Süddeutsche Zeitung

DFB-Nachwuchs:Zwischen Anspruch und Klatsche

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Deutschlands U21-Trainer Antonio Di Salvo hat von seinem erfolgreichen Vorgänger eine Mannschaft mit hohem Niveau übernommen. Dieses zu halten ist nicht so leicht - seine Besten rücken immer früher ins A-Team auf.

Von Ulrich Hartmann

Antonio Di Salvo ist zurzeit auf der Suche nach den Jahrgängen 2000, 2001 und 2002. Weinhändler können ihm bei diesem Problem allerdings nicht helfen. Di Salvo ist U21-Bundestrainer, nächstes Jahr ist Europameisterschaft und jederzeit und überall könnte noch unverhofft ein talentierter Kandidat aus den passenden Jahrgängen zu finden sein. Als der 42-Jährige neulich die Frauen-Europameisterschaft geguckt hat, ist ihm aufgefallen, dass die überragende Mittelfeldspielerin Lena Oberdorf auch erst Jahrgang 2001 ist. "Wäre Obi nicht auch für uns spielberechtigt?", hat er da mit Joti Chatzialexiou gescherzt, dem Leiter Nationalmannschaften beim Deutschen Fußball-Bund.

Leider kommt Oberdorf für Di Salvos U21 nicht infrage, und das liegt neben naheliegenden Aspekten auch daran daran, dass sie sich bereits in der A-Nationalmannschaft etabliert hat. Ähnlich, wie es sich auch mit Jamal Musiala verhält. Der spielt längst bei Hansi Flick im A-Team. Di Salvo freut sich für jeden Spieler, der es zu Flick schafft. Auch dass dieser ihm fürs Erste den Innenverteidiger Armel Bella Kotchap abspenstig gemacht hat, nimmt er mit Fassung.

Olympia 2024 ist ein großes Ziel - doch nach wie vor ist vieles unwägbar

Ein Jahr ist Di Salvo jetzt im Amt. Die U21 hat unter dem gebürtigen Paderborner acht Qualifikationsspiele zur Europameisterschaft 2023 bestritten, sie hat sieben gewonnen und eines verloren. Das unerlässliche Ziel EM-Qualifikation wurde erreicht. "Wir haben eine gute und souveräne Qualifikation gespielt", sagt er und ist froh, dass er den sportlichen Nachlass des ebenso beliebten wie erfolgreichen Vorgängers Stefan Kuntz bislang so gut verwalten konnte.

Kuntz, jetzt türkischer Nationaltrainer, hatte die U21 drei Mal nacheinander ins EM-Finale geführt und 2017 sowie 2021 sogar zum Titel. Diese Erfolge bedeuten ein schweres Erbe für Di Salvo. Bei der EM im nächsten Juni in Rumänien und Georgien wird sich zeigen, wie gut ihm diese Aufgabe mit der U21 wirklich gelingt. Dann geht es nämlich nicht nur um den EM-Titel, sondern auch um die Qualifikation fürs olympische Fußballturnier 2024 in Paris. Zu diesem Zweck müsste man es ins EM-Halbfinale schaffen. 2016 gewann die deutsche Olympiamannschaft unter dem Trainer Horst Hrubesch Silber, 2020 schied sie unter Kuntz in der Vorrunde aus. "Olympia ist ein ganz großes Ziel", sagt Di Salvo.

Personell ist knapp neun Monate vor dem EM-Auftakt noch einiges unwägbar. Musiala (FC Bayern) und Bella Kotchap (FC Southampton) sind wie erwähnt bei Flick, Jonathan Burkardt (Mainz), Kevin Schade (Freiburg) und Josha Vagnoman (Stuttgart) müssen derzeit geschont werden und wurden nicht berufen, die nominierten Luca Netz (Gladbach), Malick Thiaw (AC Mailand), Jamie Leweling (Union Berlin) und Angelo Stiller (Hoffenheim) wiederum bekommen bei ihren Klubs zurzeit kaum Einsatzzeiten. "Solche Phasen sind für junge Spieler ganz normal", beschwichtigt Di Salvo, "sie müssen hart arbeiten und von den älteren Mitspielern lernen - auf keinen Fall dürfen sie den Kopf in den Sand stecken."

Mit dem Torwart Christian Früchtl (Austria Wien), den Abwehrspielern Maximilian Bauer (Augsburg) und Yann-Aurel Bisseck (Arhus/DEN), dem Mittelfeldspieler Tom Krauß (Schalke) und den Angreifern Ansgar Knauff (Frankfurt) und Jan Thielmann (Köln) sind derzeit sechs U21-Nominierte bei ihren Klubs Stammspieler. Sie erhalten jenes Maß an Spielpraxis, das sich Di Salvo eigentlich idealerweise für jeden seiner Nationalspieler wünscht.

Auch Talent Moukoko soll nun gegen Frankreich und England in der Startelf stehen

Ein Diamant im U21-Team ist Youssoufa Moukoko, der im kommenden November erst 18 Jahre alt wird und bei Borussia Dortmund zwar nur Teileinsätze bekommt, sich dem Niveau in Bundesliga und Champions League aber bereits annähert. Moukoko wird wohl in der Startelf stehen, wenn die U21 am Freitagabend in Magdeburg gegen Frankreich und nächsten Dienstag in Sheffield gegen England zu Testzwecken gegen zwei Mannschaften spielt, die sich auch für die EM qualifiziert haben. "Wir messen uns mit den Besten", sagt Di Salvo über die Vorbereitung auf die EM.

Sein erstes Jahr bilanziert der langjährige Co-Trainer von Stefan Kuntz zufrieden, aber nicht überschwänglich. Gegen Israel im ersten Spiel drehte man einen Rückstand erst in der Nachspielzeit zum Sieg, gegen Polen setzte es in Aspach eine 0:4-Klatsche. "Wir müssen die Defensive weiter stabilisieren und in der Offensive noch gefährlicher werden", sagt er. In den letzten fünf Qualifikationsspielen zusammen, die alle gewonnen wurden, ließ die Mannschaft immerhin nur noch ein einziges Gegentor zu. Doch die Qualität der gegnerischen Angreifer wird bei der EM sprunghaft zunehmen.

"Wir haben eine positive Bilanz der zehn EM-Qualifikationsspiele gezogen", sagt Di Salvo. Jetzt gehe es in das maßgebliche zweite Jahr für diesen Jahrgang, und da gelte es sich in allen Bereichen auf hohem Niveau zu stabilisieren. Auch für ihn als Bundestrainer wird dieses zweite Jahr das Jahr der Wahrheit.

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