Süddeutsche Zeitung

Triathlon:Ein Hauch von Hawaii in Mittelfranken

Nach der Absage 2020 findet der Langdistanz-Klassiker in Roth am Sonntag wieder statt. Der Veranstalter kann sich dabei kurzfristig über Weltklasse-Athleten aus Deutschland freuen.

Von Frederik Kastberg

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle seien die vergangenen Monate gewesen, sagt Felix Walchshöfer, Renndirektor und Organisator der Challenge Roth. Angst und schlaflose Nächte hätten diese Zeit geprägt, doch jetzt, zwei Tage vor dem Rennen, kann auch er wieder besser schlafen: "Die Anspannung fällt ab und wandelt sich in Dankbarkeit und Demut." Lange hatte er mit seinem Team am Hygienekonzept für die Veranstaltung gefeilt, sich mit den Behörden abgesprochen, Pläne und Konzepte entwickelt und wieder verworfen, um den traditionsreichen Langdistanztriathlon nach 2020 nicht schon wieder absagen zu müssen. 1500 Einzelstarter und 290 Staffeln aus 47 Nationen werden nun am Sonntagmorgen ab 7 Uhr in den Main-Donau-Kanal springen und nach spätestens 14 Stunden und 20 Minuten durchs Ziel schreiten. In den vergangenen Jahren waren es mehr als doppelt so viele Teilnehmer.

Auf der Strecke könnten sie unverhofft auf den einen oder anderen Top-Athleten treffen. Nach der Absage der für Oktober geplanten Ironman-WM auf Hawaii haben sich in den vergangenen Wochen zahlreiche Athleten aus der Weltspitze bei Walchshöfer gemeldet und nach einem Startplatz gefragt. Schon vor Monaten hatte er auf die Frage, welche Athleten denn in Roth starten würden, gesagt: "Entweder alle oder keiner." Als Triathlon-Fan sei er über die Absage des Insel-Rennens nicht glücklich, "aber für uns bin ich natürlich froh, dass wir diese Chance bekommen". Für die Athleten ist es in diesem Jahr vermutlich die letzte Gelegenheit, in so einem hochkarätig besetzten und mit 14 000 Euro dotierten Rennen zu starten.

"Ich wohne ja nur eine Stunde weg von hier und dieses Rennen ist ein Traum, der jetzt endlich für mich wahr wird", sagt Anne Haug

Aus Deutschland haben sich unter anderen Sebastian Kienle, Patrick Lange und Anne Haug, allesamt bereits Sieger auf Hawaii, angekündigt. Für Lange ist es der erste Start in Mittelfranken: "Für mich ist es eine große Ehre, in Roth zu starten. Sofort nach der Hawaii-Absage war mein Start klar", sagte der 35-Jährige auf der Pressekonferenz am Donnerstag. "Roth stand schon immer auf meiner Bucket-Liste und war einer der Gründe, warum ich mit Triathlon angefangen habe." Vor einer Woche hatte das Trio noch gemeinsam mit dem Team Europa den erstmals ausgetragenen Collins Cup, eine Art Ryder Cup für Triathleten, gewonnen. Nun also das schnelle Wiedersehen in Roth.

Die amtierende Ironman-Weltmeisterin Haug geht als Favoritin in ihre Roth-Premiere und muss sich vor allem gegen internationale Konkurrentinnen wie Sarah Crowley (Australien), Rachel McBride (Kanada) und die schon mehrmals in Roth top-platzierte Laura Siddall (Großbritannien) durchsetzen. "Ein Sieg würde bei mir einen ganz hohen Stellenwert einnehmen.", sagte die Bayreutherin. "Ich wohne ja nur eine Stunde weg von hier und dieses Rennen ist ein Traum, der jetzt endlich für mich wahr wird."

Renndirektor Walchshöfer erwartet ob der vielen Nachmeldungen das "spannendste Rennen in der Geschichte von Roth"

Walchshöfer erwartet ob der vielen Nachmeldungen das "spannendste Rennen in der Geschichte von Roth". Viele der Top-Athleten sind ihm finanziell entgegengekommen und haben auf das sonst übliches Antrittsgeld verzichtet. "Das hätten wir uns dieses Jahr auch nicht leisten können", sagt er. "Damit unterstützen die Athleten uns dabei, diese Bühne des Sports zu erhalten." Die Absage des Rennens im vergangenen Jahr hatte ein großes Loch in die Finanzen gerissen und auch der Wettkampf am Sonntag war lange Zeit nicht sicher. "Ich musste den Tribünenbauer, den Zeltbauer und andere Sachen in einem sechsstelligen Bereich anzahlen", erzählt der Organisator, "bei einer Absage des Rennens wäre dieses Geld weg gewesen." Dann hätte sogar die Pleite des Unternehmens gedroht.

In diesem Jahr sollen unter anderem 10 000 FFP2-Masken, die auf dem gesamten Gelände verpflichtend sind, und 9 500 Desinfektionsmittel für Helfer und Athleten dafür sorgen, dass das Rennen nicht zur Virenschleuder wird. Es seien aber ohnehin fast 95 Prozent der Athleten entweder geimpft oder genesen, wie eine Befragung vor sechs Wochen ergeben habe, sagt Walchshöfer. "Und es gibt keinen Wettkampfleiter, der ungeimpft ist." Trotzdem sollen Zuschauer und Begleitpersonen der Athleten möglichst daheim bleiben und das Rennen am Bildschirm verfolgen, der BR sendet am Sonntag ab 6.45 Uhr live aus Roth. "Wenn ihr uns etwas Gutes tun wollt, bleibt bitte zuhause und schaut Euch das Rennen im Fernsehen an", appellierte Geschäftsführerin Kathrin Walchshöfer. Normalerweise zieht der Triathlon bis zu 250 000 Zuschauer an. Immerhin: Im Stadion in Roth dürfen 1500 (statt wie sonst 10 000) Menschen den Athleten beim Zieleinlauf zujubeln.

Auch die Streckenführung bleibt von den Corona-Maßnahmen nicht verschont. Um Menschenansammlungen zu vermeiden, führt die Radstrecke unter anderem nicht über den berühmt-berüchtigten Solarer Berg, normalerweise ein Highlight des gesamten Rennens. In vorpandemischen Zeiten dröhnte hier laute Musik aus riesigen Boxen, während Tausende Zuschauer Spalier standen und die Athleten den Berg hinaufpeitschten. Solche Bilder wird es in diesem Jahr nicht geben. Außerdem zwingen zahlreiche Baustellen die Veranstalter dazu, den Kurs zu ändern - und um zehn Kilometer zu kürzen. Doch das alles mache ihn keinesfalls traurig, sagt Walchshöfer: "Es hat noch kein Rennen gegeben, auf das ich mich so gefreut habe, weil die Freude, dass wir überhaupt wieder dürfen, überwiegt."

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