Süddeutsche Zeitung

SSV Jahn Regensburg:Mit vollem Tank

Nach einer ungewohnt starken Vorbereitung startet der SSV Jahn Regensburg am Samstag in Darmstadt in seine fünfte Zweitliga-Saison in Serie. Ihre Mannschaft konnten die Oberpfälzer dafür noch einmal verstärken.

Von Johannes Kirchmeier

Ein wenig geht es Christian Keller gerade wie einem Formel-1-Fahrer, der im Frühjahr zum ersten Mal sein neues Auto anwirft für die Testfahrten. Der Geschäftsführer von Jahn Regensburg hat ein ganz gutes Gefühl nach den ungewohnt starken Vorstellungen seiner Mannschaft in der Sommerpause, das schon. Trotzdem ist er nicht ganz sicher, was er von diesen halten darf. Sechsmal sind die Zweitliga-Fußballer bislang angetreten zu Testspielen, fünfmal gingen sie als Gewinner, einmal mit einem Remis vom Platz, sie schossen 14 Tore und kassierten nur zwei. Doch wie voll oder wie leer war der Tank bei den gegnerischen Teams? Und hatten die nicht noch Komponenten aus der letzten Saison an ihren Autos?

So ganz weiß man ja nie, ob einem da gerade völlig übertrainierte Kicker entgegenstehen, die das neue System noch nicht ganz verinnerlicht haben, oder doch höchst fitte mit ausgefeiltem, aber leistungsschwächerem Antrieb. Für Keller sind Vorbereitungsspiele ein "Muster ohne Wert, auch wenn wir uns natürlich über die positiven Ergebnisse gefreut haben".

Am Samstag (13.30 Uhr) starten seine Regensburger beim SV Darmstadt 98 in die Saison, zumindest wenn der Gegner von weiteren Corona-Fällen (bislang drei) verschont bleibt. "Wir sind bereit. Wir sind hungrig", sagt Jahn-Trainer Mersad Selimbegovic. Nun wird sich zeigen, wie gut seine ungeschlagenen Oberpfälzer wirklich sind, wenn beide Teams mit gleich vollen Tanks starten. Aber klar, so ein 4:0 gegen den Regionalliga-Mitfavoriten Bayreuth schmeckt ihnen schon besser als das 1:4 gegen Schweinfurt vor vier Jahren - oder das mühevolle 1:0 gegen Schalding-Heining von 2019, an das sich Keller noch erinnert.

Der Jahn wird langsam aber sicher eine prominentere Adresse im deutschen Fußball

Der Geschäftsführer ist mittlerweile seit acht Jahren beim Verein, er hat die Tiefen in der Regionalliga Bayern, zuletzt aber auch viele Höhen erlebt. Der Klub startet gerade in seine fünfte Zweitliga-Saison in Serie - das gab es noch nie, und Keller ist der Hauptverantwortliche dafür. Ebenso wie für das Transfer-Ressort, und auch das hielt eine Neuheit bereit beim Jahn: Aus der Stammelf verließ dieses Mal nur Sebastian Stolze im Sommer den Verein - und die Neuen können anders als in anderen Jahren sofort weiterhelfen: "Ich gehe schon davon aus, dass alle bereits in der ersten Saisonphase auf Zweitliga-Niveau sind", sagt Keller. "Da ist jetzt niemand dabei, der erst in acht, neun Monaten helfen kann." Der Jahn wird langsam aber sicher also eine prominentere Adresse im deutschen Profifußball. Sarpreet Singh etwa erhofft sich nach seiner Leihe zum SSV langfristig beim FC Bayern durchzustarten, in Leon Guwara und Steve Breitkreuz kamen zwei stabile Zweitliga-Verteidiger. "Die Wahrheit liegt auf dem Platz, aber die Grundqualität ist höher als in den Vorjahren", findet Keller. Die Nachfrage nach dem bisher besten Keller-Kader in Regensburg bietet sich also an, er will sie nicht bejahen, aber das defensive Korsett sei nun schon sehr gut - und die Offensive immerhin befriedigend bis gut.

Dort ist halt ein altes Manko auch in der Vorbereitung wieder aufgetaucht: die Fähigkeit, die letzte Entscheidung im Strafraum so zu treffen, dass daraus ein Tor entsteht. Lediglich der weiter gesetzte Mittelstürmer Andreas Albers (14 Treffer) schoss in der vergangenen Saison mehr als zehn Tore. "Wir müssen aus der zweiten Reihe und nach Standards gefährlicher sein", sagt Selimbegovic - sie haben daran schon gefeilt in der Vorbereitung. Auch der Zugang Aygün Yildirim, 26, vom SC Verl soll dabei nach 14 Toren in Liga drei mithelfen, aktuell fällt er aber wegen eines Fußbruchs noch aus, möglicherweise kann er Ende August erstmals am Mannschaftstraining teilnehmen.

Und eine Frage ist vor dem Start selbstredend auch noch nicht ausdiskutiert: Was hilft einem der bestbesetzte Kader, wenn man es mit der laut Keller "sicherlich bestbesetzten zweiten Liga aller Zeiten" aufnehmen muss? Das Saisonziel bleibt einmal mehr Rang 15, der Verbleib in der zweithöchsten Spielklasse. Dass die Regensburger dank ihres schnellen Umschaltspiels ihre Freude daran haben, gegen die Großen anzutreten, davon zeugen unter anderem der 5:0-Sieg beim Hamburger SV vor drei Jahren, das 5:3 beim 1. FC Köln vor zwei Jahren oder der Viertelfinal-Einzug im DFB-Pokal in der Vorsaison.

Letzterer kam in Zeiten der Pandemie nicht ungelegen. Auch wegen der ungeplanten Mehreinnahmen von mehr als zwei Millionen Euro kann Keller sagen: "Wir sind bis dato trotz immenser Herausforderungen vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen und haben noch keine Substanz verloren." Anders als viele andere Profiklubs hat der SSV Jahn trotz erheblicher Umsatzverluste auch im zweiten Corona-Jahr Gewinn gemacht. Dabei half natürlich auch der freiwillige Gehaltsverzicht der Spieler, die am Samstag das allgemein gute Gefühl in Regensburg auch auf dem Platz möglichst bestätigen wollen.

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