Süddeutsche Zeitung

SC Paderborn:Der Unmut des Underdogs

Der Tabellenletzte der Bundesliga klagt darüber, dass er von den Schiedsrichtern benachteiligt werde.

So wie Torsten Lieberknecht würde in Paderborn niemand reden. Vor sieben Jahren hatte Lieberknecht als Trainer von Eintracht Braunschweig das deprimierende Gefühl beschlichen, dass er mit seiner Mannschaft in der Bundesliga von den Schiedsrichtern benachteiligt werde, also hatte er geklagt: "Es gibt Momente, da merkst du, dass du nur der kleine Pissverein bist." Wie gesagt: Pissverein, das würde in Paderborn sicher niemand sagen. Aber dieses Gefühl, das Lieberknecht damals hatte, das kennen sie auch dort ganz gut.

Am Sonntagabend zum Beispiel begann Trainer Steffen Baumgart nach dem 2:4 gegen Wolfsburg die Pressekonferenz mit folgenden Worten: "Ich möchte mich vorab bei meinem Sportlichen Leiter Martin Przondziono entschuldigen, weil er mich gebeten hat, etwas ruhiger zu sein - aber ich möchte nicht den Mund halten, tut mir leid." Dann sprach Baumgart erst über einen Platzverweis für seinen Spieler Gerrit Holtmann und dann über einen potenziellen Platzverweis, den der Wolfsburger Josuha Guilavogui eben nicht bekommen hat. "Es wird mit zweierlei Maß gemessen", sagte Baumgart, "das ärgert mich."

Beim 2:4 gegen Wolfsburg sah Sportdirektor Przondziono Gelb

1:1 stand es, als Holtmann in der 34. Minute nicht ganz zu Unrecht die rote Karte sah. Er hatte in einem Zweikampf den Arm des Wolfsburgers Renato Steffen erst eingeklemmt und dann auch noch nach Steffen geschlagen. Dabei traf er ihn an der Schulter. Der Schiedsrichter Patrick Ittrich verhängte also keine Fehlentscheidung, als er Holtmann vom Platz schickte. Doch 14 Minuten zuvor hatte er es nicht geahndet, dass der gelbvorbestrafte Guilavogui in einem Zweikampf dem Paderborner Sebastian Vasiliadis auf den Fuß getreten war. Ittrich stand fünf Meter daneben und hatte freien Blick. Er ermahnte Guilavogui. In der 80. Minute dagegen sah Paderborns Vasiliadis die gelbe Karte, nachdem er in einem Zweikampf dem Wolfsburger Xaver Schlager in genau derselben Manier auf den Fuß getreten war. "Wir sind der Underdog, mit dem man das ja machen kann", schimpfte der Abwehrspieler Uwe Hünemeier. Weil sie vor zwei Gegentoren katastrophale Ballverluste fabriziert hatten, aber womöglich auch, weil sie fast eine Stunde lang mit einem Spieler weniger auf dem Feld standen, verloren die Paderborner 2:4. Sie sind wieder Tabellenletzter.

Vor vier Jahren haben Wissenschaftler untersucht, welche Klubs in der Bundesliga unter Fehlentscheidungen besonders stark leiden, und sie wollen herausgefunden haben, dass diejenigen mit dem geringsten Image und Standing tatsächlich benachteiligt werden. Über die Gründe konnten die Wissenschaftler damals nur spekulieren, aber für die Lösung des Problems hatten sie eine Idee: Es brauche den Videobeweis. Darüber können sie in Paderborn bloß lachen. "Wozu haben wir den Videobeweis eigentlich?", schimpfte Baumgart am Sonntagabend.

Es ist kein Wunder, dass der Sportdirektor Przondziono nach dem Spiel den Trainer bat, sich ein wenig zurückzuhalten, denn er könnte befürchten, dass mit jeder öffentlichen Kritik an den Schiedsrichtern die Lage für Paderborn prekärer wird. Vor drei Monaten hatte Przondziono nach einer 0:1-Niederlage gegen Augsburg berichtet, der vierte Offizielle Martin Thomsen habe nach einer Beschwerde während des Spiels zu ihm gesagt: "Dann spielt ihr Blinden doch besser Fußball." Thomsen hat diese Aussage anschließend vehement bestritten. Przondziono verzichtete auf eine schriftliche Beschwerde. "Am Ende steht Aussage gegen Aussage, und wir werden als schlechte Verlierer hingestellt", sagte er damals. Ein Vierteljahr später ahnen sie in Paderborn, dass es um ihr Verhältnis zur Schiedsrichtergilde nicht allzu gut steht. "Vielleicht wäre es hilfreich, wenn wir uns mal in Ruhe zusammensetzen", sagte Przondziono am Sonntag.

Dabei hatte Baumgart die Schiedsrichter vor dem Spiel noch gelobt. "Das deutsche Schiedsrichterwesen ist mit das beste der Welt", hatte er gesagt. Der oft aufbrausende Baumgart hat in dieser Saison schon drei Mal die gelbe Kartegesehen, nach der nächsten wird er für ein Spiel gesperrt. Ausgerechnet am Sonntag hat er sich aber ganz gut kontrollieren können, im Gegensatz zum Sportlichen Leiter. Es war Przondziono, der in der 66. Minute Gelb wegen einer übertriebenen Beschwerde bekam.

Am Montag wollte der Sportdirektor die Lage nicht weiter eskalieren lassen. "Ich will das jetzt erst einmal sacken lassen", sagte er, wohlwissend, dass ein schärferer Konflikt mit den Schiedsrichtern Paderborns Chancen auf den Klassenerhalt nicht gerade erhöhen würde. Auch Mannschaft und Trainer haben also einfach das getan, was sie selbst beeinflussen können: Sie haben trainiert.

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SZ vom 04.02.2020
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