Süddeutsche Zeitung

Österreich in der WM-Quali:"Das war Wahnsinn, Zirkus"

Österreichs Fußballer wollen das Image der Pleitenation abschütteln, kassieren aber in der WM-Quali einen kuriosen Gegentreffer. Gegen Serbien hofft man an diesem Abend wieder auf Marko Arnautovic.

Das kannten die Österreicher schon. Der Gegner hat einen Einwurf, ein Spezialist wirft den Ball weit hinein in den Strafraum. Das Vorhaben ist klar: per Kopfball an den Fünfmeterraum verlängern, dort die Kugel ins Tor drücken. Der Plan ist einfach und allen Beteiligten bekannt. Dumm für Österreich, dass er für den Gegner wieder einwandfrei aufging.

Bei der Europameisterschaft in Frankreich war die Mannschaft schon an diesem Spielzug gescheitert. Einwurf Aron Gunnarsson, verlängert von Kari Arnason, Tor Jon Dadi Bödvarsson. Das 0:1 gegen Island konnten sie nicht mehr umbiegen, sie flogen nach der Vorrunde nach Hause. Diesmal warf Gareth Bale für Wales ein, Sam Vokes verlängerte, James Chester köpfelte den Ball aufs Tor.

Die Österreicher wollen das zweite große Turnier in Serie erreichen

Nun ist es keineswegs so, dass sich die Österreicher diesmal gegen das 1:2 Sekunden vor der Halbzeit im Wiener Ernst-Happel-Stadion nicht gewehrt hätten. Dadurch wurde es aber nur schlimmer. Linksverteidiger Kevin Wimmer war mitgesprungen mit Chester und per Hecht auf dem Rasen gelandet. Was dazu führte, dass der von Torwart Robert Almer abgewehrte Kopfball an Wimmers Wade prallte und erst von dort aus ins Tor kullerte. Allein mit dieser Szene hätte das WM-Qualifikationsspiel gegen Wales locker einfließen können in den reichen Katalog österreichischer Pannenspiele der vergangenen Jahrzehnte.

Die Nationalmannschaft hat sich aber zusammen mit dem Schweizer Trainer Marcel Koller aufgemacht, den Ruf der fußballerischen Pleitenation zu bekämpfen. Trotz dieses dummen Gegentores, trotz zweimaligen Rückstands und eines insgesamt freudlosen Spielverlaufs schaffte die Elf ein 2:2 gegen Wales, das bei der EM immerhin im Halbfinale gestanden hat. Österreich hat damit die Aussicht gewahrt, sich in der umkämpften Gruppe D die Teilnahme bei der WM zu erspielen.

"Ich habe den Spielern nach dem Match mitgeteilt, dass sie erwachsen geworden sind", erklärte Koller. Er meinte damit, dass sich seine Mannschaft von den Rückschlägen nicht aus dem Konzept bringen ließ. "Wir haben die Idee, wie wir spielen wollen, bis zum Schluss konsequent umgesetzt. Das ist eine Erfahrung, die wichtig ist."

Wales' Trainer gibt zu: "Österreich war besser"

Von Erfahrung war schon damals im Stade de France von Saint-Denis viel die Rede gewesen. Bei der EM war Österreich vor allem an sich selbst gescheitert. An seltsamen Formtiefs einiger Stammkräfte, an unglückseligen Spielverläufen. Und an kuriosen Aufstellungen des Trainers Koller. Angesichts einer erstmals gespielten Dreier-Abwehrkette und David Alaba im Sturm hatten nach der Pleite gegen Island erboste Beobachter den sofortigen Rücktritt Kollers erwartet. Doch der hatte nüchtern geantwortet: "Ich denke nicht, dass es ein persönliches Scheitern für mich ist." Wie die ganze Mannschaft habe auch er wichtige Erfahrungen für die Zukunft gesammelt.

Wales gesteht: "Österreich war besser"

Diese sollen nun helfen, die Qualifikation für die WM 2018 zu schaffen. Es stehen allerdings zwei weitere EM-Teilnehmer in der Gruppe G, Wales und Irland, dazu das stets unbequeme Serbien. Nach zwei Spieltagen führen diese vier Teams die Tabelle mit je vier Punkten an, am Sonntag tritt Österreich zum nächsten wegweisenden Spiel in Belgrad (20.45 Uhr) an.

Koller ist inzwischen zurückgekehrt zu einer bewährten Formation. Mit dem Bayern-Profi Alaba im zentralen Mittelfeld als Knotenpunkt für alle Spielzüge. Mit dem Mittelstürmer Marc Janko vom FC Basel ganz vorne drin und dem Bremer Zlatko Junuzovic dahinter. So erspielten sich die Österreicher eine erstaunliche Überlegenheit, das Spiel lief eigentlich nur in eine Richtung. Auch der Waliser Trainer Chris Coleman gab zu: "Österreich war besser."

Arnautovic glänzt als Teamspieler und Torschütze

Dabei zeigten Julian Baumgartlinger im Mittelfeld und Abwehrmann Aleksandar Dragovic, dass sie ihr neuer Arbeitgeber Bayer Leverkusen durchaus ein bisschen häufiger spielen lassen darf. Auch der ehemalige Kölner Kevin Wimmer deutete trotz des Malheurs beim 1:2 seine Fähigkeiten an, auch er kommt bei Tottenham kaum zum Einsatz.

Um die Niederlage gegen die sehr effektiven Waliser abzuwenden, brauchte es aber Marko Arnautovic. Das frühere Problemkind aus Wien-Floridsdorf ist jetzt 27 Jahre alt und zum seriösen Mannschaftsspieler gereift, ausgestattet mit außergewöhnlichem Talent. Am Donnerstag schoss er beide Tore für die Gastgeber. Und war dennoch sauer. "Das war natürlich unverdient, dass wir das Spiel nicht gewonnen haben", erklärte er. Seine Meinung zum 1:2? "Das war Wahnsinn, Zirkus."

Auch er ahnt, dass sich selbst eine erwachsene österreichische Mannschaft solche Einwurf-Nummern verkneifen muss, will sie 2018 das zweite große Turnier in Serie spielen.

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