Süddeutsche Zeitung

US-Sport:Notfalls geht's nach Arizona

Für einen Neustart der Sportligen braucht es nicht nur Sportler. Ein Besuch bei Baseball-Kommentator Kevin Burkhardt, der sich auf sein Comeback vorbereitet.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Kevin Burkhardt rekelt sich auf einem Liegestuhl, er trägt Schlappen, Shorts und Shirt, in der Hand hält er einen Cocktail. Würde dieser Liegestuhl im Sand am Pazifik stehen, wäre es das perfekte Urlaubsfoto. Burkhardt sitzt jedoch in der Einfahrt seines Hauses, von dem aus er den Strand sehen kann, den derzeit niemand betreten darf, und es ist auch deshalb ein skurriler Anblick, weil Burkhardt gewöhnlich in feinstem Zwirn zu sehen ist: nach der World Series zum Beispiel, wenn die Trophäe übergeben wird.

Burkhardt arbeitet für den TV-Sender Fox Sports, er kommentiert die Finalserie der Baseballliga MLB und Partien der Footballliga NFL. Baseball und Football sind die beiden uramerikanischen Sportarten, nirgends wird das so romantisch beschrieben wie im 112 Jahre alten Lied "Take Me Out to the Ball Game", das bei jeder Baseballpartie im siebten Spielabschnitt gesungen wird und diesen wunderbaren Abschnitt enthält, frei übersetzt: "Nimm mich mit zu einem Spiel, führ mich raus zu all den Leuten, kauf mir Erdnüsse und Popcorn - es wäre mir völlig egal, würde ich nie mehr nach Hause gehen."

Vielleicht ist es Zufall, dass der Autor des Lieds, Jack Norworth, davor nie bei einem Baseballspiel gewesen war; vielleicht aber auch nicht. Es gibt kaum etwas, das sich die Amerikaner (und womöglich mehr als die Hälfte der Leute auf dem Planeten) angesichts der Ausgangssperren so sehr wünschen wie das, was in diesem Lied beschrieben wird: dass sie endlich wieder nach draußen dürfen, vielleicht sogar ins Stadion, um gemeinsam mit anderen Menschen zu jubeln. Oder zur Not eben nur mitzufiebern vorm TV bei den geplanten Geisterspielen. Wird schon irgendwie gehen.

Klubs und Ligen müssen planen, ebenso Sender und Medienhäuser

"Zum ersten Mal in meiner Karriere wache ich mehrere Tage nacheinander auf und habe nichts zu tun", sagt Burkhardt, der symbolisch für viele Debatten steht, die gerade geführt werden. Es soll so schnell wie möglich wieder gespielt werden, ob nun im europäischen Fußball oder in den amerikanischen Ligen - zum einen, weil das Datum der ersten Partien Symbolcharakter haben soll für eine baldige Rückkehr zu einer Art Normalität. Zum anderen geht es um sehr viel Geld: Nicht wenige, die mit Sport zu tun haben, stehen vor dem Ruin. Das führt zu Burkhardt und vielen seiner Kollegen, nicht nur in den USA.

Burkhardt, 46, ist in New Jersey aufgewachsen, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erlebte er das erste Spiel der New York Mets in seiner Heimatstadt. "Was war das für ein Gefühl, all die Leute im Stadion zu sehen, die sich in den Armen lagen - selbst die Spieler des Erzrivalen Atlanta Braves wurden umarmt! Was für ein Spiel, und dann haut Mike Piazza den Ball zum 3:2 auf die Tribüne", sagt Burkhardt, hebt sein Glas, als wolle er den Leuten noch mal zuprosten. Er weiß, dass es diesmal nicht so werden wird wie damals: "Die Rückkehr wird wegen der leeren Stadien eine andere sein. Ich bin gespannt, wie sich das anfühlen wird."

Die Verantwortlichen bemerken gerade, dass es für die Austragung von Sportereignissen mehr braucht als die Sportler, und vielleicht sollte man diese Debatte nicht immer nur aus Sicht der Vereine, Akteure oder Zuschauer führen, sondern auch mal aus dem Blickwinkel all jener sehen, die ebenfalls direkt beteiligt wären. "Vorsichtig geschätzt, kann ich mir auch bei leeren Stadien kaum vorstellen, eine Baseball-Partie mit weniger als 120 Leuten durchzuführen", sagt Burkhardt: "Es wird über Möglichkeiten diskutiert, Kameras mit technischen Hilfsmitteln von außerhalb des Stadions zu steuern, oder Grafiken im Studio zu erstellen - der Aufwand wäre auf jeden Fall enorm."

Die Frage, wortwörtlich: Ist es das wert?

Fox bezahlt in dieser und der kommenden Saison jeweils 525 Millionen Dollar für die Rechte, danach werden es bis 2028 jeweils 729 Millionen Dollar pro Spielzeit sein - hinzu kommen die Kosten für die Produktion. Nicht nur Vereine und Ligen müssen nun planen, ob und wie es weitergehen könnte, sondern auch Sender und Medienhäuser. Rentiert es sich, Reporter dorthin zu schicken, wo gespielt werden wird? Kann man Übertragungswagen so umbauen, dass die Leute Abstand halten können? Lohnt sich all der Aufwand?

Burkhardt veröffentlicht derzeit einen Video-Podcast aus seinem Büro, kürzlich hatte er Justin Turner von den Los Angeles Dodgers zu Gast, einen der besten Schlagmänner der Liga. "Er sagte, dass es ihm egal sei, wie es weitergehe - er wolle einfach nur spielen", sagt Burkhardt. Klar, die Akteure wollen spielen, sie haben sich mit der Liga auf einen Tarifvertrag geeinigt, bei dem die Gehälter dieser Saison garantiert sind, wenn nur eine Partie ausgetragen wird - dafür darf die Liga das Playoff-Format, Spielorte und Daten verändern.

Es gibt Pläne, die (wahrscheinlich verkürzte) Saison in den Bundesstaat Arizona zu verlegen - wo die Hälfte der Klubs ohnehin ihre Saisonvorbereitung absolviert hatte. Zehn Stadien befinden sich dort im Umkreis von 30 Kilometern, dazu Trainingsplätze und Hotels, die verfügbar wären. "Die Idee ist gut, und es scheint realistisch zu sein. Es gibt allerdings Fragen: Mike Trout zum Beispiel, Outfielder bei den Los Angeles Angels, erwartet sein erstes Kind", sagt Burkhardt, selbst Vater von zwei Kindern: "Wird er die Geburt verpassen, weil er in Arizona Baseball spielen muss? Und falls nein, muss er danach erst einmal zwei Wochen lang in Quarantäne?"

Trout ist einer der bestbezahlten Sportler der Welt, er wird in dieser Saison 36 Millionen Dollar verdienen und könnte sich deshalb auch eine Strafe wegen Absenz leisten. Was aber passiert mit allen anderen? "Selbst wenn niemand seine Familie mitbringen würde, wären es Tausende von Leuten", sagt Burkhardt. Können die Vereine von Physiotherapeuten und Balljungen, können die Fernsehsender von Kameraleuten, Kommentatoren und Technikern verlangen, womöglich mehrere Monate lang von ihren Familien getrennt zu sein, nur damit Baseball gezeigt werden kann?

In der zweiten Strophe von "Take Me Out to the Ball Game" geht es darum, dass die Zuschauer den Ausgang eines Spiels beeinflussen, indem sie Schiedsrichter beschimpfen und ihr Team anfeuern. Das dürfte erst einmal nicht passieren. Und so sehr sich die Leute auch nach einer Rückkehr zum Sport sehnen, sollte nicht vergessen werden, dass davon nicht nur die Akteure betroffen sein werden.

Burkhardt trinkt aus, verabschiedet sich - er will Statistiken wälzen, Videos studieren. Wann immer es weitergeht: Er wird bereit sein.

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Quelle:
SZ vom 07.05.2020
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