Süddeutsche Zeitung

Tennis:Duell der Zukunft

Ohne zu glänzen erreicht Alexander Zverev das Endspiel des Turniers in Köln. Gegner im Finale wird der kanadische Aufsteiger Félix Auger-Aliassime sein.

Von Milan Pavlovic, Köln

Nicht jeder Arbeitstag eines Tennisprofis kann optimal verlaufen, und es ist auch eher die Ausnahme, dass ein einzelnes Match ohne Aussetzer verläuft. Insofern hatte Alexander Zverev das Turnier in Köln auf zu hohem Niveau begonnen, als er am Donnerstag tadellos gegen den Routinier Fernando Verdasco agierte. Auf dem weiteren Weg ins Endspiel folgten zwei durchwachsene Leistungen vor leeren Rängen, mit Höhen und Tiefen, am Samstag ein zum Teil mühsames 7:5, 7:6 (3) gegen Alejandro Davidovich Fokina.

Gegner im Finale, das am Sonntag um 14 Uhr beginnt, wird Félix Auger-Aliassime sein. Der gerade mal 20-jährige Aufsteiger aus Kanada setzte sich im Generationen-Duell gegen den Spanier Roberto Bautista Agut, 32, mit 6:3, 1:6, 6:3 durch und war verblüfft über sich selbst: "Der erste Satz war einer der besten, die ich je gespielt habe." Gegen Zverev muss er dieses Niveau wieder zeigen. "Ich denke, für das Turnier wird es extrem interessant sein, wenn ich gegen einen jungen Spieler spiele", hatte der 23-jährige Deutsche zu einem möglichen Duell mit Auger-Aliassime gesagt: "Aber natürlich möchte ich alles dafür tun, dass ich dieses Finale gewinne."

Der Mann aus Málaga quält Zverev mit Vorhandstopps

Zverev sah sein Halbfinale "auf einem höheren Niveau" als das Spiel am Freitag, als ihn der junge Südafrikaner Lloyd Harris in einen dritten Satz gezwungen hatte. In beiden Partien leistete sich Zverev Konzentrationslücken. Gegen Harris lag er nach gewonnenem ersten Durchgang bereits mit Break vorn, bevor er sich einen Extrasatz einbrockte; und auch gegen Davidovich Fokina war Zverev bei 7:5, 4:1 nur noch zwei solide Aufschlagspiele vom Erfolg entfernt - als er sich und seinem bis dahin fulminanten Service ein Päuschen gestattete und den Gegner einlud, von einem dritten Satz zu träumen. In diesen Minuten ließ die Körpersprache von Zverev zu wünschen übrig, die Schultern wurden schlaff und die Streuung der Bälle nahm zu. "Natürlich wollte ich meinen Aufschlag nicht abgeben. Aber letztlich ist es wichtig, einen Weg zu finden, um das Match zu beenden", sagte er.

Er sieht Davidovich Fokina als "Spieler, der rasch seinen Weg nach oben schaffen wird", und der grundsolide, 1,83 Meter große Spanier zeigte in der Tat einige Anlagen, die ihn als nervigen Kontrahenten auszeichnen: lange, satte Grundschläge sowie einen teuflisch effektiven Vorhand-Stopp, der im Ansatz kaum zu erkennen ist, weil der 21-Jährige ihn mit derselben Armbewegung einleitet wie seinen Top-Spin-Treibschlag. Mehr als ein Dutzend Mal setzte der Mann aus Málaga den Schlag ein, bis tief in den zweiten Satz hinein mit beachtlicher Erfolgsquote. Es ist auch der perfekte Schlag, um den Gegner zu frustrieren, und vor gar nicht allzu langer Zeit wäre Zverev unbedingt gefährdet gewesen, sich aus dem Rhythmus bringen zu lassen und ausgiebig zu lamentieren.

Zverev lässt die dreisten Spielchen des Spaniers abperlen

Aber der Alexander Zverev von 2020 ist deutlich weiter als er es vor Jahresfrist war. Er ließ diese dreisten Spielchen an sich abperlen - und punktete gegen einen Stopp, als es besonders wichtig war: bei 1:1 im Tie-Break des zweiten Satzes. Einen Ballwechsel später blieb Davidovich Fokina nach einem erfolgreichen Smash des Deutschen an einer Werbebande hängen. Sein Finger blutete in der Folge so stark, dass er aufwendig behandelt werden musste, erst nach einigen Minuten ging es weiter.

Diesmal ließ Zverev nichts mehr zu und erreichte sein erstes Endspiel auf der Tour seit dem jetzt schon legendären US-Open-Finale von New York, als Zverev im September seinen ersten Grand-Slam-Titel denkbar knapp verpasste. Natürlich wirkt das weiterhin nach. "Was denken Sie denn?", fragte Zverev in Köln zurück, als jemand wissen wollte, ob er noch an das verlorene Endspiel gegen Dominic Thiem denke. Und dann bestätigte er: "So jeden Tag 20 bis 25 Mal. Nachts auch. Und in meinen Träumen auch. Ich war" - bei 6:6 im Tie-Break des fünften Satzes - "zwei Punkte davon entfernt, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen...", sagte Zverev und ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen. Um dieses Trauma zu überwinden, muss er ein Grand-Slam-Turnier bestreiten, das kann frühestens 2021 geschehen. Bis dahin sind kleine Aufmunterungen wie ein Turniersieg in Köln sehr willkommen.

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