Süddeutsche Zeitung

Neues Flugelement im Turnen:Bretschneiders Blödsinn zahlt sich aus

In der Turnwelt wird Andreas Bretschneider schon gefeiert wie ein Popstar: Der Chemnitzer hat am Reck ein tollkühnes Flugelement kreiert. Es ist so schwierig, dass der Weltverband einen neuen Wertungsgrad geschaffen hat.

Acapulco ist nicht der unangenehmste Flecken des Planeten, um das Jahr ausklingen zu lassen. Besonders, wenn man Berufliches auch noch mit Privatem verbinden kann. Im Fall von Andreas Bretschneider, 25, begrenzte sich sein Bewegungsradius im Süden Mexikos auf wenige Meter. "Alles war perfekt", sagt er. Einzig der Strand trennte den Pazifik vom Hotel, in dem er untergebracht war und in dem auch sein letzter Wettkampf des Jahres über die Bühne ging. Es fiel ihm schwer, den Badegang im 28 Grad warmen Ozean nicht den klimatisierten Räumen in der Halle vorzuziehen.

Doch er hatte nun mal bei den Mexican Open zugesagt. Also turnte er auch. Und weil er es ein paar Tage zuvor in Turnerkreisen zu Weltruhm gebracht hat, gehörte er im Dezember zu den Hauptfiguren in Acapulco und kann jetzt sehr viel besser nachempfinden, wie sich Vorzeigeturner Fabian Hambüchen in Deutschland fühlen muss.

Bretschneider konnte kaum einen Meter unerkannt gehen, er wurde angesprochen, betatscht und permanent vor irgendein Mikrofon gezerrt. Konkurrenten, Wertungsrichter aus entlegenen Ländern, deren Existenz er vorher nicht kannte, beglückwünschten ihn. Für den Chemnitzer ist das alles neu und aufregend. Er ist ein ganz passabler Turner, der aber auch in Deutschland nie groß aufgefallen war, er ist zwar bei den Großereignissen immer dabei, aber die Medaillen gewinnen bei Welt- oder Europameisterschaften andere. Seit dem Turn-Weltcup in Stuttgart Ende November ist das nun anders: Er hat an seinem Lieblingsgerät Reck eine Weltneuheit präsentiert (hier im Video), ein Flugelement, das sogar so schwierig ist, dass der Turn-Weltverband FIG dafür eigens den Wertungsgrad H erschaffen musste, bisher hatte die Kategorie G ausgereicht.

Der Gienger-Salto ist dagegen langweilig

Bretschneiders Salto mit zweifacher Längsachsendrehung wird nun in dem überarbeiteten Regelwerk Code de Pointage mit einer neuen Höchstwertung von 0,80 Punkten erscheinen. Ob das ausgefallene Element künftig auch den Namen seines Schöpfers trägt, kann im Moment aber niemand seriös beantworten. Man tritt den Herren Eberhard Gienger und Peter Kovacs nicht zu nahe, wenn man die nach ihnen genannten Salti als fast langweilig einstuft im Vergleich zu Bretschneiders tollkühnem Rückwärtssalto mit doppelter Schraube.

Der Gienger-Salto ist ein C-Teil, der gehockte Kovacs-Salto ein D-Teil, also Kleinigkeiten im Vergleich zur neu geschaffenen H-Wertung. Bretschneider verhehlt deshalb auch nicht, dass er die Namensgebung herbeisehnt. "Jeder Turner, der etwas anders behauptet, kann mir viel erzählen", betont er. Die Entscheidung oblag schließlich der Technischen Kommission der FIG. Kurz vor Weihnachten verweigerten die sieben nüchternen Herren nun nach langem Hin und Her die Anerkennung. Es ging hauptsächlich um Spitzfindigkeiten, um die Frage nämlich, ob die Team Challenge in Stuttgart, bei der Bretschneider das Element erstmals der Weltöffentlichkeit zeigte, zum Weltcup dazu gehört oder nicht. Sie verneinten das.

Was trainiert der Bretschneider da, dachten sich viele

In Acapulco war Bretschneider zuletzt auf ein Mitglied dieser Technischen Kommission getroffen. Der nette Herr aus Lettland wollte ihm natürlich nichts verraten, er merkte nur an, dass sich alle einig seien und er sich nicht entmutigen lassen solle - ganz gleich, wie ihr Urteil ausfällt. "Das haut mich nicht um", sagt der 25-Jährige nun, er die nimmt die Entscheidung sportlich hin. Er hat endlich Gewissheit. "Dann werde ich meinen Salto eben beim nächsten Weltcup in Cottbus noch einmal turnen."

Im März ist das. Auf die paar Wochen kommt es nun auch nicht mehr an. Zweieinhalb Jahre vergingen vom ersten Versuch bis zur Präsentation des Elements. Kaum einer hatte ihm zugetraut, dass er das hinkriegen werde. "Ich bin oft belächelt worden", sagt Bretschneider, weil er immer und immer wieder an der Stange vorbeigeflogen war. Der Bretschneider trainiert mit seinem Trainer Sven Kwiatkowski wieder irgendeinen Blödsinn, das hatten viele gedacht, auch Bundestrainer Andreas Hirsch. Er selbst hat sich mit seiner Trial-and-Error-Methode aber nicht verunsichern lassen, auch wenn er bei 800 Versuchen nur achtmal die Stange greifen konnte.

"Ich habe immer an meinem Traum festgehalten", sagt er. Mit besessener Detailarbeit und neuen biomechanischen Erkenntnissen samt verkabelter Reckstange am Leistungszentrum von Kienbaum gelang es ihm im Frühjahr schließlich, die Flugphase um eine Zehntelsekunde zu verlängern - diese Winzigkeit genügt, um seitdem den Rückwärtssalto mit doppelter Schraube stabil und verlässlich in seine Kür einzubauen.

Plötzlich auf einer Stufe mit Fabian Hambüchen

Sein Alleinstellungsmerkmal soll künftig aber nicht nur seinen Namen tragen, sondern auch für Medaillen gut sein. In Acapulco hat er das Reckfinale schon mal für sich entschieden. Mit seinem kreierten H-Teil hat er seinen Ausgangswert dem von Weltklasseturnern wie Hambüchen oder Olympiasieger Epke Zonderland angeglichen. "Aber für einen Platz auf dem Podium musst du auch die anderen neun Elemente sauber turnen und den Abgang gut stehen", bekennt er.

Dass einer von den Konkurrenten ihm jetzt womöglich noch alles streitig machen könnte, weil dieser das Flugteil früher bei einem Weltcup zeigt, befürchtet er nicht. Andreas Bretschneider geht zwar davon aus, dass sich schon einige Turner im Training daran versuchen. "Aber das Element im Wettkampf zu turnen, ist noch mal etwas anders, und jeder auf der Welt weiß jetzt, wer der rechtmäßige Erfinder ist."

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SZ vom 02.01.2015/schma
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