und einem Auto unterwegs gewesen, Trainerteam und Spieler wechselten sich am Steuer ab - auch eine Form des Sparens. Es sei sehr ruhig gewesen in den Autos, erzählte Libero Ferdinand Tille am Freitag, der 165-fache Nationalspieler tröstete sich danach in der Wohnung mit dem Anblick seines schlafenden Neugeborenen.

Am Sonntag reisen die Herrschinger zum Derby ins 50 Kilometer entfernte Unterhaching, das Spiel gegen den Vorletzten ist ein Charaktertest für Hausers Mannschaft, die Liga-Vierter ist und eigentlich eine starke Saison spielt. Eine Woche später folgt das Duell gegen Serienmeister Berlin. Es sollte eigentlich im Audi Dome stattfinden, der Halle der FC-Bayern-Basketballer. Herrschings erster Auftritt in München wurde aber wegen Corona abgeblasen. Läuft irgendwie nicht, dieser Dezember, für den "geilsten Club der Welt".

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