Süddeutsche Zeitung

S04 in der Bundesliga:Wie stopft Schalke seine Löcher?

Der Verbleib in der Bundesliga ist sicher - aber mit welcher Mannschaft soll Schalke kommende Saison spielen? Das Geld ist knapp und etliche Spieler stehen vor dem Abschied.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Eigentlich mögen es Trainer nicht, wenn sich einer aus dem Klub, der über Profi-Erfahrung und Reputation verfügt, öffentlich in ihre Arbeit einmischt. Und schon gar nicht mögen sie es, wenn sich dieser Jemand dann im Spiel zwischen die Ersatzleute setzt und den Spielern auf dem Rasen lautstark Anweisungen gibt, als hätte in Wahrheit er das Sagen. Aber Schalkes Coach David Wagner hatte am Sonntagabend nichts einzuwenden gegen den zweiten Cheftrainer, der hinter seinem Rücken die Partie gegen Bayer Leverkusen dirigierte.

Benjamin Stambouli, wegen einer Fußverletzung seit Ende Oktober ein Kapitän außer Dienst, assistierte vielmehr auf Wagners ausdrücklichen Wunsch als inoffizieller Co-Kommandeur. Im T-Shirt und mit Baseballkappe aus dem Fanshop saß der 29 Jahre alte Franzose hinter der Trainerbank und coachte die Kollegen mit Feuereifer vom Anpfiff bis in die siebte Minute der Nachspielzeit. "Das tut der Mannschaft wahnsinnig gut", stellte Wagner fest. Stambouli hatte somit seinen Anteil am 1:1-Unentschieden gegen Bayer 04, das dank der kämpferischen Leistung der Not-Elf allenthalben als Erfolg bezeichnet wurde, obwohl es einen negativen Klubrekord markierte: Schalke blieb auch im 13. Spiel hintereinander ohne Sieg.

Stambouli kam vor vier Jahren aus Paris nach Gelsenkirchen, er war eine der ersten Erwerbungen des neuen Managers Christian Heidel. Im Sommer endet sein Vertrag, es ist von beiden Seiten fraglich, ob er fortgeschrieben wird. Stambouli beteuert immer wieder glaubhaft, diesen seltsamen Verein in sein Herz geschlossen zu haben, aber Schalke weiß nicht, ob es sich eine Fortsetzung der Liebesgeschichte leisten kann. Dass die Lage "wirtschaftlich schwierig" sei, das habe man ja "in aller Ausführlichkeit kundgetan", bemerkte am Sonntag der Sportvorstand Jochen Schneider. Als Verteidiger mag Stambouli entbehrlich sein, aber als Spieler mit hohem Beliebtheitswert, Charakter und Charisma ist er eine Rarität in dieser Mannschaft. "Wir haben sowieso nicht so viele Führungsspieler in unserem Kader", sagte Wagner, "es hilft, wenn sie zumindest in der Nähe sind." Notfalls in T-Shirt und mit Baseballkappe, obwohl Stambouli als stilbewusster Individualist ja üblicherweise eine schicke Schiebermütze bevorzugt.

Trainer Wagner fehlen zehn Profis

Womöglich täuscht der Eindruck, aber der Trainer gab zuletzt nicht zu erkennen, dass er den Job auf Schalke noch als Gnadengeschenk betrachten würde wie in den ersten Monaten seines Engagements. Am Sonntag zeigte er sich zumindest kampfeslustig, als er dem Sky-Reporter Ecki Heuser sarkastisch dafür dankte, der Mannschaft einen zusätzlichen "Biss an Motivation" verschafft zu haben. Heuser hatte vor der Partie den Bayer-Coach Peter Bosz provokativ gefragt, ob man sich über einen (Pflicht-)Sieg gegen diese zerrupfte Schalker Truppe überhaupt freuen könne.

Tatsächlich ließ Wagner in Abwesenheit von zehn verletzten Profis eine Elf antreten, die sogar die Stadionregie überforderte: Vom Debütanten mit der Nummer 40, dem U-19-Kapitän Can Bozdogan, gab es nicht mal ein Foto. Seit Dezember hatte Bozdogan kein Spiel mehr bestritten, "insofern war es spannend, was wir von ihm kriegen", meinte Wagner. Das Resultat konnte sich sehen lassen. Das Schalker Verlegenheitsteam stellte als Kampfeinheit einen Gegenentwurf zum zerrissenen Bild dar, das der Verein zuletzt vor seinem Publikum abgegeben hatte. Die Leverkusener taten ihren Teil dazu, indem sie sich anstellten, als hätten auch sie sich von tendenziösen Reporterfragen inspirieren lassen. Der Favorit schaffte es nicht, sich in die nötige Spannung zu versetzen. Peter Bosz behielt seinen Verdruss jedoch lieber für sich und verwies auf ein Sprichwort aus der Heimat: "In Holland sagt man: Nicht ärgern, nur wundern!"

Im Transfersommer ist Kreativität gefragt

Ob Wagners Job in Gelsenkirchen demnächst wieder etwas vergnüglicher wird, das hängt weniger vom Ende der unglücklichen Serie ab, als von der Kreativität seiner Vorgesetzten in diesem extrem unübersichtlichen Transfersommer. Im Kader werden sich etliche Lücken auftun: Die geliehenen Michael Gregoritsch, Jonjoe Kenny, Jean-Clair Todibo kehren wohl zu ihren Vereinen zurück, Alexander Nübel geht zu den Bayern, Stamboulis Verbleib ist ebenso fraglich wie der von Daniel Caligiuri. Auf seiner mutmaßlichen Abschiedstournee muss Ersatzkapitän Caligiuri, 32, nun auch noch eine Pause einlegen. In Frankfurt wird er wegen einer Gelbsperre fehlen.

Noch ein Ausfall. Wie er Caligiuris Fehlen zu kompensieren denke, wurde Wagner nun gefragt: "Das kann ich beim besten Wissen nicht sagen", antwortete der Trainer und klang dabei angemessen fatalistisch.

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Quelle:
SZ vom 16.06.2020/schm
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