Süddeutsche Zeitung

Blindentennis:"Ich stell' mir das Tennisfeld von der Seite vor"

Michael Wahl sieht nichts - und tritt bei Blindentennis-Turnieren an. Der deutsche Meister erzählt, wie er sich orientiert und warum er Nick Kyrgios mag.

Interview von Dariusch Rimkus

Erfolgreiche Tennisspieler haben ein gutes Auge für den Raum, haben Übersicht und schlagen Bälle dorthin, wo der Gegner sie am wenigsten erwartet. Michael Wahl spielt auch Tennis - jedoch ganz anders. Denn der 38-jährige Kölner ist blind. Vom 9. Juni an tritt der amtierende Deutsche Meister beim einzigen internationalen Blindentennis-Turnier in Alicante in Spanien an. Ein Gespräch über einen Sport, den man sich nicht vorstellen könnte, wenn man ihn nicht sieht.

SZ: Herr Wahl, wie unterscheidet sich Blindentennis vom regulären Tennis?

Michael Wahl: Das Feld ist kleiner, das Netz ist ein wenig niedriger und der Ball ist von Schaumstoff umgeben und rasselt. Der Ball darf drei Mal aufkommen. Das erste Aufkommen braucht man, um die grobe Richtung des Balls zu erfassen, da entscheidet man: Spiel ich mit der Vorhand oder mit der Rückhand? Das zweite braucht man, um die Geschwindigkeit abschätzen zu können. Das dritte hat man für die Feinjustierung, damit man sich genau positioniert und dann durchschwingt. Der Rest ist Gefühl, man entwickelt im Kopf so ein eigenes dreidimensionales Bild und denkt: Da müsste der Ball jetzt eigentlich sein. Bei den richtig guten Spielern kommt auch mal ein Ballwechsel mit fünf, sechs Netzüberquerungen zustande. Bei Anfängern gibt es meistens nur einen Aufschlag und dann ist's fertig.

Wie orientieren Sie sich auf dem Platz?

Ich bin in einer Sehklasse, in der wir Dunkelbrillen tragen, wir sehen gar nichts mehr. Abgesteckt sind alle Linien mit Kreppband, das man mit den Schuhen oder Händen ertasten kann. Zudem weiß ich: Wenn ich große Schritte mache, sind es siebeneinhalb von der Grundlinie zum Netz und zur Seite sind es meistens zu jeder Seite vier Sidesteps.

Auf welche Stärken kommt es beim Blindentennis besonders an?

Manche Spieler sind Ende zwanzig, andere an die 60. Es braucht eine gewisse Grundfitness, aber wir gehen nicht drei Mal die Woche pumpen. Das Hören, die Orientierung und Ballgefühl gehören im Blindentennis auch dazu, aber wichtig ist vor allem die Konzentration. Im Finale der Deutschen Meisterschaft vor ein paar Wochen in meiner Spielklasse hat mein Gegner, mit dem ich gut befreundet bin, durch einen Doppelfehler beim Aufschlag verloren. Das tat mir auch wirklich leid, so will keiner seinen letzten Punkt weggeben.

Blindentennis wurde in den Achtzigern in Japan konzipiert und ist erst 2016 nach Deutschland gekommen. Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Ich habe vorher lange Blindenfußball gespielt. Im Oktober 2016 war ich mit einem Fotografen unterwegs, um die Barrierefreiheit von Bahnen zu testen. Er sagte, er wäre neulich bei einem Workshop für Blindentennis gewesen. Da habe ich reagiert, wie jeder andere. Blindentennis konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Dann habe ich etwas recherchiert und bin mal zum Training gegangen. Dort habe ich dann in der ersten Trainingseinheit von ungefähr dreißig zu mir geschlagenen Bällen gerade mal einen getroffen habe. Das hat mich dann so frustriert und auch motiviert, das zu schaffen.

Wie Michael Wahl beim regulären Tennis mitfiebert

Schauen Sie auch reguläres Tennis?

Das mache ich schon, ich habe auch Live-Tennismatches gern. Man kriegt schon mit, wer gerade aufschlägt. Und wenn der Ball dann sieben Mal übers Netz geflogen ist und mit dem achten Schlägerkontakt der Punkt gemacht wird, dann weiß man, der muss an den Aufschläger gegangen sein. Ich stell mir dann das Tennisfeld von der Seite vor. Also nicht von oben wie im Fernsehen, sondern quasi als wäre ich unter dem Schiedsrichterstuhl. Und dann überlege ich mir: "Wo schießen sie die Dinger jetzt hin?"

Haben Sie einen Lieblings-Tennisspieler?

Es gibt so einen durchgeknallten Australier oder Griechen, wie heißt der denn nochmal...

...Nick Kyrgios?

Ja, genau. Ich find' den witzig von der Spielart, weil er ganz abgefahrene, riskante Bälle spielt, das ist einfach Entertainment. Diese Big Points, die hört man schon am Applaus des Publikums. Zum Beispiel, wenn jemand in totaler Bedrängnis quasi rückwärts im Fallen die beidhändige Rückhand spielt, die genau hinten in die Ecke reinpasst, sowas finde ich toll. Das kam bei dem Kyrgios jetzt schon öfter vor.

Nun treten Sie in Spanien gegen die besten Spieler der Welt an...

Es gibt einen guten Mexikaner, einen starken Spanier, einen Pakistaner, die Japaner sowieso. Die haben sehr viele gute Spieler. Einen von denen habe ich letztes Jahr geschlagen, das war die Sternstunde meines Tennis bisher (lacht). Ich versteh jetzt noch nicht mal, wie das geklappt hat. Das war, als würde Alexander Zverev gegen Rafael Nadal gewinnen. Hat er, glaub ich, noch nie. Wenn ich in Spanien ins Halbfinale käme, wäre das schon ein riesiges Ding.

Wie ist die Fahrt nach Spanien finanziell geregelt?

Das zahlen wir alles selbst: für Startgeld und Hotel 700 Euro, dazu noch die Flüge. Es gibt einige deutsche Spieler, die nicht mitkommen können, weil sie einfach nicht genug Geld verdienen. Und das ist schade. Da ist noch niemand, der uns Geld gibt.

Beobachten Sie in Deutschland eine steigende Anzahl an Blindentennisspielern?

Wir sind ja noch ganz am Anfang. Aber an allen Standorten kommen in den letzten Monaten einige Interessierte dazu. Wir haben bei uns einen Spieler, einen jungen Mann, der ist blind und lernbehindert. Und der fährt ganz alleine ohne irgendjemand anderen durch Köln, bis ganz ans andere Ende, muss drei Mal umsteigen. Der hat keine Hilfe dabei, sondern fragt sich jedes Mal durch. Das meine ich mit Mobilwerden. Wenn Menschen durch einen Unfall erblindet sind oder durch eine blöde Krankheit, sind sie oft erstmal geschockt und viele hocken depressiv in der Wohnung rum. Wenn man die Story des jungen Mannes einem Pädagogen erzählen würde, würde der sagen: "Vollkommen verrückt. Das geht nicht." Doch. Macht er jeden Freitag. Und das sind so die Momente, wo ich mir denke: "Yes. So muss es sein."

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