Süddeutsche Zeitung

Spanien in der WM-Qualifikation:In Paris lauern die Dämonen

Titelverteidiger Spanien läuft Gefahr, sich nicht auf direktem Weg für die WM 2014 zu qualifizieren. Am Dienstag im Auswärtsspiel in Frankreich findet wohl schon das Gruppenfinale statt. Dabei gilt es, ein schmerzliches Déjà-vu zu vermeiden.

Nach Paris, nach Paris! Es ist Finale, gewissermaßen. Wenn Spanien an diesem Dienstag im Stade de France in der Qualifikation für die WM 2014 auf Frankreich trifft, dann geht es schon um fast alles. Wenigstens für die amtierenden Welt- und Europameister, die gerade von kuriosen, ungewohnten Selbstzweifeln geplagt werden. Verliert Spanien, hat es in dieser Gruppe I, einer so genannten Todesgruppe, drei Spielrunden vor Schluss fünf Punkte Rückstand auf Frankreich. Die Chancen auf eine Direktqualifikation wären marginal. Man müsste wohl in die Entscheidungsspiele der Gruppenzweiten. Es könnte dann tatsächlich sein, eine Premiere in der Geschichte der Weltmeisterschaften, dass der Titelverteidiger seinen Titel nicht verteidigen kann. Grotesk wäre das, nicht nur aus der Sicht der Spanier.

Doch das Lamento ist auch müßig, man hat sich schließlich höchst eigenfüßig in diese Lage versetzt - am Freitagabend gegen das bescheidene Finnland, im vollen und generös anfeuernden Stadion El Molinón in Gijon. Es gab nur ein Remis, ein 1:1. Es war eine Begegnung mit vielen Déjà-vu-Erlebnissen. "La Roja" spielte mal wieder wie der FC Barcelona in dessen eher statischer Version, kombinierte viel und meist horizontal, blieb aber recht harmlos. In der Startelf standen nicht weniger als sieben Barça-Akteure. Am Ende resultierte diese Statistik: 78 Prozent Ballbesitz, 17:0 Eckstöße, 70 Vorstöße in den finnischen Strafraum, 30 Abschlüsse. Und eben: Ein Tor - von Sergio Ramos in dessen 100. Spiel für die Nationalmannschaft (49.).

Die Finnen taten, was Finnen in einem solchen Spiel nun mal bestenfalls tun können: Sie warteten, verteidigten, mauerten. Sie spielten also, wie die meisten Vereinsmannschaften gegen Barça spielen. Und hofften auf einen guten Konter, einen einzigen. Der reichte dann auch: Teemu Pukki, der junge Stürmer von Schalke 04, schob in der 79. Minute zum Ausgleich ein. Einer schien die Gefahr schon vor dem Gegentor aufziehen sehen, ein sonst überaus ruhiger Zeitgenosse mit einem Hang zum Phlegma: Vicente del Bosque, der spanische Nationalcoach, mit 69 Spielen nunmehr der Rekordhalter auf der Bank der "Roja", gestikulierte wild am Spielfeldrand, brüllte taktische Anweisungen auf den Platz, forderte mehr Ordnung in der Abwehr ein. Die Rufe gingen unter.

"Es schien doch ganz unmöglich zu sein", sagte del Bosque, "dass die Finnen ein Tor erzielen und das Unentschieden halten können." - "Imposible!" Noch ein Déjà-vu: So klang es in Spanien vor einigen Wochen schon einmal, als die schier dämmerfrei gewähnte Dominanz des FC Barcelona zu wanken begann, als drei Niederlagen in Serie gegen den AC Mailand und Real Madrid bereits das Präludium einer unabwendbaren Götterdämmerung zu bedeuten schienen. Und so hofft das stark barcelonisierte Spanien nun, es könne die trotzige Reaktion Barças wiederholen, dessen Auferstehung in der Champions League gegen Milan mit einem 4:0-Sieg, diesen Esprit: nach Paris fahren und Frankreich bezwingen. Samt der Zweifel, diesen Dämonen. Nach Paris, nach Paris!

Doppelter X-Faktor

Spanien kann dann wieder auf den doppelten X-Faktor zählen: Xavi&Xabi. Gegen Finnland fehlten Xavi Hernandez und Xabi Alonso, die Schrittmacher im Mittelfeld. Die Madrider Sportzeitung Marca förderte am Sonntag die Zuversicht zusätzlich mit einer Bildergalerie spanischer Sporttriumphe in Paris: Man sieht da unter anderem Rafael Nadal als König von Roland Garros, Alberto Contador als Sieger der Tour de France - und den FC Barcelona, natürlich, als Gewinner der Champions League, im Mai 2006, im Finale gegen Arsenal, ebenda: in Paris, im Stade de France. Für Marca ist Paris gar unter allen Städten dieser Welt der "Talisman" des spanischen Sports. Wenn das mal nicht mitspielt, zumindest in den Köpfen.

Ganz gut steht es dagegen um die Köpfe der Franzosen. Didier Deschamps, dem neuen Trainer der "Bleus", der schon als Spieler ein seriöser und bescheidener Profi war, scheint es zu gelingen, aus einem Ensemble vormals notorisch flegelhafter Solisten ein Team mit recht engagiertem und manierlichem Auftritt zu formieren. Daran hatte es ja oft gemangelt: am Engagement. DD, wie sie ihn nennen, hat einige Flegel ausgemustert, andere neu motiviert und Junge nachgezogen. Die Franzosen haben wieder Freude an ihren Nationalspielern. An den meisten wenigstens.

Nur Karim Benzema von Real Madrid fällt aus dem Rahmen, ausgerechnet der Mittelstürmer der Mannschaft. Benzema ist nicht nur seit 929 Minuten oder nunmehr elf Länderspielen ohne Torerfolg, was in seiner Rolle schon bedenkenswert ist. Vor einigen Tagen ließ der Sohn algerischer Einwanderer ohne dringenden äußeren Anlass ausrichten, er werde auch in Zukunft nie die französische Nationalhymne, die Marseillaise, mitsingen. Das ist sein gutes Recht. Auch Michel Platini sang nie mit.

Doch Benzema sagt es so, als wollte er seine Weigerung als politisches Statement verstanden wissen, als eine Art Trotzgeste gegen die Republik. Und das kommt schlecht an bei den Franzosen.

Hätte er nur geschwiegen. Am Freitag im Heimspiel gegen Georgien (3:1) pfiffen ihn die Fans aus. Die Tore schossen andere: Giroud, Valbuena, Ribéry. Die Sportzeitung L' Equipe fragt schon rhetorisch: "Braucht es Benzema?" Er schweigt. Ist vielleicht besser so. Trifft er in diesem kleinen Finale, schießt er Frankreich gar zum Sieg gegen den Weltmeister, dann kriegt Karim Benzema wohl eine national verordnete Gesangsdispens auf Lebenszeit.

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SZ vom 25.03.2013/ska
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